Newsflash: Mehr als einen Monat nach dem Versinken der Bohrinsel "Deepwater Horizon" wird die Lage am Golf von Mexiko immer schlimmer. Immer mehr giftiges Öl schwappt auf die Küste von Louisiana. Dort sind bereits dutzende Kilometer des hochsensiblen Marschlandes zerstört. Fachleute schließen nicht aus, dass Öl über Strömungen auch nach Florida, Kuba und die US-Ostküste kommen könnte. Noch diese Woche rechnen Experten mit der massiven Verseuchung eines Küstengebiets westlich des Mississippi. Selbst BP räumt mittlerweile ein, dass die Ölpest im Golf von Mexiko "katastrophal" ist. Unterdessen „tobt“ die US-Regierung: Innenminsister Ken Salzar droht BP die Führung beim Einsatz gegen das Desaster aus der Hand zu nehmen. Mit der "Top-Kill"-Methode versucht man nun das Bohrloch zu stabilisieren, in dem sie Schlamm in das Leck pressen. Von einer Entschärfung der Lage kann jeoch noch nicht gesprochen werden. Es ist die schlimmste Ölpest der US-Geschichte.

GLOBAL 2000: Seit dem 22. April strömen pausenlos mehrere 100.000 Liter Öl aus dem Leck. Sind die regionalen Folgen schon abschätzbar?

Graf: Öl in solchen Mengen führt immer zu verheerenden Konsequenzen. Zurzeit ist vieles noch nicht abschätzbar. Einerseits hängen die Auswirkungen von Temperaturen und Zusammensetzung des Öls ab, andererseits davon, wie viel Öl an die Küste geschwemmt wird. Vor kurzem hat man noch versucht das Öl zu verbrennen und mit massiven Chemikalien zu binden. Die Chemikalien sind im Wasser, das Öl sinkt zu Boden. Was passiert mit der Bodenökologie? Was geschieht mit den Chemikalien? Für alle Organismen wird das schwerwiegende Folgen haben. Die gesamte Meeresökologie wird darunter leiden: Fische, Vögel, Magrovenbäume etc. – wir werden diese Katastrophe noch Jahrzehnte spüren.

GLOBAL 2000: Werden auch wir Europäer die Konsequenzen dieser Katastrophe spüren?

Graf: Wenn dort Tiere verenden, Arten aussterben, wenn sie Küstenverlust haben oder an Biodiversität verlieren, dann wird sich das auch bei uns auswirken. Denken wir nur an den Fisch- oder Schrimpsfang. Wie sehr wir Europäer die Katastrophe zu spüren bekommen, ist noch nicht abschätzbar. Außerdem wird über einen möglichen Anstieg des Ölpreises spekuliert. Dadurch, dass die US-Regierung vor kurzem Tiefseebohrungen verboten hat, und daher weniger Öl zur Verfügung stehen würde, könnte der Preis steigen. Dies ist aber meiner Meinung nach unwahrscheinlich, weil die Menge Öl ziemlich klein ist, im Vergleich zur Menge, die täglich gewonnen wird.

GLOBAL 2000: Auf der Website www.deepwaterhorizonresponse.com stellte BP ein Formular online, indem jeder eigene Lösungsvorschläge einbringen konnte. Von Atombombe bis zur Verstopfung des Lecks durch Müll, kamen viele „Lösungen“ ins Gespräch…

Graf: Das zeigt, wie sie solche Dinge vorausplanen: nämlich gar nicht. Es fehlen richtige Sicherheitsvorkehrungen. Im Ölsektor gibt es immer wieder Katastrophen. Lange Zeit waren es „nur“ die Öltanker, die einem Sorge bereiteten, jetzt sind es die Tiefenbohrungen. Wir gehen an unsere technologischen Grenzen - das Ölfeld liegt 1,5 Kilometer unter der Wasseroberfläche. Zum Vergleich: In der Nordsee bohrt man auf 100 bis 150 Meter. Wir rennen dem Öl nach, weil immer weniger da ist, jedoch die Nachfrage größer wird.
Wir haben ein doppeltes Problem: Einerseits den Ölkonsum, der den Klimawandel verursacht, andererseits tauchen bereits bei der Ölgewinnung immer mehr Probleme auf, da immer gefährlichere Gebiete angegraben werden müssen. Bei diesen Tiefengrabungen können nur mehr Roboter eingesetzt werden. Da wird es natürlich schwieriger, Lösungen bei einer Katastrophe zu finden. Aber selbst Tanker können ein Leck schlagen – dass kann uns auch auf der Donau passieren. Deswegen: Solange wir mit Öl arbeiten, werden wir mit Klimawandel und Ölkatastrophen ein Problem haben. Deshalb gibt’s nur eine Lösung: Raus aus Öl!

GLOBAL 2000: Aber warum waren sie so unvorbereitet? Es muss doch Sicherheitsstandards geben, die solche Katastrophen verhindern?

Graf: Einerseits gibt es Notfallventile, die, wenn es zu einem Leck kommt, das Bohrloch verschließen sollten. Solche Ventile haben in der Vergangenheit immer wieder für Probleme gesorgt, deswegen hätten sie damit rechnen können. Aber BP ist ein Ölkonzern, der Gewinne machen will und wenig Interesse am Umweltschutz zeigt.

Das eigentliche Problem liegt bei der Politik: Sie sollte Vorschriften über die Sicherheitsstandards festlegen. So eine Ratlosigkeit bei Katastrophen dürfte nicht passieren, weil die Politik die Ölbohrungen stärker regulieren müsste. Doch diese steht unter dem Druck von Lobbies und Industrie, und kann dementsprechend nicht effektive Sicherheitsvorschriften durchsetzen. Anstatt alternative Lösungen zu finden, steht weiterhin Ölgewinnung im Vordergrund. Darum wird es auch wenig Konsequenzen für BP geben.

GLOBAL 2000: Also ist Lobbying daran schuld, dass alternative Energiequellen keine Chance haben?

Graf: Es geht nicht einmal um erneuerbare Energie, sondern um die Reduzierung des Ölverbrauchs durch effizientere Autos oder Heizungen. Vor allem der Energie-effiziente Hausbau hätte in den USA ein riesiges Potenzial. Aber BP finanziert klarerweise keine Häusersanierungen und der Staat hat vermeintlich nicht das Geld um alle Häusersanierungen zu fördern. Deswegen bleibt alles beim Alten.

Global 2000: Unter anderem war auch BP Mit/Hauptschuldiger. Werden sie ungestraft davonkommen?

Graf: Das hängt jetzt ganz vom Amerikanischen Recht ab und wie Barack Obama weiter agiert. Doch soweit ich weiß, wird die Summe, die sie von staatlicher Seite bezahlen müssen, nie die wahren Kosten abdecken. Aus Umweltschutzsicht muss ein Unternehmen, das eine solche Katastrophe verursacht, immer die vollen Kosten übernehmen. Wieso soll die Gemeinschaft zahlen, wenn BP – ein Millionenkonzern mit 14 Milliarden US Dollar Gewinn pro Jahr – Fehler macht? Sie streichen die Gewinne ein, aber wollen der Allgemeinheit die Katastrophe anhängen. Jetzt macht BP auch noch eine Werbekampagne daraus, in der das Unternehmen vor der Öffentlichkeit brilliert, weil sie die Kosten für die Aufräumarbeiten übernehmen. Meiner Meinung nach, müssen sie diese ohnehin übernehmen. Sie machen ja auch das Geld damit.

GLOBAL 2000: Erst jetzt, seitdem ganze Küsten mit Öl überschwemmt werden, bekommt die Katastrophe auch medial einen hohen Stellenwert. Warum ist dieses Unglück in den ersten Wochen in den Medien so untergegangen?

Graf: Hier gibt es einen entscheidenden Grund: die heutige Medienlandschaft ist bildergeprägt. In dem Ausmaß wie Ölverschmutzungen durch Tanker bekannt sind - dass sich ganze Küstensteifen schwarz färben, Tiere sterben und zu Tausenden an die Küste geschwemmt werden – solche Bilder existieren noch nicht. Viele gehen davon aus, dass sich die Katastrophe draußen auf dem Meer abspielt und sie sich auch dort auflösen wird. Es wirkt so, als wäre es kein Problem. Solange keine dramatischen Bilder produziert werden, bekommt diese gigantische Katastrophe nicht den medialen Stellenwert, der ihr eigentlich zukommen sollte.

 

 

 

(Von Lisi Gamperl)