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Freitag, 18. Dezember
Made in China, consumed in Europe
In der Schlussphase der Klimaverhandlungen geht's ans Eingemachte. Die Industriestaaten fordern von China und Indien weitgehende verbindliche Emissionsbeschränkungen. Das ist ein Versuch, die Schuld für die stockenden Verhandlungen auf diese Länder abzuwälzen und davon abzulenken, dass die Industriestaaten indirekt verantwortlich für 30 Prozent des chinesischen Emissionszuwachses sind.
In der globalisierten Wirtschaft haben die Industriestaaten mehr und mehr treibhausgasintensive Produktion in andere Länder ausgelagert, nicht zuletzt nach China. Damit wird auch der Ausstoß von Treibhausgasen ausgelagert und verschwindet aus der Bilanz von EU-Staaten wie Österreich. Ein Computer `made in China', der in Österreich verwendet wird, belastet die chinesische Klimabilanz . Soja, das an Österreichs Rinder verfüttert wird, belastet nicht die österreichische, sondern die brasilianische Klima-Bilanz. Die Berechnungen der Pro-Kopf-Emissionen in den Industriestaaten sind somit nicht zutreffend, solange deren Importe außen vor bleiben. Die durch Österreich verursachten Emissionen sind um etwa 30 Prozent höher, als es in den offiziellen Statistiken dokumentiert wird.
Insgesamt sind die Industriestaaten für rund 80 Prozent der historischen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Es ist deshalb nur gerecht, dass diese Länder als Erste und weitgehend handeln müssen. Österreichs Pro-Kopf-Emission sind immer noch doppelt so hoch wie die von China, mindestens sieben Mal höher als die in Indien und fast 10 Mal so hoch wie die in der Sub-Sahara Afrikas.
Das GLOBAL 2000 Hintergrundpapier dazu:
Mittwoch, 16. Dezember
Friends of the Earth von Klimakonferenz ausgeschlossen!
Heute waren wir dran: Neben einer weiteren NGO wurde heute GLOBAL 2000 und unserem Netzwerk 'Friends of the Earth' (FOE) der Zutritt zur Klimakonferenz vollständig verwehrt. Dass die Klimaexperten der NGOs, die an den Klimaverhandlungen seit Beginn mitgearbeitet haben, jetzt ausgeschlossen werden, ist ein unglaublicher Skandal. Ich kam als offizielles Mitglied der österreichischen Delegation glücklicherweise durch die Schranke. Gleiches gilt für einige wenige aus anderen Ländern und wir geben unsere Bestes, um dem Netzwerk zu helfen.
Unter dem Vorwand von Sicherheitsmaßnahmen wurde allen Experten von FOE der Zutritt verwehrt, während Umweltorganisationen wie Greenpeace und WWF die Teilnehmerzahl beschränkt wurde. Ein willkürlicher Akt, der jeder Demokratie spottet. Die Zivilgesellschaft auszuschließen und auf die Expertise der NGOs bei dieser Klimakonferenz - die für unsere Welt die entscheidende ist - zu verzichten, lässt die Hoffnung auf positive Ergebnisse deutlich schwinden. Die Stimmung innerhalb des Verhandlungszentrums hat sich mit der Abwesenheit der NGOs deutlich verändert. Der Druck ist stark gesunken. Nicht zu vernachlässigen ist auch die wichtige Rolle der NGOs für kleine Delegationen aus meistens sehr armen Ländern. Sie unterstützen diese inhaltlich und bei den politischen Strategien. Gerade die ärmsten Länder sind massiv vom Klimawandel betroffen und bedroht und müssen hier eine klare Sprache sprechen.
Mach mit beim E-Mail-Protest an Yvo de Boer, Executive Secretary der UNCCC: http://www.foe.co.uk/campaigns/climate/press_for_change/friends_earth_banned_22338.html
Dienstag, 15. Dezember
And the winner is..... MONSANTO!
Unser Netzwerk ‚Friends of the Earth’ hat heute den ‚Angry Mermaid Award’ für den schlimmsten Wirtschaftslobbyisten bei den Klimaverhandlungen vergeben. Benannt wurden der Preis nach der Kopenhagener Touristenattraktion schlechthin: der „Meerjungfrau“. Über zehntausend KlimaschützerInnen beteiligten sich an der Online-Abstimmung, welche vom Bio-Tech Unternehmen MONSANTO, mit 37 Prozent der Stimmen, deutlich gewonnen wurde. Auf den Ehren- (besser Schand-)Plätzen folgen der Öl-Gigant Shell und das American Petroleum Institute.
Monsanto gewann den Preis für die Bewerbung von Gentech-Saatgut als Lösung gegen den Klimawandel und für die Forcierung dieser Pflanzen als Grundlage für (Bio!-)Kraftstoffe. Die Ausbreitung von genetisch verändertem Soja verschärft die Abholzung von Regenwald massiv und führt somit zu steigenden CO2-Emissionen. Außerdem will Monsanto, dass Gentech-Soja vom Clean Developement Mechanism (CDM) finanziell unterstützt werden kann. Solche Beispiele sind hier in großer Zahl zu finden. Friends of the Earth hatte insgesamt acht Nominierungen ausgesprochen. Wer nachlesen will, wieso diese Wirtschafts-Lobbyisten in Verdacht geraten sind, kann das hier tun: www.angrymermaid.org
Mit dem zunehmenden Zeit- und somit Entscheidungsdruck, steigt auch die Zahl der anwesenden MinisterInnen sowie Staats-und Regierungschef. Viele bekannte Gesichter sind also zu entdecken. So spazierte bereits UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu an mir vorbei. Der Nachteil: Tausende von NGO-VertreterInnen werden aus dem Konferenzzentrum ausgeschlossen. Viele müssen stundenlang und in großer Kälte vor dem Eingang stehen. Am Freitag sollen gerade mal noch 90 NGO-VertreterInnen Einlass bekommen! Es ist mehr als fragwürdig für einen vermeintlich demokratischen Prozess, wenn die Zivilgesellschaft, welche Betroffene vertritt und über Jahre konstruktiv (mit-)gearbeitet hat, faktisch ausgeschlossen wird. Der Unmut ist riesig!
Montag, 14. Dezember
Die Woche der Entscheidungen!
Die Nervosität und Hektik steigt jetzt ständig – sowohl bei zivilgesellschaftlichen Organisationen als auch bei den Delegationen. In immer kürzeren Abständen kommen nun Verhandlungspapiere zu den verschiedenen Bereichen auf den Tisch. Diese müssen dann in kürzester Frist analysiert und auf ihre Güte eingeschätzt werden. Am Freitag kommen die Staats- und Regierungschefs nach Kopenhagen und dann soll eigentlich nicht mehr verhandelt, sondern „gefeiert“ werden. So sieht es zumindest die dänische Umweltministerin. Ob es wirklich was zu feiern gibt?
Es bleiben noch drei Tage, um die wichtigsten Fragen zu klären. Aber sowohl bei den Reduktionszielen, der finanziellen Unterstützung der Entwicklungsländer als auch bei der legalen Struktur einer Kopenhagen-Einigung besteht wenig Anlass zu Optimismus. Überall ist man weit hinter den Notwenigkeiten, um den Temperaturanstieg unter 2 Grad zu halten. Vor allem die vielen Schlupflöcher machen zu schaffen. Damit wird zum Beispiel das schon ungenügende Reduktionsziel der EU von 20 Prozent nochmals kleiner. Nimmt man die momentanen Versprechungen der Industriestaaten und zieht alle Schlupflöcher ab, kann es sein, dass sie ihre Emissionen gegenüber 1990 gar nicht reduzieren. Diese Schlupflöcher zeigen wie groß das Risiko ist, dass die Regierungen ein Abkommen verabschieden und feiern, bei dem auf dem Papier hohe Reduktionszahlen stehen, die Atmosphäre aber ungebremst mit Treibhausgasen belastet wird.
Zum Schließen dieser Schlupflöcher muss auch Österreich beitragen. Mit der völlig ungenügenden Position bei der Anrechnung von Waldemissionen (läuft unter dem Akronym LULUCF) würden viele Emissionen einfach versteckt werden. Das hat nun auch die Aufmerksamkeit eines Karikaturisten auf Österreich gelenkt:
Samstag/Sonntag, 12./13. Dezember
Climate Justice NOW! Climate Justice NOW!
100.000 Menschen demonstrieren für den Klimaschutz! 100.000 Menschen marschieren vom Kopenhagener Zentrum zum „Bella Center“, wo die VerhandlerInnen die Handlungsnotwendigkeiten nicht zu akzeptieren scheinen! 100.000 Menschen in Kopenhagen und weitere 130 Demostrationen auf der ganze Welt. 100.000 Menschen sind fordernd auf der Straße, obwohl das Thema als schwer zu „mobilisieren“ galt. Es ist ein deutliches Zeichen an die Delegationen, welches über Bildschirme direkt ins Verhandlungszentrum getragen und dort beeindruckt aufgenommen wurde. Die Menschen wollen nicht mehr weiter zuschauen. Was sich in Umfragen schon lange zeigt, wurde nun auf der Straße deutlich gemacht.
Mitten drin sind auch dreißig GLOBAL 2000-AktivistInnen, die diesen hoffentlich historischen Moment nicht verpassen wollen. Wir reihen uns bei unserem internationalen Netzwerk ‚Friends of the Earth’ ein. Es ist auch ein großer Moment für das Netzwerk. Die sonst sehr selbstständigen Gruppen finden hier zu einer gemeinsamen Identität und Sprache. Dem Symbol der Flut folgend und in blauen Ponchos gekleidet, fordern wir mit grünen Fahnen und lautstark rufend ‚Climate Justice NOW!’ ‚Climate Justice NOW’ – Klimagerechtigkeit JETZT! Alleine ,Friends of the Earth’ mobilisiert mehr als 4000 Menschen. Jeweils mehrere Hundert kommen mit Zügen, Bussen und sogar Segelschiffen aus Frankreich, Großbritannien oder Deutschland. Alles sehr beeindruckend und vor allem sehr motivierend für die zweite Woche der Verhandlungen.
Mit der Forderungen nach Klimagerechtigkeit wollen wir die Verantwortung für den zukünftigen Klimaschutz klar benennen. Diese liegt nämlich beim Verursacher des Klimaswandels. Die Verursacher sind mit rund 75 Prozent die reichen industrialisierten Staaten – und nicht China oder Indien. Ein guter Gerechtigkeits-Indikator sind die Pro-Kopf-Emissionen. Denn es gibt eigentlich keinen guten Grund, warum die einen Menschen mehr recht auf die Verschmutzung der Atmosphäre haben als andere. Und die Pro-Kopf-Emissionen liegen in Industriestaaten wie Österreich sowohl bei aktueller als auch historischer (CO2 bleibt viele Jahrzehnte in der Atmosphäre) Betrachtung deutlich über denjenigen von Schwellenländern und vor allem von armen Entwicklungsländern. Wir haben mit der Nutzung von Kohle, Öl und Gas einen unglaublichen Reichtum erlangt. Deshalb ist für GLOBAL 2000 und ‚Friends of the Earth’ klar: Die Industriestaaten müssen ihre Emissionen jetzt massiv reduzieren (40 Prozent bis 2020 gegenüber 1990). Vor allem müssen sie eine Vorbildfunktion einnehmen. Sie müssen den Entwicklungsländern, in denen immer noch ein massives Armutsproblem besteht, zeigen, dass eine CO2-freie Entwicklung möglich ist. Natürlich braucht es Staaten wie China, Indien oder Südafrika für den Klimaschutz, aber auch hier liegt die Verantwortung bei den VerursacherInnen. Schwellen- und vor allem Entwicklungsländer müssen bei der Emissionsreduktion und bei der Anpassung an den stattfindenden Klimawandel (z.B. Hochwasserschutz) massiv finanziell und technologisch unterstützt werden. Dazu gehört auch der Schutz des Regenwaldes.
Nach der selbstverständlichen abendlichen Feier des großartigen Samstags war der verhandlungsfreie Sonntag zum Glück etwas ruhiger. Aber ganz lassen konnten wir es natürlich doch nicht: Am Nachmittag gab es wieder Strategie-Treffen...
Freitag, 11. Dezember
Nach Tagen mit wenig Fortschritt ist heute wenigstens wieder mehr Bewegung in den Prozess geraten. Es liegen nun verschiedenen Texte zur Verhandlung vor. Wie gut die verschiedenen Vorschläge aus Sicht des Klimaschutzes sind, ist nicht immer offensichtlich und Gegenstand ausgiebiger und vor allem komplizierter Analysen. Dabei ist die rechtliche Struktur manchmal genau so wichtig wie der Inhalt. Gut möglich, dass heute bis lang in die Nacht verhandelt wird.
Viel mehr will ich heute aber nicht schreiben, denn du sollst noch Zeit für folgenden Artikel haben. Ich habe in letzter Zeit kaum eine bessere Analyse der Geschehnisse in Kopenhagen gelesen. Also nimm dir die 10 Minuten.
Johann Hari: Our Leaders Are Staging a Scam in Copenhagen
Morgen am Samstag werden mehrere Tausend AktivistInnen, darunter rund 40 vom GLOBAL 2000, als große menschliche Welle die Kopenhagener Innenstadt fluten. Ihre Forderung: Klimaschutz jetzt! Für Industriestaaten minus 40 Prozent Treibhausgase im Vergleich zu 1990 bis 2020.
Donnerstag, 10. Dezember
Wenn ich in Kopenhagen früh im Dunkeln vom Hostel auf die Straße trete, blinken mich hunderte Fahrradlichter an. Ungewöhnlich viele dreirädrige Kindertransport- und Lastenräder sind hier unterwegs. In Dänemark sagt man, wenn man einen schlechten Tag hatte, einem sei die Kette abgesprungen, hat man Erfolg, kommt der Wind von hinten. Das Rad gehört zum Alltag und zur Alltagssprache. Kopenhagen hat den Delegierten des Weltklimagipfels Freifahrtscheine spendiert und so bringt uns die U-Bahn zum Konferenzzentrum. Dann müssen alle durch die Sicherheitsschleusen – genauso wie am Flughafen. Schaut man sich in den Hallen des "Bella Center" um, scheint sich der Weltklimagipfel vor allem an den Notebooks der TeilnehmerInnen abzuspielen.
Heute wurde Barack Obama in Stockholm der Friedensnobelpreis verliehen. Er selbst hat eingestanden, dass er ihn eigentlich unverdient erhält. Will er ihn sich jedoch verdienen, dann könnte er die USA auf einen Weg führen, der nicht nur friedvoller ist als in der Vergangenheit, sondern der auch künftige Klimakriege um Öl, Rohstoffe, Wasser vermeiden und somit massenhafte Umweltflüchtlinge verhindern. Die USA müssen ihre Treibhausgasemissionen stärker senken, als sie es sich bislang eingestehen wollen. Auch die EU, die sich selbst gerne als Vorreiter sieht, muss mehr tun, um das eigene Ziel, die Erderwärmung auf unter 2 Grad zu begrenzen, zu realisieren. Mehr als 40 Prozent CO2-Minderung sind notwendig und möglich.
Betreffend die österreichische Blockade bei der Anrechnung von Waldemissionen gibt es offensichtlich Bewegung. Frankreich wird beim EU-Rat das Thema auf das Tagesprogramm setzen und ist mit einem Kompromissvorschlag an die Öffentlichkeit getreten. Dafür wurden die Franzosen heute mit dem Positiv-Preis „Ray of the Day“ ausgezeichnet. Diese NGO-Auszeichnung wir nur für augezeichnete (leider seltene) Fortschritte verliehen. Wir loben also gelegentlich auch mal... Österreich steht somit noch mehr unter Druck. Wann wird sich die Regierung endlich bewegen, ihren Beitrag zum internationalen Klimaschutz leisten und ihre schändliche Position aufgeben?!? Vielleicht kann ich ja morgen Gutes berichten...
Mittwoch, 9. Dezember
Ein Bienenhaus ohne Bewegung!
Langsam beginnt die Resignation zu steigen. Die Verhandlungen bewegen sich kaum oder eher zum Schlechten. Es gibt nicht nur bei den großen Fragen der Emissionsreduktionen, der Finanzierung und des globalen Waldschutzes keinen Fortschritt, vielmehr scheinen auch bei den Detailpunkten die Positionen völlig festgefahren zu sein. Von erfahreneren TeilnehemerInnen wird mir erzählt, dass das gegenseitige Vertrauen der Staaten noch nie so schlecht war. Die derzeit verhandelnden BeamtInnen wollen oder können keine Zugeständnisse machen, bevor Ende nächster Woche die politischen Verantwortlichen (MinisterInnen, Regierungschef, PräsidentInnen – ja, auch Barack Obama) hoffentlich noch für einige progressive Entscheidungen sorgen.
Auch Österreich will sich ja nicht bewegen und hält damit den Weg für eine mögliche bessere Lösung versperrt (siehe Eintrag vom Montag). Morgen Donnerstag und am Freitag treffen sich die europäischen Staats- und Regierungschefs in Brüssel. Dabei muss auch über den Waldschutz gesprochen werden, herrscht doch in der EU noch Uneinigkeit. GLOBAL 2000 fordert von Bundeskanzler Faymann nichts weniger als eine radikale Abkehr von der bisherigen klimaschädlichen Position. Außerdem muss die EU wieder eine Vorreiterrolle beim Klimaschutz übernehmen und ihr konditionsloses Reduktionsversprechen auf 30 Prozent bis 2020 erhöhen. Dann ziehen hoffentlich auch die anderen Staaten mit. Gemäß der aktuellen Klimawissenschaft sind eigentlich 40 Prozent bei den Industrieländern nötig. Eine GLOBAL 2000–Studie hat sowohl die technisch Machbarkeit als auch die finanzielle Leistbarkeit einer 40-prozentigen Reduktion aufgezeigt (mehr dazu hier: 40prozent.global2000.at). Ich werde über die weiteren Entwicklungen natürlich an dieser Stelle berichten!
Ansonsten gab der Tag nicht so viel her. Die Anfangseuphorie ist etwas weg und das Wochenende mit Tausenden von AktivistInnen und der Aktion „The Flood“ (copenhagenflood.org) unseres Netzwerks Friends of the Earth noch nicht da. Dafür brodelt es immer wieder mal in der Gerüchteküche. So besteht im Moment die Vermutung, dass an den letzten Tagen der Verhandlungen, mit allen PolitikerInnen anwesend, das Konferenzgebäude ganz oder teilweise für die Zivilgesellschaft/NGOs (sog. ‚Observers’) verschlossen ist. Vielleicht habe ich ja als offizielles NGO-Mitglied der österreichischen Delegation etwas mehr Glück.
Dienstag, 8. Dezember
Österreich wurde gestern, speziell wegen der schlechten Position im Waldschutz, mit dem Negativ-Preis „Fossil of the Day“ ausgezeichnet und so ins internationale Rampenlicht gestellt. Heute (und wohl auch die nächsten Tage) musste somit alles Mögliche getan werden, um Österreich von dieser Position wegzubringen.
So gab es ein Treffen mit dem Leiter der Österreichischen Delegation und seinem inhaltlichen Experten für diesen Bereich. Ich habe unseren Unmut zum Ausdruck gebracht und gefordert, dass die Position deutlich verbessert werden muss. Außerdem ging es heute darum, die heimischen JournalistInnen zu informieren, warum Österreich Bilanzfälschung betreibt und zu schlechten Lösungen beim internationalen Klimaschutz beiträgt (für den Inhalt siehe meinen gestrigen Eintrag). Zwischendurch wollte das Handy nicht mehr aufhören, zu läuten.
Wir bleiben dran!
Am Abend werde ich mir noch einen ‚side event’ zum ‚Clean Development Mechanism’ (CDM) anschauen, über welchen sich viele Industrieländer und insbesondere Österreich von ihren Reduktionsverpflichtungen freikaufen. (Mehr dazu findest du hier: zertifikateschwindel.global2000.at). Die zahlreichen ‚Side Events’ sind ein- bis zweistündige Veranstaltungen des offiziellen Programms zu einem verschiedenen Aspekten des Klimawandels. Durchgeführt werden diese von Staaten, NGOs, Unternehmen und ihren Verbänden, internationalen Organisation uvm. Heutige Titel sind zum Beispiel: ‚Stronger Southern Voice’, ‚The contribution fo biofuels to climate change mitigation’ oder ‚The maritime dimension of climate change’. Viele dieser Veranstaltungen sind eine gute Informationsquelle und eine Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen, aber natürlich auch ein mögliches Instrument, die eigenen Interessen und Überzeugungen zu stärken.
Montag 7. Dezember, Teil 2
Österreich als Klimasünder international ausgezeichnet
Was für ein Tag! Österreich bekommt tatsächlich den „Fossil of the Day“ – den Preis für die stärkste Blockadenpolitik in den Verhandlungen. Verliehen wird der Preis vom Climate Action Network (CAN). GLOBAL 2000 ist eines der über 500 Mitglieder dieses größten internationalen NGO-Netzwerks für Klimaschutz. Die üblichen Verdächtigen für den Preis sind normalerweise die USA, Kanada und andere große Klimasünder. Dass nun Österreich international so massiv an den Pranger gestellt wird, sagt einiges über die falsche Position der österreichischen Vertreter.
Fragwürdige Berechnungsgrundlagen für Emissionen
Bekommen hat Österreich den Preis für versuchte Bilanzfälschung, Blockadepolitik und Gefährdung einer soliden Lösung beim Regenwaldschutz. Es geht um den österreichischen Wald. Wälder speichern CO2-Emissionen. Nimmt die Waldmasse ab (zum Beispiel gegenüber einem historischen Wert wie 1990, was ja das Basisjahr für alle Emissionsziele ist), bleiben mehr CO2-Teile in der Atmosphäre. Diese Emissionen müssen also den Ländern angerechnet werden. Genau das will Österreich nicht – es ist aber noch viel schlimmer. Vielmehr soll eine Prognose angestellt werden, wie sich die Aufnahmefähigkeit des österreichischen Waldes entwickelt (z.B. Verschlechterung um 30 Prozent, weil massive Biomassenutzung) und nur die Abweichung von diesem Pfad gilt als Emission. Bei einer hypothetischen Anwendung dieser Rechen-Idee auf Kohlekraft wird das Problem offensichtlich. Beispiel: Fünf Kohlekraftwerke sollen bis 2020 gebaut werden. Bauen wir also fünf, dann haben wir keine Emissionen (was ja ein Wahnsinn ist!). Baue ich sechs entstehen bilanzierte Emissionen von einem Kraftwerk. Baue ich sogar nur vier, habe ich gemäß Bilanz Emissionen reduziert und könnte in einem anderen Bereich weniger tun, z. B. beim Verkehr. Das Ganze ist natürlich völlig absurd! Und deshalb hat Österreich den Preis auch verdient!
Biomasse nicht gleich CO2-neutral
Im schlimmsten Fall entsprechen die so versteckten Emissionen etwa 13 Prozent der österreichischen Emissionen im Jahr 1990. Österreich verhindert so, zusammen mit Schweden und Finnland, eine deutlich bessere Position der EU, welche international dringend notwenig wäre. Denn Kanada und Australien wollen genau solche Bilanzfälschungen wie Österreich durchsetzen. Um den Anteil an erneuerbaren Energien zu erhöhen, wird bei uns massiv auf Biomasse gesetzt. Der Verbrauch von Biomasse ist aber nur dann CO2-neutral, wenn die gesamte CO2-Aufnahme der Biomasse mindestens konstant bleibt, oder wenn dafür an einem anderen Ort gespart wird. Deshalb müssen die Waldemissionen auch richtig bilanziert werden.
Klimaschutz braucht Regenwälder
Ein letzter Punkt ist noch wichtig. In Kopenhagen wird auch der Schutz der Regenwälder verhandelt. Diese sind zentral für den Klimaschutz. Würde das österreichische Versteckspiel auch dort angewandt werden, ist das ein ziemliches Desaster. Warum sollen nun Entwicklungsländer Regeln akzeptieren, die nicht mal die reichen Industrieländer für sich vorsehen?! Mit dieser Position gefährdet Österreich eine zentrale Säule eines zukünftigen umfassenden internationalen Abkommens.
Montag, 7. Dezember, TEIL I
Jetzt geht es also los! Nach Monaten voller Recherchen, Interviews, Veranstaltungen, Aktionen und Lobbyinggesprächen, beginnt die Weltklimakonferenz in Kopenhagen. Die Erwartungen können nicht zu hoch sein, denn der Klimawandel nimmt keine Rücksicht auf Verhandlungsspiele. Die Menschen, vor allem in den ärmsten und bereits betroffenen Ländern, brauchen wirksame Entscheidungen – und zwar jetzt!
Diese Entscheidungen werden zeigen, ob unsere Zukunft geprägt von Wasserknappheit, Überschwemmungen und Wohlstandsverlust ist und es zunehmend Klimaflüchtlinge gibt, oder ob wir in einer Zukunft mit sauberer Energiegewinnung, besserer Gesundheit, intakten Alpen und mit einer gerechten Atmosphärennutzung leben werden. Bei dieser Auswahl sollte in zwölf Tagen vieles zu erreichen sein und Österreich müsste sich aktiver und mutiger einbringen.
Heute strömten die weit über 10'000 TeilnehmerInnen in das Bella Center, welches wohl für die nächsten zwei Wochen zu meinem bevorzugten Aufenthaltsort werden wird. Ob es sich als „Zentrum des Schönen“ bewährt, werden die Resultate am Ende der Konferenz zeigen. GLOBAL 2000 wird jedenfalls alles Mögliche tun – aber dazu mehr in den nächsten Tagen.
Unser Netzwerk Friends of the Earth hat sich bereits gestern zum ersten Mal getroffen. Zahlreiche „FreundInnen der Erde“ aus allen fünf Kontinenten brüteten den ganzen Sonntag über Strategien, den wichtigsten inhaltlichen Positionen, sowie der Medien- und Aktionsarbeit und tauschten Wissen und Erfahrungen aus. Schön zu erfahren, wie viele Menschen sich leidenschaftlich für das Richtige engagieren.
Begleitet wurde ich die zwei Tage vom Falter-Journalisten Matthias Bernold, welcher in der nächsten Ausgabe über die NGO-Arbeit vor Ort berichten wird. Es war sehr spannend, sich mal länger als die üblichen 30 Minuten den zielgenauen journalistischen Fragen zu stellen. Du wirst das Ergebnis nachlesen können.
Morgen gibt es also mehr. Gleich treffe ich noch eine Kollegin der deutschen NGO „Germanwatch“. Denn auch das ist eine solche Konferenz: Ein Marktplatz für Informationen und Ideen.























