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Okkupation von Wohnbaufläche - Räumung gesetzlich nicht erlaubt

Mehr als 800 Ziesel zählt die Expertin Ilse Hoffmann beim Wiener Heeresspital in Floridsdorf. Die vom Aussterben bedrohten Tiere sollen nun das Feld räumen, weil dort um die 1000 Wohnungen entstehen sollen. Wieso das Vorhaben nicht ganz so einfach sein dürfte und weshalb der Naturraum erhalten bleiben soll, erzählen Lukas Mroz und Gabriele Krenn von der Bürgerinitiative IGL – Marchfeldkanal.

GLOBAL 2000: Ihre Bürgerinitiative hat sich zum Ziel gesetzt, die Ziesel-Population beim Wiener Heeresspital vor einem Bauprojekt zu schützen. Welche Argumente sprechen gegen das Vorhaben?

Mroz: Ziesel genießen Lebensraumschutz, d.h. sie sind dort geschützt, wo sie leben, nicht nur in Naturschutzgebieten. Der MA 22 ist das Ziesel-Vorkommen schon seit 2007 bekannt. Bei der Flächenwidmung 2009, als das Bauprojekt geplant wurde, hat sich darum keiner gekümmert bzw. ist es vielleicht absichtlich unter den Teppich gekehrt worden. Ich finde das ist keine Art, wie man mit Naturschutz in Wien umgeht.

Krenn: Die Tiere genießen einen strengen Artenschutz. Sie stehen auf der roten Liste der gefährdeten Tiere an erster Stelle. Die Tiere werden durch Wohn- und Straßenbau auseinander gerissen und das ist hier scheinbar ein Restbestand. Es ist einfach nicht einzusehen, dass diese Naturgebiete sukzessive verschwinden.

Andreas Gruber

GLOBAL 2000: Seit wann gibt es die Bürgerinitiative? 

Krenn: Die Bürgerinitiative gibt es glaube ich schon seit 2009/10. Es war bekannt, dass da alles verbaut werden sollte. Da haben sich dann ein paar Anrainer formiert und dagegen gewehrt. Später sind auch Tierschützer und Naturschützer dazugekommen.

Mroz: Ursprünglich waren das nur Anrainer. Anfang 2011 ist dann von einem Anwohner im Garten ein Ziesel entdeckt worden. Das ist dann der MA 22 und der Wiener Umweltanwaltschaft berichtet worden. Kurze Zeit später ist ein Bauer, der von den Bauträgern das Feld gepachtet hat, aufgetaucht – mitten im Juni - und hat angefangen das Feld zu mähen und wollte es auch pflügen. Im Juni gibt es eigentlich keinen Grund das Feld zu bestellen, weil es schon zu spät ist, um etwas zu ernten. Es war also offensichtlich einfach nur mit dem Hintergedanken hier, eine Bestandsaufnahme der Tiere auf dem Feld unmöglich zu machen. Es ist schon klar, Wohnbau muss stattfinden, aber man muss auch in Erwägung ziehen was das von den Naturressourcen her kostet.

GLOBAL 2000: Wieso haben sich die Tiere gerade in diesem Gebiet angesiedelt?

Mroz: Die Ziesel finden beim Heeresspital perfekte Bedingungen vor. Dort laufen gelegentlich ein paar Bundesheerler vorbei und ansonsten haben sie ihre Ruhe. Das Gras ist perfekt gemäht und hat auch die richtige Länge. Direkt beim Marchfeldkanal gibt es so gut wie keine Ziesel. Die Biologin Frau Hoffmann von der Uni Wien hat das letztes Jahr kartiert und insgesamt über 800 Tiere gezählt. Das sind geschätzte fünf bis zehn Prozent des österreichischen Gesamtbestandes an Zieseln.

Krenn: Die gemähte Fläche ist deshalb wichtig, weil Ziesel immer freie Sicht haben müssen, um ihre Feinde zu sehen. Also steppenartige Bedingungen sind für die Ziesel ganz wichtig. Mit dem Pflügen ist das so eine Sache. Ich glaube es darf nicht tiefer als 30 cm gepflügt werden und das nur zu einer bestimmten Jahreszeit. Wenn die Jungtiere schon da sind, dann ist das ein Problem.

GLOBAL 2000: Ein Alternativvorschlag der Verantwortlichen zielt darauf ab, die Ziesel-Population durch Umleitungsmaßnahmen zum Abwandern zu bringen und wie geplant die ca. 1000 Wohnanlagen auf dem ursprünglichen Gebiet zu errichten. Wie kann das funktionieren?

Mroz: Das Gebiet, das von den Zieseln besiedelt wird, ist ca. fünf Hektar groß. Das heißt man bräuchte eine Ausgleichsfläche, die gleich groß ist. Man kann Ziesel nicht einfach irgendwohin drängen oder bringen, wo auch schon andere Ziesel sind. Ziesel-Männchen sind territorial. Wenn man es in eine andere Kolonie setzt, wird es sofort angegriffen. Über den Marchfeldkanal können sie nur schwer, außer sie gehen über eine Brücke, aber das ist schwierig. Jene Flächen, die theoretisch als Ausgleichsflächen in Frage kommen würden, eignen sich aber nicht, weil sich dort keine Ziesel angesiedelt haben.

Krenn: In dieser Ausweichzone ist immer Unruhe durch Jogger, Radfahrer oder Spaziergänger. Also die Ziesel haben schon gewusst warum sie dort nicht ihre Bauten errichten.

GLOBAL 2000: Aktuell läuft ein naturschutzrechtliches Verfahren in diesem Gebiet. Wie kann man sich das vorstellen?

Mroz: Im Prinzip ist jetzt mal alles gemäht worden. Ein Teil, auf dem wir auch keine Ziesel gefunden haben, wird gepflügt und mit Gerste bepflanzt. Ein weiterer Teil wird streifenweise gepflügt, d.h. da bleibt immer eine Brache. Das ist eigentlich relativ zieselfreundlich. Das macht auch ein Biobauer. Die Frage ist, ob es genug freie Zonen in diesem Gebiet gibt, wo sie freiwillig hin könnten, weil sobald man sie mit irgendwelchen Maßnahmen abdrängt, ist es eigentlich schon bewilligungspflichtig. Die andere Alternative, also die Tiere einfangen und irgendwo anders aussetzen, ist extrem riskant. Die Ziesel sind unter der Fauna- Flora-Habitat-Richtlinie der EU geschützt und da darf nur in Ausnahmefällen, d.h. zur Landesverteidigung oder wenn eine Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung besteht, bebaut werden. Um solche Aktionen zu bewilligen, muss auch die Art insgesamt in einem guten Erhaltungszustand sein. Was auch immer für Maßnahmen im Zuge von dem Verfahren geplant werden, die letzte Entscheidung liegt bei der MA 22. Es ist natürlich seitens der Politik ein gewisser Druck auf der MA 22. Es sind hier viele Millionen Euro in die Grundstücke geflossen und auch wenn die Behörde vorher einen Fehler gemacht hat, irgendwer muss dann dafür bezahlen.

Andreas Gruber

GLOBAL 2000: Wie kann das Bauprojekt verhindert werden? Gibt es auch Möglichkeiten, außerhalb des naturschutzrechtlichen Verfahrens, das Bauprojekt zu verhindern?

Mroz: Mit einer Unterschrift kann man zeigen, dass nicht nur Leute, die unmittelbar in der Umgebung wohnen dagegen sind, sondern, dass der Naturschutz und der Artenschutz jeden etwas angeht. Wir veranstalten am 2. Juni eine Mahnwache mit ein paar Rednern und anschließender Führung durch die Ziesel-Kolonie. Man muss einfach zeigen, dass einem das Thema wichtig ist. Wenn die Politiker das immer wieder von verschiedenen Seiten hören, dann wirkt das wahrscheinlich eher.

 

Links:

 

Das Interview führte Inga Stocker.

letztes Update: 16.05.2012 10:22
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