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Reinhard Geßl: Mit "Biofleisch" mehr Genuss
GLOBAL 2000 hat mit DI Reinhard Geßl über die aktuellen Bestimmungen der Nutztierhaltung in der biologischen Landwirtschaft gesprochen. Reinhard Geßl ist Nutztier-Experte und beim Forschungsinstitut für Biologischen Landbau (FiBL Österreich) für den Bereich KonsumentInnen-Information zuständig.
GLOBAL 2000: Was meint denn biologische Landwirtschaft in Bezug auf Tierhaltung?
Geßl: Biologische Landwirtschaft ist aus Sorge um die abnehmende Bodenfruchtbarkeit gegründet worden. Erst später hat man sich überlegt, dass auch die Tiere in der Landwirtschaft ethisch korrekte Bedingungen vorfinden sollen. Und so haben sich die ersten Tierhaltungsrichtlinien herauskristallisiert.
Biologische Landwirtschaft ist im Grunde wie eine Kette: Aus dem gesunden Boden wachsen gesunde Pflanzen, die die Tiere ernähren und die liefern wiederum tierische Produkte, die den Menschen gesund ernähren.
GLOBAL 2000: Die Hauptnahrungsquelle der Tiere in der biologischen Landwirtschaft sind somit biologisch angebaute Pflanzen?
Geßl: Die Grundbedingung in der biologischen Landwirtschaft ist, dass alles das, was in Bioqualität verfügbar ist, auch in Bioqualität angeboten werden muss.
In der konventionellen Landwirtschaft werden die Futterrationen auf ihren Nährstoffgehalt überprüft. Alles, was für eine optimale Ernährung fehlt, wird synthetisch zugesetzt, wie etwa synthetische Aminosäuren. In der biologischen Landwirtschaft muss die Futterration so zusammengestellt sein, dass alles über natürliche Stoffe im Futter vorhanden ist.
GLOBAL 2000: Wie sehen die Haltungsbedingungen der Tiere in der biologischen Landwirtschaf aus?
Geßl: Im Grunde ist das Ziel der Biolandwirtschaft, tiergerechte Haltung sicherzustellen. Der Stallplatz muss ein möglichst artgerechtes Verhalten gewährleisten. Die Absolutzahlen im Stall sind oft gar nicht so auffallend größer als in der konventionellen Landwirtschaft, aber das Entscheidende ist, dass die Biolandwirtschaft immer einen Auslauf im Freien anbietet.
GLOBAL 2000: Also eine "Bio-Kuh" darf mehr auf der Weide sein als eine konventionell gehaltene?
Geßl: Die EU definiert, dass die Tiere immer dann Auslauf haben müssen, wenn es der Zustand des Bodens, das Klima und die Gesundheit der Tiere erlauben. Die Untergrenze bei Rindern liegt in der Biolandwirtschaft bei 180 Tagen übers Jahr verteilt, an denen die Tiere draußen sein müssen.
Bei den Schweinen ist der Auslauf sowieso verpflichtend. Auch Hühner müssen immer dann hinaus, wenn es irgendwie geht.
GLOBAL 2000: In der konventionellen Landwirtschaft dürfen Mittel zugefüttert werden, die die Tiere im Wachstum unterstützen. Auch Medikamente dürfen schon vorab gegeben werden. Sind die Bestimmungen in der biologischen Landwirtschaft strenger?
Geßl: Medikamente dürfen in der Biolandwirtschaft nicht vorbeugend verfüttert werden.
Aber wenn die Tiere krank sind, müssen sie natürlich behandelt werden. Wenn allerdings mehr als zwei Medikamentengaben pro Jahr oder Lebenszyklus des Tieres notwendig sind, dürfen diese Tiere nicht mehr als Biotiere vermarktet werden.
GLOBAL 2000: Bedeutet das, dass in der Biolandwirtschaft Antibiotika erlaubt sind?
Geßl: Antibiotika sind erlaubt. Es gibt bestimmte Krankheiten, die man einfach mit Antibiotika besser behandeln kann. Der große Unterschied ist, dass sie nur verabreicht werden, wenn eine entsprechende Diagnose das notwendig macht. In der Zeit, in der die Tiere behandelt werden, sind die Produkte nicht vermarktbar. Die gesetzlich vorgeschriebene Wartezeit nach der Medikamentengabe wird in der biologischen Landwirtschaft verdoppelt.
GLOBAL 2000: Sind auch Mastzusätze in der biologischen Landwirtschaft erlaubt?
Geßl: Hormonell wirkende oder antibiotische Wachstumsförderer sind natürlich verboten.
GLOBAL 2000: Im Zusammenhang mit der Rinderhaltung wird die so genannte Anbindehaltung viel diskutiert. Im Jahr 2000 wurde dazu eine EU-Öko-Verordnung verabschiedet, die aber keine klaren Richtlinien für die Haltung von Biorindern vorgibt. Heißt das, Anbindehaltung ist auch hier erlaubt?
Geßl: Die Anbindehaltung für Rinder ist vor allem in Österreich ein großes Problem. Aufgrund der Kleinstrukturiertheit der Betriebe und der geologischen Situation gibt es traditionell relativ viele Anbindeställe. Die EU sieht grundsätzlich Laufstallhaltung vor. Ausnahmen gibt es nur für Kleinbetriebe. Für die ist weiterhin Anbindehaltung erlaubt. Die Definition der Kleinbetriebe liegt aber im Ermessen der einzelnen Staaten. In Österreich sind es circa 30 Rinder-Großvieheinheiten. Diese Betriebe müssen aber einen höheren Tiergerechtheitsstandard nach dem Tiergerechtheitsindex, einem speziellen Bewertungssystem, sicherstellen.
GLOBAL2000: Das heißt, Sie müssen dann auf andere Weise dafür sorgen, dass es den Tieren besonders gut geht?
Geßl: Ja. Wenn man die Tiere anbindet, muss man auch dafür sorgen, dass sie als Ausgleich möglichst viel Auslauf bekommen.
GLOBAL 2000: Warum wird die Anbindehaltung eigentlich so stark kritisiert?
Geßl: Anbindehaltung ist eine nicht tiergerechte Haltungsform, weil die Tiere auf einem Platz festgebunden sind und nicht genügend Freiraum haben, ihre artgemäßen Verhaltensweisen auszuleben. Wenn die Tiere eine bestimmte Zeit des Tages angebunden sind, müssen sie eine entsprechende Zeit des Tages hinaus. Dann können sie alles das, was sie im Anbindestall nicht ausleben können, im Freien nachholen.
GLOBAL 2000: Wie ist denn das in der ökologischen Landwirtschaft mit der Schlachtung?
Geßl: Für die Schlachtung in der biologischen Landwirtschaft gibt es keine speziellen Vorgaben. Im Endeffekt geht es aber darum, das schöne Leben der "Biotiere" so zu beenden, dass es ethisch korrekt ist. Das heißt, wenn der Schlachttermin näher kommt, werden die Tiere, die geschlachtet werden, von den anderen separiert. Sie kommen in eine Wartebucht für den Transport.
Am besten ist der Bauer/die Bäuerin dabei, wenn die Tiere auf den Transporter geladen werden. Im Optimalfall gibt es dann am Schlachtbetrieb jemanden, der die Tiere empfängt. Dort sollen sie Bedingungen vorfinden, wo sie in ihrer Anpassungsfähigkeit nicht überfordert werden.Es wird dafür gesorgt, dass die Tiere genügend Wasser haben, dass keine Überbelegung stattfindet und dass die Tiere letztlich einigermaßen ruhig in die Tötebox eingetrieben werden.
GLOBAL 2000: Gibt es Grenzwerte für Transportwege in der biologischen Landwirtschaft?
Geßl: Nein, da gibt es keine speziellen Vorschriften. Entscheidender ist, wie die Tiere transportiert werden. Sie sollen nicht ohne Wasser transportiert werden. Man soll sie nicht in extrem heißen oder überfüllten Wagen transportieren …
GLOBAL 2000: Viele KonsumentInnen merken an, dass Biofleisch viel teurer ist als konventionelles. Wie lässt sich die große Preisdifferenz erklären?
Geßl: Das Problem ist nicht, dass Biofleisch so teuer, sondern dass konventionelles so wahnsinnig billig ist. Dadurch entsteht die relativ große Preisdifferenz. Der pro Kopf-Verbrauch in Österreich liegt bei etwa 100 kg pro Jahr, Haustierfutter mit eingerechnet. Es wäre ökologisch und ernährungsphysiologisch durchaus wünschenswert, dass sich der Fleischverbrauch auf 50 kg pro Jahr verringert. Auch wenn das Biofleisch doppelt so teuer ist, käme man so auf die gleiche Geldmenge.
GLOBAL 2000: Wo entstehen denn die Mehrkosten für Biofleisch?
Geßl: Den Tieren steht mehr Platz zur Verfügung. Das erfordert höhere Bau- und Betriebskosten. Die Tiere sind länger im Stall, weil sie langsamer wachsen. Sie brauchen daher auch mehr Futter. Und Biofutter ist teuerer als konventionelles Futter. In der Biolandwirtschaft zahl man eben einen fairen Produktpreis für die Tiere und die ProduzentInnen.
GLOBAL 2000: Welche Argumente sprechen also besonders für den Kauf von Biofleisch?
Geßl: Mit Biofleisch kauft man sich auf jeden Fall den vollen Genuss. Es bietet eine Beschaffenheit, wie man sie sich von einem guten Produkt erwartet: Das Fleisch verliert beim Kochen weniger Wasser, es hat in der Regel eine bessere Marmorierung (Fetteinlagerungen, Anm.), weil die Tiere sich mehr bewegen konnten.
Man hat der Umwelt was Gutes getan, man hat den Tieren was Gutes getan und man tut sich selber damit was Gutes.
(Von Heidemarie Porstner)
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