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Ein Sommer voller Gemüse
Seit über 20 Jahren gibt es in Österreich Selbsterntegärten. Eigenes geschmackvolles Bio-Gemüse zu ernten ist nur einer der vielen Vorteile einer Saisonparzelle.
Text von Christine Wurm ‒ freie Texterin und GLOBAL 2000 Freundin
Von Mai bis Ende Oktober bin ich Selbsternte-Gärtnerin am Roten Berg in Wien-Hietzing. Im Frühjahr übernehme ich meine zwei mal zwanzig Meter große Singleparzelle, auf der von der „Selbsternte“ bereits die verschiedensten Gemüse gesät wurden. Zum Beispiel Pflücksalat, Radieschen, Erbsen, Spinat, Fisolen, Karotten, Gelbe und Rote Rüben, Pastinaken, Mangold, Sojabohnen, Dille und Petersilie. Außerdem erhalte ich Jungpflanzen zum Selbstsetzen, Kohlrabi, Porree, Zeller, Paradeiser und Paprika, Samen für Zucchini, Kürbisse und Gurken sowie Setzzwiebeln und Saatkartoffeln. Gartengeräte wie Hacken, Rechen und Spaten sowie Wasser zum Gießen stehen allen GärtnerInnen am Feld zur Verfügung.
Die meisten meiner ParzellennachbarInnen sind wie ich Stammgäste, nette Leute jeden Alters die aus ganz Österreich, aber auch aus Serbien, aus Japan, aus dem Iran oder aus Deutschland kommen. Das zwanglose Miteinander und der Erfahrungsaustausch, der Spaß für die Kinder und der kulinarische Genuss für alle machen das Konzept der Selbsternte zu einem großen Publikumserfolg.
Dieses Konzept kommt aus Österreich und wurde in den 1980er-Jahren von Landwirt Rudolf Hascha und Selbsterntepionierin Regine Bruno entwickelt. Am Anfang stand die Idee, speziell StädterInnen die landwirtschaftliche Arbeit nahe zu bringen, die Beziehung zwischen KonsumentInnen und ProduzentInnen aufzuzeigen, Verständnis für die natürlichen Kreisläufe zu schaffen und die geschmackliche Vielfalt von biologisch angebautem Gemüse und Kräutern zu vermitteln. Entwickelt hat sich daraus wesentlich mehr.
Die „Selbsternte“ mit ihren landwirtschaftlichen Partnerbetrieben und Standorten in Wien, Niederösterreich und der Steiermark, ist Vorbild für Projekte im In- und Ausland geworden und öfters Gegenstand von wissenschaftlichen Arbeiten. Die Ökoparzellen der Stadt Wien, aber auch Selbsternteprojekte bei Kassel („Gemüse-Selbsternte“) und in München („Münchner Krautgärten“), sowie deren Folgeprojekte in Deutschland bauten auf die an den verschiedenen „Selbsternte“-Standorten gewonnenen Erfahrungen Regine Brunos auf. Auch in Österreich wächst die Selbsternte: Mit Deutsch-Wagram in Niederösterreich und Großgmain in Salzburg kommen 2010 an zwei neuen Standorten zwei junge motivierte Familienbetriebe hinzu. Informationen zu den verschiedenen Selbsternte-Standorten finden Sie auf selbsternte.at
„Aus eigenem Anbau“, klingt doch gut
GLOBAL NEWS sprach mit der Selbsternte-Pionierin Regine Bruno.
GLOBAL NEWS: Wie sehen Sie nach über 20 Jahren die Zukunft der Selbsternte?
Regine Bruno: Die Selbsternte ist einerseits durch Angebotsdifferenzierung ausbaufähig. Etwa in Form von speziellen „Raritäten“-Parzellen mit weniger bekannten oder seltenen Gemüse- und Kräuterarten. Ich kann mir auch vorstellen, dass Parzellen mit Pflege angeboten werden. Und dann sehe ich natürlich mögliche neue Parzellenanlagen in den westlichen und südlichen Bundesländern.
Was hat sich seit den „Pionierjahren“ geändert?
Anfangs stand der unkomplizierte Zugang zu biologischen Produkten im Vordergrund. Es gab etwa in Wien noch wenige Bezugsquellen für Biogemüse. Und wenn man gerade Lust auf frischen Biosalat hatte, war vielleicht der Laden zu. Heute spielen neue Motive für eine Teilnahme in einem Selbsternte-Garten eine Rolle. Da wäre der Ausgleich zum oft komplizierten oder hochtechnisierten Alltag, die Möglichkeit einen Produktlebensweg vom Anfang an bis zur Reife zu erleben, das bewusste Erlebnis der Naturrhythmen, die Geschmacksvielfalt, das Gesundheitsbewusstsein, eine größere Sensibilität gegenüber saisonaler und regionaler Verfügbarkeit. Die Experimentierfreude beim Kochen ist gestiegen und „aus eigenem Anbau“ klingt doch auch gut.
Was kann ich tun, wenn es in meiner Nähe keine Selbsternte gibt?
Am besten möglichst viele Gleichgesinnte um sich scharen und sich an die „Selbsternte“ wenden, zehn Parzellen sollte eine Anlage zu Beginn schon haben. Interessierte Bio-LandwirtInnen in ganz Österreich mit geeigneten Flächen in Nähe einer Ortschaft können sich gerne bei mir melden: 0664 26 25 316 oder office@selbsternte.at .
















