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Klimawandel: Die Berge wachsen zu

Auf den hohen Bergen lassen sich - abseits menschlicher Einflüsse - die Auswirkungen des Klimawandels modellhaft nachvollziehen. Seit 15 Jahren untersuchen Wissenschafter auf der ganzen Welt systematisch, wie sich die alpine Flora in den Gipfelbereichen verändert. Schon jetzt steht fest: Durch die Klimaerwärmung wandern die Pflanzen die Berge hinauf. Gräser, Blumen, Sträucher und sogar Bäume halten Einzug in hochalpine Regionen. Dort, wo unter extremen Bedingungen bislang nur absolute Pflanzen-Spezialisten überleben konnten, werden in Zukunft Pflanzen leben, die heute noch in niedrigeren Lagen beheimatet sind. Was das für die Artenvielfalt und für uns Menschen bedeutet, erklärt der Biologe Harald Pauli in einem Interview mit dem GLOBAL Journal.

Philipp Gruber

GLOBAL Journal: Sie und hunderte andere Kollegen untersuchen die Folgen des Klimawandels in den Bergregionen der Welt. Wie hat das alles angefangen?

Pauli: Wir haben uns Flächen im Gebirge angeschaut, die bereits vor 100 Jahren von Botanikern untersucht worden sind. Da haben wir festgestellt, dass es heute mehr Pflanzen auf diesen Untersuchungsflächen gibt. Das war ein erster, sehr starker Befund. Danach haben wir am Schrankkogel - einem 3500 hohen Berg in Tirol - begonnen, im Gipfelbereich genauere Untersuchungsflächen einzurichten. Und weil man den Klimawandel im globalen Vergleich beobachten muss, wurde vor rund 10 Jahren das Forschungsprojekt "Gloria" gegründet. Mittlerweile gibt es weltweit 77 Gebiete, die nach einem standardisierten Verfahren untersucht werden.

GLOBAL Journal: Welche Ergebnisse hat das Beobachtungsnetzwerk "Gloria" bis jetzt gebracht?

Pauli: Nach einigen Jahren haben wir festgestellt, dass es nicht nur mehr Pflanzen werden, sondern dass es auch Pflanzen gibt, die verdrängt werden. Pflanzen aus den niedrigeren Lagen wandern hinauf und verdrängen jene, die sich in den oberen Höhenlagen angesiedelt haben. Dieser Prozess geht vor allem auf Kosten der spezialisierten Arten. Und es gibt viele Arten, die ausschließlich in den Gipfelregionen vorkommen. Sie werden die ersten sein, die verschwinden.

GLOBAL Journal: Kann man diese Entwicklung in Zahlen fassen?

Pauli: Ja. Wir haben in Europa ca. 12.000 Pflanzenarten. Davon leben 2.500 im Gebirge, also über der Waldgrenze. Das sind 20 Prozent der europäischen Flora. Und diese beschränkt sich auf einen Raum von drei Prozent der Gesamtfläche Europas. Wenn sich innerhalb dieser drei Prozent solche gravierenden Veränderungen abspielen, kommt es zu massiven Verlusten der Artenvielfalt.

GLOBAL Journal: Welche Arten sind denn konkret gefährdet?

Pauli: Zum Beispiel der Gletscher-Hahnenfuß. Das ist eine Pflanze, die auf die höchsten Lagen der Alpen beschränkt ist. Oder das Alpen-Mannsschild, der Moos-Steinbrech und das Einblütige Hornkraut.

GLOBAL Journal: Und wie stark ist der Rückgang bei diesen Pflanzen?

Pauli: Das variiert von Fläche zu Fläche. Das können 20, aber auch 50 Prozent sein. Es gibt sogar Beobachtungsflächen, wo eine Art ganz verschwindet. Man muss bedenken, das ist innerhalb von zehn Jahren passiert. Das ist ein sehr kurzer Zeitraum für Gebirgspflanzen, die wachsen ja sehr langsam. Wenn man bereits nach 10 Jahren schon solche Veränderungen beobachten kann, ist das schon erstaunlich.

GLOBAL Journal: Nicht nur die Alpenflora reagiert auf die Erderwärmung, auch Bäume und Sträucher. Wie sieht hier die Situation aus?

Pauli: Wir haben Beispiele aus dem Ural, wo die Baumgrenze innerhalb von 70 Jahren um 100 Meter gestiegen ist. Dass die Baumgrenze hinauf wandert, ist uns aber auch aus Nordamerika bekannt. Wenn wir eine Erwärmung von drei bis vier Grad annehmen, werden wir längerfristig komplett bewaldete Berge haben, zumindest bis in eine Höhenlage von 2.500 Meter. Auch Arten, die jetzt im obersten Waldbereich vorkommen, wie Preisel- und Heidelbeeren werden sukzessive die alpinen Standorte einnehmen, die dann klimatisch gesehen keine mehr sind.

GLOBAL Journal: Wirkt diese Entwicklung der fortschreitenden Erosion in den Bergen entgegen?

Pauli: Das hat natürlich stabilisierende Effekte. Aber wirklich kritisch sind die Übergangsphasen, wo sich die jetzige Zusammensetzung einer Pflanzengesellschaft entmischt. Manche Arten wandern schneller, manche langsamer, manche schaffen es überhaupt nicht - und dadurch können Lücken entstehen.

GLOBAL Journal: Wie werden die Menschen den Verlust der alpinen Artenvielfalt zu spüren bekommen?

Pauli: In vielen Teilen Asiens werden Pflanzen noch intensiv medizinisch genutzt. In der tibetischen Bevölkerung sind die Gebirgspflanzen bis heute praktisch die Apotheke. Die alpine Flora hat dort deshalb einen ganz besonderen Stellenwert. Das sind Heilpflanzen, deren Wirkstoffe in der Bevölkerung auch angewendet werden. Bei uns ist dieses Wissen ja großteils verloren gegangen.

GLOBAL Journal: Wie geht die Forschungsarbeit im Bereich Klima und Alpen weiter?

Pauli: Die nächsten Jahre werden zeigen, ob ein erwärmungsbedingter Vegetationswandel in den Hochgebirgen großräumig feststellbar ist. 2010 wird dazu eine europaweite Gloria-Studie erscheinen, in der erstmals die Daten aller europäischen Gebirgsregionen miteinander verglichen werden.

(Von Philipp Gruber)

M. Gottfried

Zur Person:
Dr. Harald Pauli geboren 1963 in Schladming/Steiermark
1984 – 1993 Studium der Biologie/Botanik an der Universität Wien
seit 1993 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Hochgebirgsökologie/Klimafolgenforschung am Department für Natuschutzbiologie, Vegetations- und Landschaftsökologie der Universität Wien
1998 Doktorarbeit 1998 – 2000 Entwicklung eines internationalen Beobachtungsnetzwerks zu den ökologischen Auswirkungen des Klimawandels im Hochgebirge (GLORIA; www.gloria.ac.at)
2001 – 2003 Europaweiter Aufbau des Netzwerks
seit 2005 wissenschaftlicher Koordinator von GLORIA; weltweite Umsetzung des Netzwerks

 

letztes Update: 02.03.2010 17:55
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