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„Kurze Autofahrten sind für die Umwelt katastrophal“
Christian Gratzer, Pressesprecher des Verkehrsclub Österreichs (VCÖ), spricht mit GLOBAL 2000 über Mobilität in Österreich. Er macht darauf aufmerksam, dass Autofahren nicht nur teuer ist, sondern massive Folgen für Umwelt und Gesundheit nach sich zieht.
GLOBAL 2000: Was sind die Aufgaben des Verkehrsclub Österreich?
Gratzer: Der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) ist eine NGO. Wir setzen uns dafür ein, dass die österreichische Verkehrspolitik Maßnahmen für eine ökologisch verträgliche, sozial gerechte und ökonomische effiziente Mobilität setzt. Wir beschäftigen uns sowohl mit der Personenmobilität als auch mit dem Gütertransport. Unser Ziel ist zum einen die Reduktion des Güterverkehrs und zum anderen die Steigerung der Umweltverträglichkeit – also die Verlagerung des Gütertransports von der Straße auf die Schiene.
GLOBAL 2000: Inwiefern kann der VCÖ Einfluss auf die Verkehrspolitik nehmen?
Gratzer: Wir können der Politik Vorschläge machen, indem wir Studien durchführen, Publikationen veröffentlichen und Lösungsvorschläge anbieten. In der Vergangenheit haben wir bereits einiges erreicht, wie etwa die elektronische Einhebung der LKW-Maut im Jahr 2004. Das Bonus-Malus-System bei Diesel-Pkw, Tempo-30-Zonen und auch verkehrsberuhigte Zonen gehören zu unseren Erfolgen. Wichtig sind uns auch Verbesserungen für RadfahrerInnen zu schaffen. In Zusammenarbeit mit dem Umweltministerium, den Bundesländern und größeren Städten werden Maßnahmen gesetzt, um mehr ÖsterreicherInnen zum Radfahren zu bewegen.
GLOBAL 2000: Was halten Sie von Elektrofahrrädern?
Gratzer: Elektrofahrräder werden sich sicher in den nächsten Jahren am Markt behaupten. Die Verkaufszahlen steigen stark an. Während vergangenes Jahr 12.000 Elektrofahrräder verkauft wurden, rechnet man in diesem Jahr mit 20.000 Verkäufen. Der VCÖ rechnet bis 2015 mit Verkaufszahlen von 75.000 pro Jahr. Elektrofahrräder sehen wir vor allem als Alternative für ältere Menschen, die noch lange Radfahren möchten. Wir sehen auch ein Potential für Geschäftsleute, die Termine innerhalb der Stadt haben. Es wird auch Unternehmen geben, die ihren Angestellten diese Fahrräder für Dienstfahrten zur Verfügung stellen werden. Eine Umfrage unter AlltagsradfahrerInnen ergab, dass rund elf Prozent ein Elektrofahrrad als Alternative in Betracht ziehen.
GLOBAL 2000: Einer Studie des VCÖ zufolge ist jede fünfte Autofahrt kürzer als zwei Kilometer. Die Hälfte der Autofahrten ist sogar kürzer als fünf Kilometer. Was bedeuten Kurzstreckenfahrten für die Umwelt?
Gratzer: Kurze Autofahrten sind für die Umwelt katastrophal. Auf den ersten Kilometern verbraucht ein Auto dreimal mehr Treibstoff als im Durchschnitt. Angenommen ein Auto mit einem Durchschnittsverbauch von sieben Litern fährt nur Strecken von einem Kilometer, dann ergibt das einen Verbrauch von etwa 21 Liter pro 100 Kilometer. Zudem braucht der Motor etwa drei Kilometer bis er die optimale Temperatur erreicht hat. In den ersten Kilometern sind auch die CO2-Emissionen enorm hoch.
GLOBAL 2000: 42 Prozent der ÖsterreicherInnen nutzen im Alltag keine öffentlichen Verkehrsmittel. Das betrifft vor allem ländliche Gebiete, da sie für Verkehrsunternehmen ökonomisch nicht interessant sind. Welche Möglichkeiten gibt es auch dünner besiedelte Gebiete zu erschließen?
Gratzer: Strecken von bis zu fünf Kilometern können optimal mit dem Fahrrad zurückgelegt werden. Ein Problem im ländlichen Raum ist, dass es häufig nur Freilandstraßen gibt und keinen Radweg. Es wäre wichtig das Radwegnetz auszubauen. In Vorarlberg ist es zum Beispiel selbstverständlich, wenn eine Straße angelegt wird, dass gleichzeitig ein Radweg errichtet wird. In ländlichen Gebieten sind häufige Verbindungen notwendig. Studien belegen, dass mehr Menschen auf den öffentlichen Verkehr umsteigen, je mehr Verbindungen es gibt. In vielen Gebieten gibt es nur zwei Verbindungen pro Tag, dabei handelt es sich um Schul- oder Werksbusse. Es sind also Investitionen vom Bund und von den Ländern für eine nachhaltige Mobilität notwendig.
GLOBAL 2000: Gibt es auch Situationen in denen ein Auto sparsamer ist, sowohl von der CO2-Belastung her als auch finanziell?
Gratzer: Nein. Ein Auto ist ein sehr ineffizientes Verkehrsmittel. Das Gewicht eines Menschen beträgt zwischen 60 und 80 Kilogramm, dieses Gewicht wird von über 1,5 Tonnen transportiert. Es ist die Aufgabe der Politik den öffentlichen Verkehr zu fördern und somit das Verkehrsaufkommen zu mindern. Länder, die sich um ein dichtes öffentliches Verkehrsnetz kümmern, sichern der Bevölkerung für lange Zeit Mobilität. Wer glaubt mit Billigsprit Mobilität zu schaffen, handelt kurzsichtig und mittelfristig. Finanziell gesehen ist ein Auto sehr teuer. Die Treibstoffpreise werden zunehmend steigen, da die Ressourcen begrenzt sind.
GLOBAL 2000: Nennen Sie ein Beispiel um den Unterschied zwischen öffentlichen Verkehrsmitteln und dem Individualverkehr zu verdeutlichen.
Gratzer: Im Rahmen einer Studie haben wir uns unter anderem die Strecke Amstetten–St. Pölten angesehen, eine typische Pendlerstrecke. Wer mit dem PKW fährt verursacht pro Jahr 5.053 kg CO2, wer mit der Bahn pendelt, nur 552 kg, also nur einen Bruchteil davon. Zudem ist die Bahn mit € 1.200,- pro Jahr verhältnismäßig günstig. Nimmt man das Kilometergeld als Grundlage kommt man für diese Strecke beim Auto auf Gesamtkosten von € 12.190,-, allein der Treibstoff kostet € 2.290,-.
GLOBAL 2000: Wie sieht es mit der CO2-Bilanz von Fahrgemeinschaften aus?
Gratzer: Als im Jahr 2008 die Spritpreise stark angestiegen sind, haben viele Leute plötzlich Fahrgemeinschaften gebildet – damit waren sie natürlich viel billiger unterwegs als vorher. Wenn drei Leute miteinander eine Fahrgemeinschaft bilden, ist das natürlich besser für die Umwelt, da zwei Autos eingespart werden. Die Kosten vermindern sich bei diesem Beispiel um zwei Drittel und die Umwelt wird entlastet. Gerade im ländlichen Raum sind Fahrgemeinschaften sinnvoll.
GLOBAL 2000: Einer Studie des VCÖ zufolge verursacht der Wiener KFZ-Verkehr 275 Millionen Euro an externen Kosten. Um welche Kosten handelt es sich hierbei?
Gratzer: AutofahrerInnen zahlen nur einen Teil der Kosten, die sie tatsächlich verursachen. Einen großen Teil bilden die Umwelt- und Gesundheitsschäden durch Feinstaub, Stickoxide und CO2. Ein weiterer Teil besteht aus externen Unfallfolgekosten. Das sind Kosten die durch Behandlungskosten entstehen aber auch durch die Minderung der Lebensqualität. Dazu kommen noch die Lärmkosten. Lärm kann massive Gesundheitsprobleme bis hin zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen, was wieder zu den Gesundheitsschäden führt. Lärm mindert zudem den Wert von Wohnungen, die an viel befahrenen Straßen liegen. Zu den externen Kosten gehören auch noch so genannte Staukosten. Wer einen Handwerker bestellt, muss dadurch höhere Kosten für die Anfahrtszeit zahlen, obwohl er diese Kosten nicht verursacht hat.
GLOBAL 2000: Einige Autohersteller arbeiten zurzeit an den ersten seriell hergestellten Elektroautos. Glauben Sie, dass sich diese Technologie durchsetzen wird?
Gratzer: Das Austauschen von herkömmlichen Motoren durch Elektromotoren löst nicht das Verkehrsproblem an sich, aber sie haben ein paar Vorteile gegenüber herkömmlichen Fahrzeugen: Elektroautos haben keinen Auspuff und stoßen, dort wo wir fahren, keine Schadstoffe aus. Wenn der Strom aus erneuerbaren Energieträgern kommt, ist die CO2-Bilanz deutlich besser als die eines herkömmlichen Autos. Der zentrale Punkt der Elektromobilität liegt darin, dass der Strom umwelt- und ressourcenschonend hergestellt werden muss. Wir rechnen damit, dass im Jahr 2020 rund neun Prozent der Autos in Österreich von Elektromotoren betrieben werden – Hybridmotoren sind in dieser Zahl schon integriert. Derzeit gibt es einen Hype um Elektroautos. Es kann nicht sein, dass hohe staatliche Förderungen in den Kauf von Elektroautos gehen. Die umweltfreundlichsten Fortbewegungsmöglichkeiten sind und bleiben das Gehen, das Radfahren und der öffentliche Verkehr.
GLOBAL 2000: Wie schätzen Sie das Umweltbewusstsein der ÖsterreicherInnen ein?
Gratzer: Ich glaube, dass das Umweltbewusstsein der ÖsterreicherInnen grundsätzlich hoch ist, insbesondere bei jungen Leuten. Man darf es aber den ökologisch Denkenden nicht permanent schwer machen. Gerade im Verkehrsbereich wird besonders die nicht-umweltbewusste Mobilität gefördert, FußgängerInnen und RadfahrerInnen haben es da deutlich schwerer. Wir brauchen doppelt so viele öffentliche Verkehrsverbindungen und eine offensive Förderung des Radfahrens und Gehen.
Links:
VCÖ
(von Carmen Waldhart)
















