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Im verlorenen Land – GLOBAL 2000-JournalistInnenreise nach Tschernobyl
Lange vor dem 25. Gedenktag der Tschernobylkatastrophe hatten wir von GLOBAL 2000 beschlossen, eine Reise mit JournalistInnen in die Ukraine, nach Tschernobyl selbst, aber auch zu unserem Hilfsprojekt für die „Tschernobylkinder“ zu organisieren. Durch die Ereignisse in Japan nach dem 11. März 2011, dem Super-GAU in Fukushima, hat die Reise zusätzlich traurige Aktualität bekommen.
21.3.11 Kiew, Tschernobylmuseum, Liquidatoren
Zusammen mit neun JournalistInnen kommen wir in Kiew an. Es sind VertreterInnen von Printmedien, Radio und Fernsehen, denen wir die Gefahren der Atomkraft und die auch noch nach 25 Jahren notwendige Hilfe für die Opfer der Tschernobyl-Katastrophe vor Augen führen wollen. Valeri, unser ukrainischer Organisator, holt uns mit einem Kleinbus ab. Auf dem Weg in die Fünfmillionen-Stadt fahren wir vorbei an endlosen Hochhauszeilen in unterschiedlich schlechtem Zustand, dazwischen immer wieder Kohle- und Gaskraftwerke. Man sieht schon hier den enormen Energiehunger, auf dem das Land seit sozialistischen Zeiten aufgebaut hat und es noch immer tut. Wir besuchen das Tschernobyl-Museum in Kiew und sehen uns die Ausstellung mit 7000 Exponaten an. Vieles über die Katastrophe weiß ich als Atom-Experte, vieles ist mir neu: Die Abläufe der Katastrophe, das Leid der Liquidatoren und Feuerwehrleute, die zum Löschen des brennenden, Radioaktivität spuckenden Reaktors eingesetzt wurden, die Freisetzung und Ausbreitung der radioaktiven Stoffe. Überrascht bin ich schon hier vom ungebrochenen Technikglaube des Ausstellungsführers, der die Katastrophe „nur“ auf menschliches Versagen zurückführt, nicht auf die unbeherrschbaren Gefahren der Technologie – eine Meinung, auf die wir in den nächsten Tagen immer wieder stoßen. Beim Abendessen mit dem berühmten Fotografen Igor Kostin, der die Katastrophe in Bildern festgehalten hat und der bei den Hubschraubereinsätzen und anderen Besuchen so stark verstrahlt wurde, dass er krank ist und jedes Jahr mehrere Therapieaufenthalte braucht, sprechen wir über Erneuerbare Energieträger. Kostin hält die Erneuerbaren für zu wenig effizient – und äußert sich vehement gegen Windkraft: „Die Geräusche töten die Ratten in der Umgebung.“ Erstaunlich, davon habe ich in den Analysen der Windkraftexperten noch nie etwas gehört. In den Berichten von Ian Fairlie und anderen werden die Todesopfer der Tschernobylkathastrophe mit 200.000 beziffert, kein Verhältnis zum Mythos Winkraft tötet Ratten.
22.3.11, Tschernobyl, das Böse
Aufgeregt starten wir von Kiew aus zum Tagesausflug in die Sperrzone, direkt zum havarierten Tschernobyl-Reaktor unter seinem Sarkophag. Die 134 km ziehen sich durch graue Dörfer und Landschaften, wir sind alle gespannt, was uns erwartet. Als ich nach der Kontrolle an der 30-km-Grenze der Sperrzone die Partikelfiltermasken austeile, sinkt die Stimmung der Gruppe merklich, alle sind bedrückt. Der Kleinbus nähert sich dem enormen Block der vier Reaktoren von Osten – einer explodiert, drei weitere nach der Katastrophe noch in Betrieb, der letzte erst im Jahr 2000 abgeschaltet. Der Sicherheitsbeamte mit Geigerzähler, der uns innerhalb der Zone führt, weist uns auf besonders radioaktive Stellen hin. Vor dem Reaktor selbst darf man sich höchstens 5 Minuten aufhalten – die Gammastrahlung, die von dem geschmolzenen Kernbrennstoff und den verstrahlten Teilen des Reaktors ausgeht, ist immer noch so stark. Ich hab den Eindruck, dass ich das Böse fühlen kann, dass da mir gegenüber im Keller des explodierten Reaktors als geschmolzener Uran- und Plutonium-Klumpen sitzt und für die nächsten 240 000 Jahre strahlt. Wir fahren weiter durch das verlorene Land der Sperrzone, über die Brücke in die 3 km entfernte Stadt Prypiat. Auf der Brücke haben die EinwohnerInnen das „Feuerwerk“ des explodierenden Reaktors bestaunt, viele von ihnen wurden so stark verstrahlt, dass sie längst tot sind. 36 Stunden nach der Explosion wurde Prypiat endlich evakuiert – für immer. Heute ist die Geisterstadt das Symbol des verlorenen Landes, mit gespenstischen Resten des kommunistischen Lebens – Hotel am Hauptplatz, Kulturzentrum, Schule, Spital und Kindergarten besichtigen wir ebenso wie den Rummelplatz, dessen rostige Karussels und das Riesenrad das Zeichen für die geraubte Hoffnung der Kinder auf eine gesunde Zukunft sind. Auch die nächsten 33 000 Generationen haben hier keine Zukunft, wir messen mit dem Geigerzähler eine 40-fach erhöhte Radioaktivität auf dem Dach des Hotels – und eine 150-fach erhöhte Aktivität im Moos, das sich überall zwischen den Ritzen der verfallenden Gebäude ansiedelt und die Radionuklide aufsaugt wie ein Schwamm. Nach vier bedrückenden Stunden fahren wir zurück nach Kiew und mit dem Nachtzug weiter in die Ost-Ukraine, nach Karkov.
23.3.11 Karkov, Schwerindustrie, Evakuierte und Krankheit
Karkov in der Ost-Ukraine ist eine Industriestadt, die seit sowjetischen Zeiten nicht nur Traktoren, sondern auch Panzer, Flugzeuge und Turbinen für Kraftwerke herstellt – die riesige, mehrere Metrostationen lange Firma heißt passender weise „Turboatom“. Brauner Staub liegt über der Millionenstadt, die so groß ist wie Wien. Im städtischen Kinderspital 16 hat mein Kollege Christoph Otto vor 15 Jahren begonnen, den jüngsten Opfern der Tschernobyl-Katastrophe zu helfen: Das Spital erhält mittlerweile 40 Prozent seiner Finanzierung von der Stadt – und 60 Prozent von GLOBAL 2000. Das Geld ist bitter notwendig, für Infusomaten, die die genaue Dosierung der Leukämiemedizin ermöglichen – vorher mussten die Eltern tagelang rund um die Uhr die Infusionen bewachen, um zu verhindern, dass ihre kranken Kinder zu viel oder zu wenig Medizin erhielten. Viele Elternteile kippten vor Erschöpfung um. Die Heilungsraten sind auch massiv gestiegen, seitdem die Krebsabteilungen renoviert wurden – früher überlebten die Kinder zwar die Operationen, starben aber infolge des Schimmels an den Wänden. Am Nachmittag treffen wir Jugendliche und junge Erwachsene, die in die Schule gehen, Medizin studieren – eine Zukunft haben. Sie waren alle auf einem der von Christoph organisierten Erholungsaufenthalte in Österreich und haben durch die Medikation die Krankheit erfolgreich überwunden. Nach all der Zerstörung und Verstrahlung und Hoffnungslosigkeit ist das das Zeichen dafür, was man tun kann und muss, um hier wirklich Menschenleben zu retten. Auch für die JournalistInnen, die uns begleiten, ist dies das Zeichen dafür, wie wichtig Christophs Projekt auch 25 Jahre nach der Atomkatastrophe noch immer ist.
















