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"Endlich frei atmen!" – Akiko Yoshida von FoE Japan im BUND-Interview
Eineinhalb Jahre ist die Natur- und Reaktorkatastrophe von Fukushima nun her; inzwischen ist Japan längst aus unseren Nachrichten verschwunden. Nur manchmal erreichen uns noch Informationen, wie die von einer Demonstration im Juli mit fast 200.000 Teilnehmern oder vom Hochfahren des Atomkraftwerks Ohi. Dabei passiert in diesem Land noch viel mehr! Wir haben mit Akiko Yoshida von Friends of the Earth Japan gesprochen und mit ihr einen Blick auf die aktuelle Lage in Japan geworfen.
Wie ist der aktuelle Stand der Atomkraft in Japan; welche und wieviele AKW wurden wieder ans Netz gelassen?
Seit Juli dieses Jahres sind zwei Reaktoren, Ohi 3 und 4 – beide in der Präfektur Fukui – wieder am Netz. Das Hochfahren dieser Reaktoren ist besonders gefährlich, weil genau unter ihnen zwei tektonische Platten aufeinander treffen, bei denen es sich womöglich um sog. Verwerfungen (Bruchstellen im Gestein, Anmerk. der Red.) handelt. Wir kritisieren die von der Regierung in Auftrag gegebenen Untersuchungen, da diese aus unserer Sicht nicht unabhängig sind. Sie waren einzig dafür gedacht, dem Hochfahren des Kraftwerks eine wissenschaftliche Begründung zu geben.
Gab es Proteste bei der Inbetriebnahme des Reaktors Ohi 3, und wenn ja, wie sahen diese aus? Eine deutsche Zeitung schrieb von "Zuständen, wie in Gorleben".
Es gab große Proteste vor und während des Anfahrens der beiden Reaktoren. Viele Menschen waren dort, demonstrierten, blockierten und riefen laut "Saikado-Hantai" (dt. "Nicht wieder anschalten!"). Die Menschen demonstrieren auch an anderen Orten, an denen die Wiederinbetriebnahme von AKW geplant wird. Vor dem Sitz des Premiers in Tokio gibt es jeden Freitag eine Demonstration. Am 29. Juni waren es rund 200.000 Menschen! Das ist unglaublich viel, und für uns in Japan noch von viel größerer Bedeutung als in Deutschland, wo die Menschen es gewohnt sind, für ihre Anliegen auf die Straße zu gehen.
Wie ist die Stimmung im Land, wie verhalten sich Presse und Regierung?
Die Stimmung ist kämpferisch, viele Menschen gehen zum ersten Mal zu Demonstrationen. Natürlich sind Zehntausende jetzt persönlich betroffen und so tut es besonders weh zu sehen, dass die Regierung wieder auf Atomkraft setzt. Die Entrüstung über die Lügen und die Intransparenz der Politik und von Tepco (japanischer Atomkonzern) ist riesig. Der vor Kurzem veröffentlichte Untersuchungsbericht hat der japanischen Atomkraft sehr schlechte Noten ausgestellt. Trotzdem behauptet unser Premierminister Yoshihiko Noda, wir müssten die Atomkraftwerke wieder einschalten, damit die Menschen leben können – das finden wir zynisch und verletzend für diejenigen, die wegen der Atomkraft kein normales Leben mehr führen können.
Die Medien berichten nach wie vor sehr wenig über die Proteste, aber es wird Stück für Stück besser. Die Demonstration vor dem Haus des Premiers und die große Kundgebung am 16. Juli mit rund 170.000 TeilnehmerInnen konnte schließlich auch das staatliche Fernsehen NHK nicht ignorieren (Video), unsere Medien sind auf dem schwierigen Weg hin zu mehr Meinungsvielfalt und kritischer Berichterstattung.
Wie sieht die Energiepolitik nach Fukushima aus?
Nach der Reaktorkatastrophe hat die Regierung verkündet, die bisherige Energiepolitik zu verändern. Hierfür wurde im Sommer letzen Jahres eine Kommission eingerichtet, die über die Konsequenzen aus Fukushima beraten hat. Ende Juni dieses Jahres sind die Ergebnisse bekannt gegeben worden, die Kommission hat drei verschiedene Szenarien vorgeschlagen:
- "Zero Scenario", 0 Prozent Atomkraft bis 2030
- "15 Scenario", 15 Prozent Atomkraft bis 2030
- "20-25 Scenario", 20-25 Prozent Atomkraft bis 2030
FoE Japan befürwortet das "Zero Scenario", die beiden anderen Szenarien würden bedeuten, dass die Last der heutigen Atomkraftwerke erhöht werden oder sogar neue AKW gebaut werden müssten. Beides lehnen wir kategorisch ab, ebenso wie den Weiterbetrieb von Wiederaufbereitungsanlagen, die den Schein herstellen, Atomkraft könnte man recyceln. Wir kritisieren die Kommission insgesamt, sie tagte häufig geheim und war von atom-freundlichen Mitgliedern durchsetzt. Völlig außer Betracht gelassen wurde die Tatsache, dass Japan zwei Monate lang komplett ohne Atomkraft ausgekommen ist. Dabei ließen sich die in dieser Notsituation gemachten Erfahrungen nutzen, um Wege zu finden, wie die japanische Energieversorgung dauerhaft frei von Atomkraft bleiben kann.
Im Rahmen einer "Nationalen Diskussion" sollte nun bis Ende August ein endgültiges Szenario von der Regierung vorgelegt werden, diese Entscheidung wurde aber verschoben. Eingaben von Bürgern wurden im Rahmen dieser Diskussion bis Mitte August angenommen, es wurden Informations- und Diskussionsveranstaltungen in elf Städten angeboten sowie Meinungsumfragen und Deliberative Pollings durchgeführt.
Gleichzeitig haben Bürgerinitiativen und die Industrie Informationsveranstaltungen veranstaltet. Bei den bisherigen Treffen waren im Schnitt zwei Drittel der Anwesenden gegen Atomkraft, die meisten persönlichen Eingaben unterstützen das "Zero Scenario". Zwei Monate für eine landesweite Diskussion halten wir selbstverständlich für viel zu kurz, zudem wird diese Diskussion natürlich bei weitem nicht so offen geführt wird, wie wir es uns wünschen würden.
Wie sieht es in Fukushima aus, wie geht es den Evakuierten? Gibt es Neues zum Thema Entschädigung oder neue Hilfsprogramme für die Betroffenen?
Es gibt ein neues Gesetz zum Schutz der Kinder und weiterer Betroffener des Fukushima-Unfalls, in diesem Rahmen wurde das grundsätzliche "Recht auf Evakuierung" eingeführt, was uns besonders wichtig war! Wie das im Detail funktionieren soll ist allerdings noch nicht klar.
Ein ausführliches Papier hierzu haben wir in englischer Sprache auf unserer Internetseite zur Verfügung gestellt (s.u. unter "Mehr Informationen").
Wie geht es mit Eurem Projekt "Poka Poka" weiter, mit dem ihr seit Herbst 2011 Kinder und Familien aus der Region unterstützt?
Unser Projekt ist ja noch sehr jung, trotzdem konnten wir, durch die finanzielle Unterstützung aus ganz Japan und aus dem Ausland, im ersten Quartal 2012 über 1.600 Kindern, Schwangeren und ihren Familien ganz konkrete Unterstützung anbieten: Sie konnten einige Zeit bei den heißen Quellen in Tsuchiyu (westliches Viertel der Stadt Fukushima) verbringen, um sich von der Kontamination und dem Stress zu Hause zu erholen. Diese Menschen wohnen im District Watari, der eine der höchsten radioaktiven Belastungen aufzeigt und gleichzeitig sehr schwer von den Folgen des Tsunamis getroffen wurde.
Für diese Hilfe haben wir viel positive Resonanz erhalten, die uns Kraft gibt diese Arbeit weiterzuführen. Eine Teilnehmerin sagte uns: "Das ist das erste Mal seit langer Zeit, dass wir Watari verlassen konnten. Als erstes haben wir einfach so viel ein- und ausgeatmet wie wir wollten und konnten", sagte sie lächelnd. "Unsere Kinder haben sich sehr über das Spielen an der frischen Luft und im Schnee gefreut".
Von Mai bis Juni fand die zweite Phase des Poka-Poka-Projektes statt: Hierbei haben zum ersten Mal auch Menschen aus der nahe bei Fukushima liegenden Date City teilgenommen. Zusätzlich zur Erholung bieten wir nun auch Seminare an. Themen sind der konkrete Schutz gegen Radioaktivität, die politische Entwicklung der Entschädigungspolitik für die Opfer der Katastrophe von Fukushima sowie die Umsetzung der langfristigen Evakuierungspläne. Im Grund informieren wir die Leute also über das, worüber die Behörden sie informieren sollten: Wir leisten praktische Hilfe zur Selbsthilfe und bieten durch Wissen Entscheidungsgrundlagen an. An den Seminaren haben bisher knapp 700 Menschen teilgenommen, im Herbst werden wir dieses Projekt weiterführen.
Liebe Akiko, vielen Dank für das Gespräch und viel Kraft und Ausdauer für Eure wichtige Arbeit vor Ort!
Das Inteview führten unsere KollegInnen vom BUND (Friends of the Earth Germany)
Mehr Informationen
Links:
Pressemitteilung FoE Japan
Artikel Demonstration 29. Juni
Hintergrund zum Gesetz für Kinder von Fukushima und zu dem "Recht auf Evakuierung"


















