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Uhrig: Windenergie bringt Energiewende
Reinhard Uhrig, Anti-Atom und Energie-Campaigner von GLOBAL 2000, spricht im Interview über Standardvorwürfe gegen Windkraft, Unterschiede bei Onshore- und Offshoreanlagen, Vogelschlag und Versorgungssicherheit.
GLOBAL 2000: Herr Dr. Uhrig, wie funktioniert die Technik mit der Windenergie gewonnen wird?
Uhrig: Durch die Kraft des Windes wird ein Rotor gedreht, der mit einem Generator verbunden ist. Im Prinzip wird ähnlich wie bei einem Fahrraddynamo Strom erzeugt.
GLOBAL 2000: In welchen Bereichen gibt es Schwierigkeiten bei der Realisierung eines Windkraft-Projekts? Bei der Umsetzung und während des Betriebes, beispielsweise der Wartung?
Uhrig: Die Vorwürfe gegen Windkraftanlagen, die man immer wieder hört, sind die empfundene Verschandelung der Landschaft, Schattenwurf und Lärm. Bei Einhaltung der vorgeschriebenen Abstände zu besiedeltem Raum können alle drei Probleme vermieden werden. Die Mindestabstände betragen jeweils einen Kilometer bis zum nächsten bewohnten Haus. Meiner persönlichen Meinung nach 'verschandeln' weiße Windräder die Landschaft viel weniger als zum Beispiel Hochspannungsleitungen oder Straßen, die einen viel stärkeren Eingriff in die Natur darstellen.
GLOBAL 2000: Wären mehrere kleinere Windräder hinsichtlich der geringeren, weitläufigen Sichtbarkeit vorteilhafter gegenüber einigen größeren?
Uhrig: Nein, da die Windgeschwindigkeiten mit der Höhe stärker und konstanter werden. Je größer ein Windrad, desto größer ist in der Regel auch der Rotordurchmesser. Ein großes Windrad kann den Strom erzeugen, der mit drei kleinen erzeugt wird. Mehrere Windräder bedeuten auch einen intensiveren Eingriff in die Natur und es ist wirtschaftlicher, einige große zu haben und somit weniger einzelne Windräder warten zu müssen.
GLOBAL 2000: Wo und inwieweit wird diese Energieform in Österreich genutzt?
Uhrig: In Österreich gibt es derzeit 618 Windkraftanlagen mit insgesamt 995 MW Leistung. Im europäischen Vergleich ist das eher wenig. Das wird sich jetzt endlich aufgrund von sinnvollen Einspeisetarifen ändern. Mehrere Projekte werden derzeit auf Umweltverträglichkeit geprüft. Geografisch stehen die Anlagen eher im Flachland des Ostens. Das hat technische Gründe. Auch die Windgeschwindigkeiten sind gut, und Abstandsflächen können eingehalten werden. Insbesondere die so genannte Parndorfer Platte in der Nähe des Neusiedler Sees ist mit den guten Küstenstandorten Norddeutschlands vergleichbar. Eine sehr attraktive Lage, wo sowohl Verbund als auch Bewag Windkraftanlagen betreiben.
GLOBAL 2000: Was bringt Windenergie im Vergleich zu anderen Energieformen?
Uhrig: Auf den Punkt gebracht: die Energiewende. Weltweit erzeugen Windkraftwerke — bereits heute — 158 Gigawatt Strom. Das ist so viel wie 120 große AKW erzeugen. Wenn man weiß, dass auf der Welt momentan 430 AKW — die Atommüll produzieren — stehen, kann man sich vorstellen, in welcher Größenordnung die Windkraft angekommen ist. Allein letztes Jahr wurden Windkraftwerke, die 37 Gigawatt Strom liefern, zugebaut. Das ist so viel, wie knapp 30 große AKW liefern. Gleichzeitig ist hingegen nur ein einziges AKW ans Netz gegangen. Die Energierevolution in diese Richtung findet statt und wird im Grunde viel zu wenig bemerkt. Europaweit wird mehr Windkraft zugebaut als sogar Gaskraftwerke. Windkraft ist der kostengünstigste und sicher verfügbare Ausweg aus unserer Abhängigkeit von fossilen Energieträgern. Sie funktioniert, ist bewährt und wird immer besser.
GLOBAL 2000: Wo gibt es Unterschiede bei Onshore- und Offshoreanlagen?
Uhrig: Onshore, also Windparks an Land, sind einfacher zu realisieren und billiger. Es muss ein standfestes Fundament betoniert werden und schon kann ein Windrad aufgestellt werden. Der Ertrag ist aber geringer, weil die Windgeschwindigkeiten im Schnitt niedriger sind. Bei Offshore, also im Meer vor der Küste, gibt es ein riesiges Potential, da die Windgeschwindigkeiten höher sind, es gibt keine Probleme mit Abstandsflächen zu Siedlungsraum und es werden derzeit auch richtig große, 10 MW-Anlagen realisiert. Die Onshore-Anlagen liefern zur Zeit 2 bis 3 MW. Die Errichtung im Meer ist oft teurer, weil die Fundamente meist aufwändiger zu bauen sind. Aber die Wartung und Instandhaltung ist einfacher, wenn man nur ein Rad offshore anstelle von dreien onshore hat. Bis 2015 sind allein für Europa, großteils in der Nordsee, 37 Gigawatt Offshore-Anlagen geplant. Dabei schaut man darauf, dass man aus dem Sichtbereich der Küste hinausgeht, sowie aus sensiblen Vogelschutzgebieten und Wattgebieten.
GLOBAL 2000: Vögel am Tag und Fledermäuse in der Nacht: Welche Maßnahmen können gesetzt werden, um sie vor den Rotorblättern zu schützen? Uhrig: Grundsätzlich stellt jede Form der Energieerzeugung einen Eingriff in die Natur dar. Von uns aus ist das Primärziel Energieeffizienz. Zum Beispiel werden die Motoren von Autos immer effizienter, insgesamt wird aber mehr Auto gefahren und somit mehr Energie verbraucht. Das heißt: nicht nur Energieeffizienz ist wichtig, sondern Energie muss eingespart werden. Das muss auch für den Strombereich der Schlüssel sein. Strom kann einerseits durch effizientere Geräte, andererseits durch veränderte Gewohnheiten eingespart werden. Dennoch: der Ausbau der Erneuerbaren Energien und die Erzeugung von Strom aus Windkraft ist bei sensiblerer Standortwahl ein geringer Eingriff ins Landschaftsbild und in die Tierwelt als der Straßenbau. Neue Anlagen sind wesentlich leiser als die erste Generation der Windkraftanlagen. Die genannten Anforderungen an Abstandsflächen und die Anbringung von Blinklichtern zum Schutz von Flugzeugen ab hundert Metern Masthöhe — gerade von großen, neuen Anlagen — sind durchaus ein Thema, aber lösbar. Wir setzen uns für eine sorgfältige Umweltverträglichkeitsprüfung von neuen Windkraftprojekten ein. Die genannten Probleme des Vogel- und Fledermausschlag sind meiner Information nach nicht so gravierend, wie vereinzelt dargestellt wird. Die Rotoren drehen sich wesentlich langsamer als zum Beispiel eine Flugzeugturbine. Es kommt natürlich zu Unfällen, aber nicht in großer Zahl.
GLOBAL 2000: Wie sieht es punkto Versorgungssicherheit aus? Der Wind bläst ja nicht immer.
Uhrig: Ein oft gehörtes Argument. Der Backbone für den Ausbau der Windkraft sind stabile und leistungsfähige Übertragungsnetze. Zum Beispiel belegt ein großes Forschungsprojekt des Frauenhofer Instituts in Deutschland, in dem die Situation in Portugal und Spanien untersucht wurde, dass die Ängste, elektrische Geräte würden plötzlich nicht mehr funktionieren oder das Licht würde ausgehen, unbegründet sind: In den genannten Ländern gibt es sehr große Windparks, die über leistungsfähige Stromnetze verbunden wurden. Gerade bei einer Vernetzung über große geografische Distanzen sieht man, dass irgendwo immer Wind weht. Das heißt, dass sich Schwankungen ausgleichen. Je besser die Windparks vernetzt sind, je besser Erneuerbare Energien allgemein vernetzt sind, desto stabiler ist das System.
(Von Clea Regner)


















