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Zum Wert biologischer Vielfalt
Anlässlich des Internationalen Jahres der biologischen Vielfalt trafen wir Werner Huber, Biologe am Institut für Botanik der Universität Wien. Gemeinsam mit Anton Weissenhofer gründete und leitet er in Costa Rica die Tropenstation La Gamba, die sich der Erforschung des Regenwaldes und dessen Erhaltung zur Aufgabe gemacht hat. Im Gespräch mit GLOBAL 2000 erklärt er, wie es um die Artenvielfalt in Lateinamerika bestellt ist, warum Costa Rica ein Paradebeispiel für Naturschutz in der Region ist und wie die einheimische Bevölkerung beim Projekt La Gamba partizipiert.
GLOBAL 2000: Lateinamerika weist durch seine geographische Nord-Süd- Ausdehnung eine enorme Artenvielfalt auf. Wie kommt diese zustande und welchen Bedrohungen ist sie ausgesetzt?
Huber: Es ist tatsächlich der Fall, dass Lateinamerika, sprich die Neotropen, das Gebiet mit der größten Artenvielfalt weltweit ist. Diese ist wesentlich größer als in allen tropischen Gebieten Afrikas oder Asiens, sprich den Paläotropen. Es gibt in Lateinamerika Länder wie Brasilien oder Kolumbien, die eine unvorstellbare Anzahl an Pflanzen aufweisen. Die Neotropen erstrecken sich von Mexiko bis nach Argentinien. Die Gebiete reichen von fast 7.000 Meter Höhe bis auf Meeresniveau. Wir haben tropische Wälder an der Atlantikseite und sehr feuchte an der Pazifikseite und wir haben Wüstengebiete, das heißt unterschiedlichste Lebensräume, sprich Habitate, mit enormer Artenvielfalt.
Die Bedrohung dieser Artenvielfalt ist gegeben. Wie überall auf der Welt braucht der Mensch Lebensraum zum Überleben und macht sich die Natur zu Nutze. Es gibt aber auch Gegenbeispiele wie Costa Rica. Dort wurde vor etwa 30 Jahren begonnen, Schutzgebiete einzurichten. Heute ist ein Viertel des Landes unter Schutz gestellt. In Costa Rica werden illegaler Holzschlag und Wilderei gesetzlich verfolgt. Es gibt viele Länder in Südamerika, die große Gebiete unter Schutz gestellt haben, wie Nicaragua oder Panama – wie weit Naturschutz von den jeweiligen Regierungen aber unterstützt wird, ist zu bezweifeln. Es gibt Länder, die von ihren natürlichen Ressourcen leben müssen. In Panamá werden etwa sehr intensiv Kraftwerke gebaut, wodurch Naturgebiete verschwinden. Wir alle kennen das Problem von Brasilien, dass der Regenwald dort stetig schrumpft; heute mehr denn je, um für den Export Soja anzubauen und Rinder zu züchten.
GLOBAL 2000: Wozu brauchen wir eigentlich diese Artenvielfalt?
Huber: Artenvielfalt ist grundsätzlich gegeben. Auch wenn wir seit vielen Jahren die Tropen und ihre Artenvielfalt erforschen, wissen wir noch sehr wenig darüber. Wir kennen zwar die Funktionen der einzelnen Arten, jedoch kennen wir nur einen Bruchteil der Tiere auf der Welt. Es wird geschätzt, dass es etwa 20 bis 40 Millionen Tierarten, vor allem Insekten und Käfer, geben könnte, wovon heute etwa 1,7 Millionen bekannt sind. Das heißt, wir wissen nur zum Teil, dass es sie gibt, wir haben jedoch keine Ahnung, wie das Ganze zusammenhängt. Wenn wir eine dieser Arten aus der Artenvielfalt herausnehmen, ihr Überleben gefährden, so hat das natürlich Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem. In großem Ausmaß kann das zu einem Kollaps eines Lebensraums oder gar des gesamten Systems führen.
Uns Menschen fällt es leichter, wenn wir alles mit einem auf den Menschen bezogenen Wert besetzen. Das führt uns zu der Frage, wozu wir diese Ökosysteme überhaupt brauchen? Ein Regenwald hat einen wesentlich höheren Wert, wenn er intakt ist – durch die Sekundärprodukte, die man gewinnen kann, durch den Erholungswert sowie die Funktion als grüne Lunge. Wenn man das in Geld ummünzt, hat eine Natur, die funktioniert, einen wesentlich höheren Wert als zerstörte Natur. In weiterer Folge wissen wir, dass ein Großteil der Medikamente, die wir für uns nutzen, aus der Natur kommt – die wenigsten sind synthetisch produziert. Bisher wurde nur ein Bruchteil der Pflanzen und Tiere, die wir kennen dahingehend untersucht, welchen Wert sie für die Pharmazie haben können. Es ist gut möglich, dass hier noch ein Mittel gegen Krebs oder Aids schlummert. Außerdem hat die Natur an sich eine Berechtigung zu überleben.
GLOBAL 2000: Ein kurzer Exkurs zum Thema Klimawandel: Erkennt man bereits die Konsequenzen des Klimawandels bei gewissen Pflanzen- und Tierarten in der Region?
Huber: In den Tropen ist dieses Thema noch zu wenig untersucht. Diese Diskussion spielt sich eher in den gemäßigten Gebieten ab. Was sich aber sagen lässt – wir machen seit 12 Jahren in Costa Rica Klimaaufzeichnungen – ist, dass sich in La Gamba Katastrophenjahre häufen. Das bedeutet, es gibt Jahre, in denen es sehr viel regnet und dann wieder sehr trockene Jahre. Diese Phasen wechseln sich stärker und öfter ab. Hier könnte ein Zusammenhang bestehen.
GLOBAL 2000: Können sie mir zu Ihrem Projekt La Gamba mehr erzählen?
Huber: Die Tropenstation La Gamba ist vor 16 Jahren gegründet worden. Sie war ursprünglich eine Initiative von einigen Studenten, die damals vom Verein „Regenwald der Österreicher“ unterstützt wurde. Sie haben uns ermöglicht, eine Art Feldstation einzurichten, die heute eine gut ausgestattete Forschungsstation ist. Die Station steht heute in sehr enger Verbindung zur Universität. Das heißt, wir sind von der Universität angestellt, um diese Station zu betreuen, wir kriegen staatliche Unterstützung und finanzielle Hilfe von anderen Organisationen.
Die Station hat folgende Aufgaben: Einerseits wird dort Forschung und Lehre ermöglicht. Wir haben auch schon viele Publikationen zu den Forschungsergebnissen herausgebracht. Außerdem wird die Station von Studenten und Studentinnen aus unterschiedlichsten Regionen für Exkursionen und Projektpraktika genutzt. Es kommen auch andere an Natur interessierte Menschen in die Station, um den Regenwald hautnah zu erleben. Eine weitere Aufgabe sind Projekte, die mit Naturschutz in Zusammenhang stehen. Wir arbeiten seit etwa fünf Jahren intensiv im Bereich der Wiederbewaldung und an Möglichkeiten für die einheimische Bevölkerung, Natur schonende Projekte auszuarbeiten. Hier können einheimische Leute, vor allem Frauen, ihr Geld auf alternative Weise verdienen, z.B. mit Schmuck oder Kosmetika aus dem Regenwald. Wir fungieren als Unterstützer und Ideengeber, nicht als Projektleiter, und stellen Materialien und finanzielle Mittel bereit.
GLOBAL 2000: Was erachten Sie als besonders wichtig bei Ihren Naturschutzprojekten?
Huber: Im Zuge von Naturschutzprojekten ist es wichtig, nicht nur Schutzgebiete einzurichten, sondern diese offen zu lassen und mithilfe von Korridoren ein weitläufigeres Gebiet für die dort lebenden Tier- und Pflanzenarten zu schaffen. Ein Ziel ist es, „Regenwaldinseln“ mithilfe von biologischen Korridoren miteinander zu verbinden. Das geschieht durch den Anbau von heimischen Bäumen – zirka 40 verschiedene Baumarten – die momentan noch sehr niedrig sind, aber irgendwann ein Wald sein werden, in dem Tiere und Pflanzen wandern können. Mit der Unterstützung des Unternehmens OMV haben wir einen Versuchsgarten installieren können. Hier schauen wir, welche Pflanzen und Produkte mit den gegebenen klimatischen Bedingungen am besten wachsen und von der ansässigen Bevölkerung für die Landwirtschaft genützt werden können. Die Menschen in La Gamba stammen ursprünglich aus einer weniger feuchten Region und kamen anfangs mit dem extremen Klima vor Ort schwer zurecht. Daraufhin spezialisierten sie sich auf Ölpalmen oder Bananen, also große Monokulturen. Jedoch gibt es wesentlich bessere Möglichkeiten, den Boden zu bebauen. Deshalb versuchen wir mithilfe von Permakultur Alternativen zu bieten.
GLOBAL 2000: Inwiefern wird die lokale Bevölkerung in die Projekte eingebunden?
Das Einbinden der Bevölkerung ist essentiell für den Erfolg des Projekts. Wir merken das auch bei La Gamba: Wir haben gesehen, dass man die Welt nur verändern kann, wenn man im Kleinen beginnt. Die einheimische Bevölkerung hat viele Jahre vom Wald gelebt – der Wald war Allgemeingut, dort hat man gejagt, Tiere und Pflanzen verwertet und verkauft. Wenn so ein Gebiet zum Schutzgebiet erklärt wird, kann man den Leuten ihre alten Gewohnheiten nicht einfach verbieten. Hier gilt es, die Menschen aufzuklären und zu zeigen, dass der Wert eines Gebietes so wie es ist, ein höherer ist, als wenn man Tiere und Pflanzen für den wirtschaftlichen Nutzen ausrottet. Ehemalige Jäger oder Holzfäller führen nun mit ihrem Wissen und ihren Augen durch den Wald und erklären diesen. Wir versuchen bei La Gamba und im „Regenwald der Österreicher“, möglichst viele Familien der Region einzubinden. Außerdem ist es wichtig, in den Schulen Naturschutz zu vermitteln. Die intakte Natur ist für Costa Rica sehr wichtig, weil es die meisten Devisen durch den Naturtourismus bekommt. Das hat der Staat erkannt, jedoch muss dieses Verständnis an die einzelnen Menschen weitergegeben werden; sie für den Schatz vor ihrer Tür – ein tolles Ökosystem – zu sensibilisieren.
GLOBAL 2000: Sie haben zuvor Palmölplantagen erwähnt. Diese werden in anderen Ländern oftmals als sehr gewinnbringende Alternative zur Wiederbewaldung hingestellt. Wie stehen Sie dazu?
Huber: Eine Palmölplantage ist kein Wald. Eine Plantage ist eine Monokultur, wo nur ganz beschränkt Tiere und Pflanzen überleben. Wir machen immer wieder Untersuchungen, v.a. zu Schmetterlingen, und da sind Ölplantagen eines der Habitate, wo am wenigsten Schmetterlinge vorkommen. In Costa Rica und allgemein in Mittelamerika werden die Ölpalmplantagen immer populärer. Es ist das landwirtschaftliche Produkt, das am meisten Erträge bringt – mehr als Reis oder Mais. Palmöl boomt, weil auch in Lateinamerika immer mehr auf Biodiesel umgestellt wird. Außerdem ist es Basis für Kosmetika und Speiseöle. In Costa Rica und angrenzenden Ländern wird aber kein Urwald dafür zerstört, wie dies in Malaysia oder Indonesien der Fall ist. Es ist aber schon so, dass Weiden, die auch einen biologischen Wert haben, immer mehr in solche Plantagen umgewandelt werden.
GLOBAL 2000: Um nochmals auf das Thema Holz zurückzukommen: Wird in der Region noch illegal Holz geschlagen?
Huber: Holz ist ein ganz spezielles Thema. Korruption gibt es überall, obwohl wir persönlich in Costa Rica nie damit in Kontakt gekommen sind. Es kann natürlich vorkommen, dass Behörden bestochen werden, damit Bäume gefällt werden können. Costa Rica selbst ist vom ehemaligen Rekordland für Holzexport und Naturzerstörung zu einem Naturschutzland geworden, vor allem deshalb, weil Costa Rica gemerkt hat, dass die exzessive Regenwaldzerstörung massive Erosion hervorruft. Wenn es regnet werden also Straßen überschwemmt und vermurt – das passiert laufend und wichtige Straßen müssen gesperrt werden. Costa Rica hat daraufhin begonnen Schutzgebiete einzurichten und inzwischen ist das Land zu einem Holz-Importland geworden. Es hat nur ganz wenige Forste und die vorhandenen Bestände sind noch zu jung und die Flächen zu klein, um den Bedarf zu decken. Costa Rica hat jedoch eine sehr gute Kontrollbehörde, die MINAE, die schaut, woher die Hölzer kommen. In anderen Ländern wie Brasilien oder Kolumbien ist illegaler Holzeinschlag jedoch ganz alltäglich. Costa Rica importiert beispielsweise aus Nicaragua. Dort wird sehr wohl illegal Holz geschlagen, denn die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind weniger optimal als in Costa Rica und es wandern tatsächlich Hölzer aus Schutzgebieten hinaus. Wie zuvor schon erwähnt, arbeiten wir derzeit im Bereich Naturschutz ganz intensiv am Wiederbewaldungsprojekt. Wichtig ist, zu verstehen, dass das keine Sache auf heute oder morgen ist.
(Von Stella Haller)
Links:
Tropenstation La Gamba

















