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RUSZ: Vom ökologischen und sozialen Preis der Elektroware

Jedes Jahr werden allein in Österreich über 500.000 Waschmaschinen weggeworfen. Durchschnittlich finden sich in jedem Haushalt fünf bis sechs nicht mehr genutzte Handys. Allein in Wien werden jährlich 8.000 Tonnen Elektro-Altgeräte abgegeben. Die darin enthaltenen 3.100 Tonnen Eisen würden für die Produktion von 310.000 Fahrrädern reichen.

Was passiert aber eigentlich wirklich mit diesen Geräten? Wo fristet eigentlich die unpraktische, elektrische Orangepresse vom letzten Geburtstag ihre letzten Tage? Was passiert mit diesen Flat-TVs, noch vor kurzem um viel Geld gekauft und nun auf einmal wertlos? Wo verläuft die Grenze zwischen Produkt und Abfall? Antwort auf diese Fragen gab uns Sepp Eisenriegler, Gründer und Geschäftsführer des RUSZ (Reparatur- und Servicezentrum) und Präsident der europäischen RREUSE-Plattform. 

GLOBAL 2000: Was kann können wir uns unter RUSZ vorstellen?

Eisenriegler: Wir setzen alle möglichen Haushaltsgeräte, aber auch Unterhaltungselektronik wieder instand, bringen sie auf ein möglichst hohes Energieeffizienzlevel und verkaufen sie zu einem Bruchteil des Preises von neuen Geräten. Für gewöhnlich funktionieren diese dann nochmals zehn Jahre. Dabei gibt es nicht nur ökonomische Vorteile, sondern es bleibt die Wertschöpfung in Österreich, was wiederum aufgrund der Logistik auch ökologischen Nutzen hat. Zusätzlich wird ein Beitrag zu einer achtsamen Ressourcen- und Energieschonung geleistet. Der soziale Aspekt ist aber auch nicht zu unterschätzen. Ein Mitarbeiter, der sehr lange arbeitslos war, hat zu mir einmal gemeint „Weißt, eigentlich reparier ich ja nicht nur die Waschmaschine, sondern mich gleich dazu.“

GLOBAL 2000: Bemerkt man in den letzten paar Jahren einen bewussteren Umgang mit Produkten, z.B. durch die Wirtschaftskrise oder durch den aktuellen Klimadiskurs?

Eisenriegler: Durch die Wirtschaftskrise sind Kunden zu uns gekommen, die sich anstelle des neuen Flat-TVs einen alten Röhrenfernseher gekauft haben oder ihren gebrauchten nochmals reparieren haben lassen. Aber vor allem stellen wir fest, dass auch finanziell abgesicherte Leute bemerkt haben, dass sie durch ihren nachhaltigen Konsum den Ressourcenstrom steuern können. Auch hatten wir einmal ein rund 50 Jahre altes, kaputtes Tonbandgerät von einem Kunden, der die ersten Tonbandaufnahmen seiner Tochter, heute eine gefeierte Opernsängerin, hören wollte. Aufgrund der fehlenden Ersatzteile hat schließlich ein äußerst geschickter Mitarbeiter den fehlenden Antriebsriemen quasi handgeschnitzt. Manchmal sind es also auch nicht zu unterschätzende ideelle Gründe. Aber es kommen auch immer wieder LaptopbesitzerInnen, denen die Reparatur in den großen Elektrogeschäften zu teuer und zu langwierig ist. Nach der Bestellung der Ersatzteile kann man bei uns den Laptop für gewöhnlich nach vier bis fünf Tagen ohne jeglichen Datenverlust abholen, wobei die Kosten (für eine große Reparatur) zwischen 80 und 90 Euro betragen.

GLOBAL 2000: Wie versucht RUSZ seine Prinzipien in der Öffentlichkeit zu präsentieren und auch durchzusetzen?

Eisenriegler: Auf europäischer Ebene sind wir auf der RREUSE (Reuse and Recycling European Union Social Enterprises)–Plattform, das bisher einzige Netzwerk sozialwirtschaftlicher Akteure, das im Bereich Wiederverwendung und Recycling tätig ist, gut vernetzt. Eines der Best-Practice-Beispiele ist der Dachverband der Sozialwirtschaft „Koepel van Vlaamse Kringloopcentra“ kurz „KVK“ im flämischen Teil Belgiens. Meine Vision diesbezüglich ist, dass sich junge Leute, die nach Wien kommen, sich mit gebrauchten Produkten für fünf bis sechs Jahre ausstatten, diese im Reusezentrum zurückgeben und mit der erhaltenen Gutschrift in Brüssel oder anderen Städten in einem dortigen Reuseshop wieder einlösen können.

GLOBAL 2000: Wie könnte man einen Meinungsumschwung in Bezug auf Recycling noch mehr forcieren?

Eisenriegler: Die Frage ist vor allem: Wie wird darüber berichtet? Seitens der EU Kommission gibt es bereits zahlreiche Initiativen in diese Richtung und auch in Qualitätsmedien ist darüber zu lesen. Aber wir brauchen Massenmedien. Es ist noch ein langer Weg zu einer signifikaten Zurückschraubung der Neuproduktion. Bis sich tatsächlich z.B. 50 Prozent aller Neukäufe von Waschmaschinen durch Wiederverwendung von reparierten Geräten ersetzen lassen, wird das wohl noch dauern.

GLOBAL 2000: Wie ist es eigentlich zur Idee des Handyrecyclings gekommen?

Eisenriegler: Die Idee kam ursprünglich von der Ö3 -Wundertüte und der Caritas mit denen wir bis 2008 durchaus erfolgreich kooperiert haben. Der Nutzen war, dass nicht nur Geräte aus Ressourcengründen gespendet werden, sondern dass diese auch bessere Kommunikationsmöglichkeiten in den Ländern des Südens ermöglichen. Weiters ging für jedes gespendete Handy 1,50 Euro an die Caritas respektive Licht ins Dunkel. Dadurch konnten pro Aktion rund 400.000 Handys gesammelt werden- laut einer Studie des Abfallinstitutes der Boku der größte Erfolg in diesem Bereich weltweit.

GLOBAL 2000: Was kann man sich unter Handyrecycling vorstellen?

Eisenriegler: Bei einer Funktionsüberprüfung wird unter Anderem festgehalten ob die Leistung der Akkus über oder unter 60 Prozent liegt, bei unter 60 Prozent gilt ein Akku als „gefährlicher Abfall“, darüber als „Produkt“. Bis zu 17.000 Handys, geordnet nach Typus und Marke werden dann zu einem halbwegs vernünftigen Preis versteigert und gehen für gewöhnlich nach Asien, insbesondere China wo außer dem elektronischen Innenleben fast alles getauscht wird. Das kann nicht in Österreich gemacht werden, weil es absolut nicht kostendeckend ist und es an technischer Expertise sowie an Gerätschaften mangelt. Aufgrund der langfristigen Handyverträge, gibt es aber auch keinen Markt für gebrauchte Handys.

GLOBAL 2000: Es gibt bereits Handys, die unter Berücksichtigung knapper Ressourcen hergestellt wurden. Was sagen Sie zu diesen „umweltfreundlicheren“ Varianten?

Eisenriegler: Das grüne Mascherl für Hersteller ist in dem Fall, dass nachhaltige Verantwortung darin besteht zwei bis drei grüne Produkte in einer Palette von mehreren 100 anzubieten. Ein Hersteller, der eine Vorreiterrolle spielen will, muss ein sehr robustes, leicht zu reparierendes Handy entwickeln und gleichzeitig die ganze Infrastruktur zur Verfügung stellen. Aber soweit sind wir noch lange nicht.

GLOBAL 2000: Bei Batterien gibt es seit 1990 bzw. seit 2006 eine erweiterte Rücknahmepflicht für Batterien. Wäre das auch im Mobilfunkbereich sinnstiftend?

Eisenriegler: Natürlich. Aber ein Gesetz ist nur eine gute Grundlage für jene, die es es mit ökologischem und sozialem Engagement ernst meinen. Es sind nach wie vor NGOs, die notwendigen Druck zu einer Gesetzesänderung bzw. -durchsetzung erzeugen. Die moderne Politik braucht diese Organisationen auch und die Zivilgesellschaft kann sich nur über diese artikulieren.

GLOBAL 2000: Was ist nun besser ein altes, stromintensives Handy nochmalig reparieren lassen oder sich bewusst für den Neukauf eines „grünen Handys“ zu entscheiden, oder doch wieder auf ein gebrauchtes zurückgreifen?

Eisenriegler: Also, bei diesen drei Auswahlmöglichkeiten wäre der nachhaltigste Kauf der eines gebrauchten Handys. Reparieren lassen wäre gut, aber diese Struktur dafür gibt es nicht. Sinnvoll ist es vor allem ein Handy so lange wie möglich zu nutzen. Amortisieren kann es sich ohnehin nicht, weil die Preise ja nicht die ökologische, und erst recht nicht die soziale Wahrheit sprechen.

(Von Julia Grosinger)

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letztes Update: 03.08.2011 09:25
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