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"Es wird erst dann genug getan sein, wenn Grenzwerte nicht überschritten werden“

Ausgerechnet wegen des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull, der selbst Feinstaub produziert, musste das Interview mit dem Feinstaubexperten Dr. Jürgen Schneider vom Umweltbundesamt verschoben werden, denn er saß in Brüssel fest. Ein paar Tage später stand er GLOBAL 2000 dann doch noch Rede und Antwort zum Thema Feinstaubbelastung.

GLOBAL 2000

GLOBAL 2000: Herr Dr. Schneider, woraus setzt sich Feinstaub zusammen und was macht ihn so gefährlich?
Schneider: Feinstaub bezeichnet kleine Teilchen, die kleiner gleich 10 Mikrometer sind, also mit dem freien Auge nicht mehr wahrnehmbar. Grob gesagt, je kleiner die Teilchen, umso gefährlicher sind sie. Kleinere Teile können bis tief in die Lunge gelangen, gröbere Partikel nur in die oberen Atemwege. Feinstaub kann aus verschiedenen Bestandteilen zusammengesetzt sein, insbesondere organische Bestandteile und Schwermetalle sind aus gesundheitlicher Sicht besonders besorgniserregend. 

GLOBAL 2000: Wer sind die Hauptverursacher von Feinstaub?
Schneider: Die Quellenzuordnung für Feinstaub ist relativ komplex. Hier gibt es große lokale und zeitliche Unterschiede. In der Stadt zählt vor allem der Straßenverkehr zu den primären Hauptverursachern und insbesondere Dieselmotoren, aber auch der Einsatz von Baumaschinen. Weitere Ursachen sind Hausbrände und Emissionen aus alten Einzelöfen. Die dritte Quelle bilden Gewerbe und Industrie. Dabei müssen die großen Betriebe nicht zwangsläufig die größten Emissionen produzieren.

GLOBAL 2000: Welche Maßnahmen erachten Sie als sinnvoll, um die Luftqualität im städtischen Raum zu verbessern?
Schneider: Auch das ist situationsabhängig. Man muss bei den genannten Hauptverursachern ansetzen. Im Raumwärmebereich wäre der Umstieg auf Heizsysteme ratsam, die geringere spezifische Emissionen freisetzen wie beispielsweise Fernwärme. Beim Verkehr wäre jeder Umstieg vom motorisierten Individualverkehr auf den öffentlichen Verkehr wünschenswert. Die Nachrüstung von Kraftfahrzeugen und Baumaschinen mit Partikelfiltern, aber auch der Umstieg auf emissionsärmere Transportformen, von der Straße auf die Schiene, wären sinnvolle Maßnahmen.

GLOBAL 2000: Was halten Sie von der Idee einer weitflächigen Dachbegrünung, um die Feinstaubbelastung zu senken?
Schneider:
Es gibt in der Literatur einige Hinweise darauf, dass Grünflächen die Feinstaubbelastung senken können. Allerdings ist ihr Einfluss sehr gering und zur Einhaltung der Grenzwerte ist diese Maßnahme nicht ausreichend.

GLOBAL 2000: Wie stehen Sie zur Einführung der CityMaut in Wien?
Schneider:
Den Personenverkehr zu reduzieren stellt in einer Stadt, deren Luftqualität beeinträchtigt ist, eine wichtige Maßnahme dar. Die Citymaut wäre eine Möglichkeit. Ein andere wäre der Ausbau der Parkraumbewirtschaftung oder die Einrichtung von Umweltzonen. Welche Maßnahme letztendlich zum Einsatz kommt ist wieder situationsabhängig.

GLOBAL 2000: Der zulässige Grenzwert wurde heuer bereits überschritten. Man hat den Eindruck, ohne gröbere Konsequenzen. 
Schneider:
In Österreich haben wir 2010 Fschon an mehreren Stellen Überschreitungen der zulässigen Grenzwerte. In der EU ist die Grenze bei mehr als 35 Überschreitungstagen erreicht, die österreichische Rechtslage ist mit 25 Tage noch strenger. Meiner Meinung nach gibt das derzeitige Immissionsschutzgesetz Luft (IG-L) den Landeshauptleuten zu wenig Handlungsspielraum, um Maßnahmen zu setzen. Dafür braucht es eine klare Gesetzesvorgabe, die aber beim Verkehr eindeutig nicht gegeben ist. 

GLOBAL 2000: Wie steht Österreich verglichen mit anderen EU-Ländern da?
Schneider:
Was die Belastungssituation angeht, ist Österreich im Mittelfeld angesiedelt.

GLOBAL 2000: Die Richtwerte der World Health Organisation (WHO) liegen deutlich unter den rechtswirksamen Grenzwerten der EU. Sind die EU Grenzwerte ausreichend?
Schneider:
Auch wenn die Richtwerte der EU berechtigt sind, so sind sie nicht mit jenen der WHO vergleichbar. Sie können keinen vollständigen Schutz der Gesundheit gewährleisten, sondern lediglich Mindeststandards rechtlich festlegen. Selbst bei Einhaltung der EU Grenzwerte, können gesundheitliche Auswirkungen auftreten. Feinstaub hat keine bekannte Wirkschwelle, das heißt selbst bei niedrigen Konzentrationen können schon gesundheitliche Folgen auftreten. Besonders betroffen von Feinstaub sind Kinder, ältere Personen und Personen mit schon bestehenden Lungenkrankheiten wie COPD (Anm. d. Red. auch bekannt als Raucherlunge).

GLOBAL 2000: Wie steht es mit der Feinstaubbelastung in Innenräumen?
Schneider:
Aus eigenen Studien ist uns bekannt, dass es einen deutlichen Zusammenhang zwischen Außen- und Innenluft gibt. Belastungen kommen auch von außen hinein, ein wichtiger Befund, wenn man bedenkt, dass man sich 80 bis 90 Prozent im Inneren von Räumen aufhält. Eine zusätzliche Quelle, die die Feinstaubbelastung verstärkt, ist Tabakrauch.

GLOBAL 2000: Wird Ihrer Meinung nach genug getan um die Feinstaubbelastung zu senken?
Schneider:
Ich habe das Gefühl, dass das Problem Feinstaub politisch ernst genommen wird. Es könnte allerdings noch mehr getan werden. Es wird erst dann genug getan sein, wenn Grenzwerte nicht überschritten werden.

GLOBAL 2000: Hatte die Aschewolke aus Island einen Effekt auf die Feinstaubbelastung der letzten Tage in Österreich?
Schneider:
Während die Aschewolke in höher gelegeneren Gebieten wie dem Sonnblick zur Feinstaubbelastung beigetragen hat, ist der Feinstaub in den größeren Städten durch anthropogene Quellen verursacht. Gesundheitliche Auswirkungen auf die Bevölkerung, die von der Wolke herrühren, sind nicht zu erwarten.

GLOBAL 2000: Welche konkreten Maßnahmen setzen Sie, um die Feinstaubbelastung in Ihrem Umfeld zu senken?
Schneider:
Ich benütze öffentliche Verkehrsmittel und heize mit Fernwärme. Das heißt, in meinem persönlichen Umfeld setze ich vergleichsweise wenig Emissionen frei. Außerdem bin ich Nichtraucher!

(Von Anna Maltschnig)

Links:

Umweltbundesamt
ZAMG
Luftgüteberichte der Stadt Wien

letztes Update: 27.04.2010 13:19
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