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„Es steckt hier keine Logik dahinter“
Der russische Nuklearphysiker und Anti-Atom-Campaigner Andrey Ozharovskiy verteilte bei einem Public Hearing zum Bau des weißrussischen AKW Flugblätter mit kritischen Anmerkungen zur technischen Analyse des Projekts. Daraufhin wurde er sieben Tage ins Gefängnis gesperrt. Im Gespräch mit GLOBAL 2000 erzählt er über die Probleme mit dem weißrussischen Atom-Projekt, den Widerstand gegen die Regierung und warum er Österreich als Vorbild sieht.
GLOBAL 2000: Weißrussland baut sein erstes Atomkraftwerk. Der 130-Seiten Report dazu wurde vielerseits kritisiert. Wo sehen Sie die Probleme?
Ozharovskiy: Die weißrussische Regierung entschied, ein brandneues, von den Russen entworfenes Atomkraftwerk zu bauen. Der Name des Projekts lautet NPP-2006. Das Problem dabei ist, dass diese Form von Atomkraftwerk noch nirgendwo gebaut und getestet wurde. Niemand kann somit garantieren, dass es sicher ist. Hinzu kommt das Problem mit der Bewertung der Anlage. Die Einschätzung der Funktionsweise des AKW basiert lediglich auf dem Papier. Praktisch wurden die Berechnungen nie überprüft. Schon beim Durchlesen des Reports stößt man auf viele fragwürdige Punkte. Die Pumpen zum Beispiel – sie sind ein kritischer Punkt eines AKW – wurden für 7.000 Stunden getestet. Garantiert wird jedoch, dass sie 70.000 Arbeitsstunden halten – das ist das zehnfache! Weder das ganze Projekt noch Einzelteile davon sind darauf geprüft, in der Praxis zu funktionieren. Und wir fanden heraus, dass die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) gar keine war. Der Zweck der UVP war es, lediglich hervorzuheben, dass das Projekt gut ist. Die reinste Werbung. Und das sind nur ein paar Beispiele.
GLOBAL 2000: Die Technologie ist also vollkommen neu und kommt aus Russland?
Ozharovskiy: Naja, sie ist alt und neu. Die Technologie gibt es bereits seit den 1950er Jahren. Da hat sich nicht mehr so viel getan. Es geht hier vielmehr um ein Experiment mit dem Design. Das Design eines AKWs zu ändern ist jedoch um einiges komplexer als z. B. bei einem Auto. Wenn die Automobil-Industrie ein neues, besseres Auto auf den Markt bringt, kann es genauso passieren, dass manche Teile nicht richtig funktionieren. Und das kann auch bei einem neu entworfenen AKW passieren. Russland experimentiert mit einer neuen Technologie in Weißrussland.
GLOBAL 2000: Können Sie uns ein paar besonders kritische Punkte nennen?
Ozharovskiy: Erstens haben sie – nur als Beispiel - die Kapazität um 20 Prozent von einem Gigawatt auf 1.2 Gigawatt gesteigert. Der Reaktordruckbehälter ist um 30 cm höher. Die Pumpen sind komplett neu, der Generator ist absolut neu und die Brennstäbe sind länger. Zweitens ist die Art der Vermarktung der Atomkraft fragwürdig. Die Weißrussen haben keine Erfahrung mit Atomkraft, also haben sie einfach den Inhalt von russischen Websites und Publikationen kopiert und eingefügt. Aufgrund dieser Unwissenheit kamen sie auch zu der Aussage, dass in einem worst case-Szenario lediglich ein Umkreis von 3,5 km betroffen wäre.
GLOBAL 2000: Weißrussland möchte unabhängig von russischen Öl und Gas werden und baut deshalb ein AKW mit russischer Technologie. Macht das Sinn?
Ozharovskiy: Das macht keinen Sinn. Sie machen sich noch abhängiger von Russland. Es wird nur eine Energiegewinnungsform durch die andere ersetzt. Es steckt hier keine Logik dahinter.
GLOBAL 2000: Wie geht die Regierung mit den Gegnern des AKW um?
Ozharovskiy: Bis jetzt sind wir noch nicht im Gefängnis (schmunzelt). Aber ein Beispiel: Igor Pastukhov war der Leiter des "Saraĉanskija lakes" National Reservoir. Er wurde gefeuert, weil er kritisierte, dass das AKW nur acht Kilometer vom Nationalpark entfernt gebaut werden soll. Auch für NGOs gibt es Probleme. Die Regierung kann die Zulassung für NGOs aufheben. Ohne Zulassung darf eine NGO in Weißrussland nicht agieren – es ist gegen das Gesetz – können Sie das glauben? Wenn zum Beispiel Zivilisten den Wald schützen möchten, dürften sie das nicht. Bürgerinitiativen sind verboten.
GLOBAL 2000: Sie waren jedoch bereits im Gefängnis.
Ozharovskiy: Ich ging zu einer der öffentlichen Anhörungen. In Wirklichkeit handelte es sich aber nicht um eine öffentliche Anhörung, sondern um ein Pro-Atomkraft-Treffen der Regierung. Natürlich kann die Regierung diese Meetings organisieren, um ihre Politik zu unterstützen, aber dann sollen sie es nicht „Öffentliche Anhörung“ nennen. Und ich hatte Flugblätter mit, 96 Stück. Ich wurde von einem Beamten aufgehalten, der mir untersagte, diese Blätter in die Anhörung mitzunehmen. Nach längerer Diskussion gab ich auf und sagte, dass ich die Blätter nicht mitnehme. Sofort darauf wurde ich verhaftet. Ich wurde zum Gericht gebracht und auch der Richter stimmte zu, dass mein Verhalten absolut unangebracht war und ich wurde wegen Hooliganismus angeklagt. Ich ging für sieben Tage ins Gefängnis.
Ich selbst bin Russe und mir sind die Tricks der weißrussischen Regierung egal. Aber es gibt Menschen, die alle Risiken auf sich nehmen und versuchen, gegen den Druck der Regierung anzugehen. Diesen Menschen zolle ich meinen tiefsten Respekt. Ich bin nur ein Assistent von Außen.
GLOBAL 2000: Sie selbst haben Atomphysik studiert. Woher kommt das spezielle Interesse in diesem Gebiet?
Ozharovskiy: Ich arbeite bei Ecodefense, einer russischen Anti-Atom NGO. Mein Ziel ist es ganz ehrlich, einen österreichischen Weg einzuschlagen. Wir brauchen keine Atomkraft. Wir hätten genauso Geld in der Tasche und eine saubere Umwelt, wenn wir das hier einfach stoppen würden. Unglücklicherweise geht Russland genau den verkehrten Weg und möchte noch mehr AKW bauen. Und die Russen haben dasselbe Problem wie die Weißrussen. Wir können nicht wirklich beweisen, dass die Technologie ernsthaft gebraucht wird, außer für die Mitglieder der Atom-Industrie. Die brauchen nämlich das Geld der Regierung. Und Atomenergie ist in meiner Heimat subventioniert, weil sie nicht vom Militär getrennt ist.
GLOBAL 2000: Subventionierte Atom-Energie ist auch billiger?
Ozharovskiy: Es ist seltsam, dass viele denken, Atomenergie wäre profitabel. Die Leute dahinter lügen, wenn sie sagen, Atomenergie ist sicher. Sie lügen, wenn sie sagen es gibt kein Problem mit nuklearem Abfall und sie lügen, wenn sie sagen, es ist eine billige Technologie. Es gibt kein öffentliches Interesse an Atomenergie. Es gibt nur das Interesse der Atom-Gesellschaften.
GLOBAL 2000: Wie sehen Sie die Atomenergie in der Zukunft?
Ozharovskiy: Für die gesamte Atomenergie-Nutzung der Erde kann ich nichts Konkretes sagen. Hier gibt es zu viele „Player“. Für mein Land hoffe ich, dass die Atomlobby an Macht verliert. Ich wünsche mir, dass die Wahrheit über Atomkraftnutzung irgendwie zu den russischen Medien und Entscheidungsträgern durchdringt. Die russische Atom-Industrie befindet sich in einer permanente Krise. 1993 gab es zum Beispiel einen schweren Unfall mit nuklearem Abfall im Tomsk. Es kam zur Explosion von Atommüll der einen Umkreis von 30 km mit Plutonium verseuchte. Unfälle passieren die ganze Zeit. Ich hoffe nur, dass wir klug genug sind und die Atomenergie stoppen, bevor es zu einem zweiten Tschernobyl kommt.
(Von Victoria Zedlacher)
Links:
Nuclear Monitor
BELAPAN: NOT YET CLEAR WHAT BELARUS WILL DO WITH WASTE FROM NUCLEAR PLANT

















