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„Ich finde, man kann sich gar nichts anderes mehr bauen“

Ende 2009 eröffnete in Wien das erste Null-Energie-Bilanz Hotel und damit auch weltweit das erste Stadthotel, das die Energie die es verbraucht selbst gewinnt. Das Boutique Hotel Stadthalle liegt in der Nähe des Wiener Westbahnhofs. GLOBAL 2000 sprach mit der stolzen Eigentümerin Michaela Reitterer über die Errichtung des Hotels und über die Schwierigkeiten die sie bei der Umsetzung erfahren hat.

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GLOBAL 2000: Frau Reitterer, wie kamen Sie dazu ein Null-Energie-Bilanz Hotel zu errichten?

Reitterer: Ich habe 2001 das alte Zinshaus, das jetzt das Stammhaus ist, meinen Eltern abgekauft, weil ich, seit ich sechs Jahre alt war, immer ein eigenes Hotel haben wollte. Dieses wurde dann umgebaut und 2007 habe ich mich entschieden, dass der Zubau ein Passivhaus werden soll. Ich hab das aus tiefster Überzeugung gemacht. Denn ich finde, man kann sich gar nichts anderes mehr bauen. Und ich sag auch immer, wenn es Wind, Luft, Wasser und Sonne gibt, warum soll ich mir Erdöl kaufen? Wobei viele der Ansicht waren, dass sich meine Philosophie in der Stadt nicht umsetzen lässt. Aber ich habe das immer wieder hinterfragt und ich hatte auch ein Planungs-Team, die sich diese Fragen immer wieder von mir gefallen lassen haben und auf diese Art und Weise konnten wir schließlich ein Null-Energie-Bilanz Hotel errichten.

GLOBAL 2000: Sind Sie bei der Umsetzung auf Hindernisse gestoßen?

Reitterer: Oh ja (lacht). Hotelbauten werden in Wien sehr streng verhandelt. Weil es jedoch bisher kein Passivhaus als Hotel gab und dazu auch in keinem Gesetz etwas stand, wusste man nicht was man alles übersehen könnte. Teilweise verhandelten wir ein Anliegen fünf mal mit den Behörden und es sind immer wieder neue Fragen aufgetaucht. Dadurch haben sich unsere Pläne meist verzögert. Im Gesetz steht zum Beispiel, dass ein Liftschacht ins Freie entlüftet werden muss, in einem Passivhaus kann ein Liftschacht aber nicht ins Freie entlüftet werden, weil dies eine Kältebrücke mitten im Haus wäre.

GLOBAL 2000: Sie hatten eigentlich auch geplant Stadtwindräder auf dem Dach des Hotels zu errichten. Was ist aus diesem Plan geworden?

Reitterer: Unser Plan war, drei Meter hohe Stadtwindräder zu errichten, aber die wurden uns bisher noch nicht genehmigt, weil es Probleme mit den AnrainerInnen gab die befürchtet haben, dass die Windräder zu laut sind, oder sie wollten nicht auf die drehenden Räder schauen. Jetzt wird aber grade an einem neuen Prototyp von Stadtwindrädern gebaut, die bei weitem nicht so groß sind und die wir wahrscheinlich so anbringen könnten, dass sie von den Anrainer gar nicht gesehen werden. Außerdem sind sie leiser als die leiseste Geschirrspülmaschine von Miele.

GLOBAL 2000: Wie genau funktioniert das Passivhaus?

Reitterer: Wir haben eine Wasserwärmepumpe mit welcher wir Grundwasser aus unserem eigenen Brunnen ziehen und welches wir zum Beispiel für die Klospülungen verwenden.Eine Regenwassernutzungsanlage, eine 84 m² Photovoltaikanlage, eine 160 m² thermische Solaranlage, die   auf dem Stammhaus installiert ist. Strom liefern hoffentlich bald die drei Windräder auf dem Dach. Außerdem benutzen wir nur LED-Lampen und haben ein ausgeklügeltes Beleuchtungssystem. Wenn in allen von den 38 Zimmern alle Lampen leuchten brauchen wir insgesamt nur 1444 Watt. Das ist normalerweise der Verbrauch von drei Zimmern.

GLOBAL 2000

GLOBAL 2000: Wie sind die Reaktionen auf das Null-Energie-Bilanz Hotel?

Reitterer:  Es gibt viele Gäste die so etwas gesucht haben, aber es gibt auch Gäste die das gar nicht wissen, wenn sie zu uns kommen. Aber ich denke, dass unser Umweltengagement Sympathiepluspunkte bekommt, wenn ein Gast Hotels in Wien vergleicht.

Der Wien Tourismus findet unser Projekt ebenfalls sehr positiv, weil das Angebot der Stadt damit vielfältiger geworden ist. Vom Umweltstadtamt haben wir den Umweltpreis der Stadt Wien bekommen, weil wir hier eine Vorreiterrolle einnehmen. Außerdem kommen die verschiedensten Planungsinstitutionen der Stadt Wien um sich das Hotel und seine Funktionsweise anzusehen. Interesse besteht über Österreich hinaus. Es gibt Berichterstattungen im Ausland und ich habe viele Einladungen bekommen, um über das Hotel zu sprechen.

GLOBAL 2000: Gibt es bei Ihnen so etwas wie einen typischen Arbeitsalltag? Und wenn ja wie läuft der ab?

Reitterer: Das wollen Sie gar nicht wissen (lacht). Also mein heutiger Arbeitstag hat um 04:00 Uhr in der Früh begonnen, da bin ich in den Großhandel gefahren um Blumenerde zu kaufen. Nein, einen typischen Arbeitsalltag gibt es nicht, wir haben viele Leute die uns besuchen kommen, die von mir etwas wissen wollen, für ihre Arbeiten, Medienberichterstattung usw., wir machen auch Führungen und es werden uns Kooperationen angeboten. Wir arbeiten auch mit Firmen zusammen die uns aufgrund ihres Engagements sympathisch sind.

Aber meine erste Priorität ist nach wie vor der Gast und die Mitarbeiter, also ich bin schon noch Hotelier, neben dem was ich sonst noch alles mache - wie die Beschäftigung mit der Weiterentwicklung von Windrädern, was man eben so als Hotelier tut, wenn einem fad ist (lacht). Außerdem bin ich Vorsitzende der österreichischen Hoteliervereinigung für Wien. Also da gibt es viele Dinge, die im Laufe der Zeit dazu gekommen sind, aber die sind sehr spannend, und ich mach es auch, um jeden Tag ein bisschen dazu zu lernen.

Link:

www.hotelstadthalle.at

 

(Von Anna Raulf)

letztes Update: 11.06.2010 13:29
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