GLOBAL NEWS 4/11

©GLOBAL 2000

Artikel der Woche

©Kostnixladen 1050 Wien

Mit Kostnix-Prinzip gegen Konsumwahn

Mitmachen

©GLOBAL 2000

Buch-Vorstellung

©Lukas Wank

Der Mensch als Naturkatastrophe: Permakultur nach Sepp Holzer

facebook

Twitter

Videos

©GLOBAL 2000

Hinweis: Für eine korrekte Darstellung der Seite muss JavaScript aktiviert sein. JavaScript können Sie in den Einstellungen Ihres Browsers aktivieren.
Der Kostnix-Laden
In der Zentagasse ...
Holz und Wolle geben warm
... so dachte sich ...
Handy4Help
Mit Handyrecycling ...
Mit Ökostrom in die Zukunft
Die Katastrophe in ...
Christian Felber zur Gemeinwohlökonomie
Christian Felber ...
biologisch.at - Jeder Beitrag zählt
Bei vielen ...
Heavy Pedals
„Heavy ...
Klimaschutz braucht Frauenpower
Warum Umweltschutz ...
Ökobüro: Grüne Energie & Grüne Jobs
„WIRtschaft ...
Schmeiser: "Unser Land ist kontaminiert"
Während der ...
Gabarage Upcycling Design
Gabarage Upcycling ...
Nitrat: Gefährdung Grundwasserqualität
GLOBAL 2000 hat mit ...
Der Biofisch
GLOBAL 2000 hat mit ...
Umweltprojekt Neubaugasse
In der Neubaugasse ...
Naturkostladen der Gusto macht
Zwei Generationen ...
Soja aus Österreich
Die ehemalige ...
Biokistl
Trotz ...
Biofleisch Teil 2
GLOBAL 2000 hat mit ...
Natur Pur im Interview
Nicole Berkmann ...
Die Ökobox
Georg Matyk kam ...
„JA! Natürlich im Interview
Die ...
Biofleisch
GLOBAL 2000 hat mit ...
Werner Lampert
Werner Lampert im ...
 

"Es geht um nachhaltige Verantwortung auf vielen Ebenen"

Gabarage Upcycling Design ist der sozialökonomische Betrieb des Anton Proksch Instituts Wien, der ehemalige Suchtkranke auf den (Wieder-)Einstieg in den normalen Regelarbeitsmarkt vorbereitet. Im Gespräch mit GLOBAL 2000 sprechen Initiatorin und Gründerin Gabriele Gottwald-Nathaniel und Marketingleiter Daniel Strobel über ihre Arbeit, die Produkte und ihre gesellschaftlichen Anliegen.

Martin Kucera

GLOBAL 2000: Was ist das Konzept von Gabarage Upcycling Design?

Gottwald-Nathaniel: Gabarage wurde 2002 gegründet und wurde eigentlich als Projekt gestartet, hat sich aber sehr schnell zu einem erfolgreichen Betrieb erweitert. Wir bieten Arbeitsplätze für benachteiligte Personengruppen, mit dem Ziel des (Wieder-)Einstiegs in den Regelarbeitsmarkt. Aus den verschiedensten Abfallmaterialien werden im Sinne der Nachhaltigkeit verschiedene Produkte für Privatkunden oder Unternehmen in einem gemeinsamen Designprozess hergestellt. Dabei stehen sowohl das Design wie auch unsere MitarbeiterInnen im Mittelpunkt. Die Materialien, mit denen wir arbeiten, sind an sich nicht nachhaltig produziert, durch unsere Arbeit können wir aber den Produktlebenszyklus verlängern und den Produkten dadurch einen zweiten Nutzen geben. Damit setzen wir ein Zeichen gegen die Wegwerfmentalität, es geht uns sowohl um gesellschaftliche als auch ökologische Verantwortung. Wir übernehmen nachhaltige Verantwortung für uns und für die Zukunft nicht nur punktuell sondern auf vielen Ebenen.

GLOBAL 2000: Wie kamen Sie auf die Idee, Gabarage in dieser Form zu gründen?

Gottwald-Nathaniel: Die Europäische Kommission hat 2002 das Programm Equal1 gestartet, das die Heranführung beziehungsweise Reintegration von besonderen Zielgruppen in den ersten Arbeitsmarkt zum Ziel hatte. Dabei ging es darum, kreative, innovative Programme zu konzipieren, die nachhaltig sein sollten und auch viele andere Aspekte beinhalteten. Dafür wurden von der Drogenkoordination Träger der Suchthilfe eingeladen, um Konzepte zu entwickeln. Daraus entstand die Entwicklungspartnerschaft „drugsaddict at work“, die die Reintegration von ehemaligen Suchtabhängigen in den Regelarbeitsmarkt zum Inhalt hatte. Dabei entstanden drei Projekte im arbeitsmarktpolitischen Bereich, und eines davon war das Konzept von Gabarage des Anton Proksch Instituts. Die Idee ist entstanden, weil wir festgestellt hatten, dass viele Suchtkranke das ganze Suchtprogramm erfolgreich durchlaufen und dennoch große Probleme haben, in den Regelarbeitsmarkt reintegriert zu werden. Gemeinsam mit der Wochenklausur – einer KünstlerInnengruppe, die soziale Intervention auch als Kunstform versteht – haben wir dann das Konzept für Gabarage entwickelt, wobei von vornherein klar war, dass auch die Bereiche Ökologie und Design, die Gabarage abdeckt, fester Bestandteil des Projektes sein sollten. Auf Design haben wir uns sehr rasch festgelegt, weil es in gewisser Weise auch ein Wortspiel war, wir arbeiten mit „dem Müll der Gesellschaft“, was kann man mit Müll machen und wie ihn aufwerten. Es sollte die Kreativität gefördert werden, Empowerment sein, psychologische Aspekte, Selbst- und Mitbestimmung und auch Entstigmatisierung beinhalten.

Sandra Krimshandl

GLOBAL 2000: Gabarage Upcycling Design ist der sozialökonomische Betrieb des Anton Proksch Instituts, der größten Suchtklinik Europas. Was genau versteht man unter einem sozialökonomischen Betrieb?

Gottwald-Nathaniel: Sozialökonomische Betriebe sind Betriebe, die berücksichtigen, dass hier Menschen beschäftigt sind, die gewisse Defizite aufweisen und in bestimmter Weise individuell gefördert werden sollten, was normalerweise über das AMS passiert. Bei uns wurde von Anfang an mit konzipiert, dass wir auch Eigenerlöse erwirtschaften müssen und zwar üblicherweise 20% der Gesamtkosten. Wir sind vor etwa 4 Jahren aus der sogenannten Objektförderung ausgestiegen und erhalten nun Förderungen wie ein normaler Betrieb, der Personen einstellt, die mit Langzeitarbeitslosigkeit oder dem Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt zu kämpfen haben. Im Rahmen der Individualförderung werden Personen über einen bestimmten Zeitraum vom AMS gefördert. Hauptkennzeichen eines sozialökonomischen Betriebes sind also geförderte Arbeitsplätze über einen bestimmten Zeitraum und die Erzielung von Eigenerlösen.

GLOBAL 2000: Die Finanzierung von Gabarage setzt sich somit aus Fördergeldern und Eigenerlösen zusammen?

Gottwald-Nathaniel: Es ist eine Drittelfinanzierung getragen vom Anton Proksch Institut Wien, der Sucht- und Drogenkoordination Wien und aus den zu erwirtschaftenden Eigenerlösen.

GLOBAL 2000: Sie haben mittlerweile zwei Standorte in Wien, die Werkstätte mit Showroom in der Schleifmühlgasse und seit 2009 auch einen in der Poschgasse. Die beiden Standorte haben allerdings unterschiedliche Konzepte, was die Arbeitsplätze betrifft. Was unterscheidet sie?

Gottwald-Nathaniel: Der große Unterschied ist, dass die Mitarbeiter in der Schleifmühlgasse, wenn sie hier beginnen, bereits clean sind. Dagegen arbeiten in der Poschgasse ausschließlich Menschen, die noch konsumieren, alkoholabhängig oder substituiert (mit Beikonsum) sind. Diesen Menschen bieten wir Tagesarbeitsplätze, da sie oft auch nur wenige Stunden am Tag arbeiten können. Basis ist ein Verlosungssystem, das jeden Tag in der Früh durchgeführt wird. Ziehen sie ein positives Los, können sie an diesem Tag in der Werkstatt arbeiten und sind für diesen Zeitpunkt auch gemeldet und somit unfallversichert. Bezahlung erhalten diese Personen im Rahmen des therapeutischen Arbeitsgeldes, das berücksichtigt, dass die Zuverdienstgrenze nicht überschritten wird, was für die MitarbeiterInnen natürlich kontraproduktiv wäre.

GLOBAL 2000: Die sogenannten TransitmitarbeiterInnen in der Schleifmühlgasse werden bei Gabarage für ein Jahr beschäftigt. Wie werden diese Leute vermittelt und wie sieht ihr Arbeitsalltag aus?

Gottwald-Nathaniel: Die Leute werden entweder von Therapiestationen vermittelt oder werden auf andere Weise auf uns aufmerksam. Ansonsten erfolgt alles wie in einem normalen Betrieb mit Vorstellungsgespräch, Probearbeitstag, Anstellung und Probemonat. Unsere MitarbeiterInnen haben eine normale 40-Stunden Woche, beziehen auch ein 13. und 14. Gehalt und haben ganz genau dieselben Rechte und Pflichten wie jeder andere Arbeitnehmer.

GLOBAL 2000: Sie haben ein Fünf-Stufen-Qualifizierungsprogramm entwickelt. Wie sieht dieses Programm genau aus?

Gottwald-Nathaniel: Gabarage ist seit dem letzten Jahr als Marke geschützt, und zwar nicht nur unsere Produkte, sondern das gesamte Konzept und somit auch unser Personalentwicklungskonzept. Das geschah aus einem einfachen Grund, da nämlich niemand genau wusste, was unsere MitarbeiterInnen hier überhaupt machen. Normalerweise kann man einen sozialökonomischen Betrieb gut einteilen in ganz bestimmte Tätigkeiten, etwa Tischlerei, Versand oder ähnliches. Gemeinsam mit einer Unternehmensberatung haben wir uns angesehen, welche Handwerke bei Gabarage am häufigsten vertreten sind und in welche Berufsfelder das gehören würde, etwa Metallverarbeitung, NäherIn, TischlerIn oder auch Einzelhandelskaufmann/frau. Für diese Berufsbilder wurden von jeder Innung ganz bestimmte Tätigkeiten definiert, die man pro Lehrjahr erlernen muss. Bei uns gibt es nun von circa sieben Lehrberufen Tätigkeiten, die ausgeübt werden. Durch ein sogenanntes Potentialscreening, das in fünf Stufen unterteilt ist, werden unsere MitarbeiterInnen qualifiziert und zertifiziert.  Jeder Übergang von einer Stufe in die nächste ist von diesem Potentialscreening gekennzeichnet. Das ist ein Selbst- und Fremdwahrnehmungsprozess, bei demvom Arbeitsanleiter und den MitarbeiterInnen selbst ihre handwerklichen Fähigkeiten, aber auch ihre sozialen Kompetenzen bewertet werden. Von einer externen Unternehmensberatung werden diese Potentialscreenings dann ausgewertet und den MitarbeiterInnen ein Zeugnis nach dem bei uns üblichen Schulnotensystem ausgestellt.

GLOBAL 2000: Was passiert, wenn das Jahr bei Gabarage vorbei ist? Werden Ihre Mitarbeiter dann auch weiter von Ihnen betreut?

Gottwald-Nathaniel: Es gibt die sogenannte Outplacement-Phase gegen Ende des Jahres, bei der bereits versucht wird, die Leute an Betriebe zu vermitteln. Da unsere MitarbeiterInnen während des Arbeitsjahres sowohl in der Werkstatt als auch in Verwaltung und Versand mitarbeiten, bieten wir ihnen eine Allroundqualifizierung, bei denen Grundkenntnisse vermittelt werden, die hauptsächlich den Tätigkeiten aus einem ersten und zweiten Lehrjahr entsprechen. Wir können natürlich keinen vollständigen Lehrersatz in einem Jahr bieten, da aber der Lehreinsatz zertifiziert wird und sehr viel Wert auf den Kreativpart gelegt wird, kommen die Leute auch in den verschiedensten Bereichen unter. Nach Ende des Jahres werden sie von der Wiener Berufsbörse weiter betreut, mit der wir ganz eng zusammenarbeiten. Wir haben derzeit keine Dauerarbeitsplätze, sehen uns aber als Schnittstelle, um arbeitsmarktpolitische Maßnahmen auszuprobieren und vielen Menschen mit unterschiedlichen Handicaps eine Chance zu geben.

GLOBAL 2000: Ihr Team besteht aus Mitarbeitern und Designern. Wie funktioniert der Designprozess?

Gottwald-Nathaniel: Der Designprozess soll so funktionieren, dass die Produkte mit den MitarbeiterInnen gemeinsam entwickelt werden, sie nicht einfach fertige Konzepte nachbauen, sondern aktiv in den Kreativprozess eingebunden sind. Unsere Designer sind freie Dienstnehmer auf Honorarbasis, die unseren MitarbeiterInnen hauptsächlich in Workshops Material- und Verarbeitungskunde näher bringen und in denen sie ihre Ideen ausprobieren und umsetzen können. Seit diesem Jahr beschäftigen wir auch Leute aus der Produktion, die tatsächlich ein bestimmtes Handwerk erlernt haben und unseren MitarbeiterInnen handwerkliches Know-How und Grundkenntnisse vermitteln. Wir sind auch nicht auf bestimmte Materialien fixiert sondern versuchen, aus allen Materialien etwas zu entwickeln, den Möglichkeiten sind kaum Grenzen gesetzt.

Ambra DudaSandra Krimshandl

GLOBAL 2000: Gabarage Upcycling Design wurde bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet, etwa dem ersten Preis bei der internationalen Designmesse Blickfang oder der Sozialmarie.

Gottwald-Nathaniel: Das Spannende an den Auszeichnungen ist, dass sie genau das Konzept von Gabarage widerspiegeln. Unsere Arbeit ist nicht nur soziallastig, sondern es wird auch das Design, das bei Gabarage im Mittelpunkt steht, gewürdigt. Uns war auch immer wichtig, dass wir gesehen werden und wir die Arbeit nicht in irgendeinem Hinterhof durchführen. Gabarage war von Anfang an als offene Werkstätte konzipiert. Heute haben wir bereits zu viele MitarbeiterInnen, aber früher wurde hier im Schauraum gearbeitet und ein jeder konnte hereinkommen, den Menschen bei der Arbeit zusehen. Heute machen wir Führungen durch die Werkstätten mit interessierten Personen, etwa Touristen, Schulen und mit unseren Kunden.

Links:

Links:

(Von Pia Koch)

letztes Update: 09.06.2010 12:41
Social Bookmarks