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„Wir werden nicht aufhören, uns weiter zu entwickeln“

Christian Felber ist Mitbegründer von Attac Österreich, Autor und zeitgenössischer Tänzer sowie Lektor an der Wirtschaftsuniversität Wien. 2010 hat er mit der „Gemeinwohlökonomie“ ein neues Wirtschaftsmodell veröffentlicht, das nachhaltig und ökologisch die derzeitigen Strukturen überdenkt. GLOBAL 2000 traf sich auf ein Gespräch mit dem zukunftsbewussten Ökonomen Österreichs.

Christian Felber

GLOBAL 2000: Sie haben in Zusammenarbeit mit Attac-Mitgliedern das Modell der “Gemeinwohlökonomie“ entwickelt. Was ist denn wirtschaftliches Gemeinwohl?

Felber: Das muss von Menschen in einem demokratischen Prozess ausverhandelt werden. Es gibt bereits solche Prozesse und ein weltweit konvergentes Verständnis von einem guten Leben, wie zum Beispiel den im Bruttoglücksprodukt enthaltenen Kriterien. Schlagworte wären hier Befriedigung von Grundbedürfnissen, Gesundheit, gute Beziehungen, eine intakte Umwelt, wertgeschätzt werden, mitbestimmen dürfen, ein gleiches Geschlechterverhältnis, Zeitwohlstand, Raum für individuelle Entfaltung und Kompetenzentwicklung. Ob von der psychologischen, philosophisch-ethischen, humanökologischen oder der sozialmedizinischen Seite her betrachtet, konvergiert es immer wieder mit den Grundbedürfnissen, die prinzipiell in Geld nicht darstellbar sind. Weder das gute Leben, noch Glück oder Lebensqualität sind in Geld auszudrücken. So auch das Gemeinwohl. Es ist ein Begriff, der all diese Grundbegriffe zusammenfasst und sich durch die Geistesgeschichte und Demokratietheorie zieht. Von der christlichen Soziallehre und den ökonomischen Theorien bis hin zur Bayerischen Verfassung. Das Gemeinwohl ist also ein Summenbegriff, der das Ziel des menschlichen Strebens beschreibt – sowohl des Menschen als politischem Wesen als auch als ökonomischer AkteurIn.

GLOBAL 2000: Ist das real umsetzbar?

Felber: Na sicher! Menschen sind unendlich kreativ, flexibel, innovativ, weise und human. Wir können das problemlos schaffen, auch wenn es derzeit überhaupt nicht danach aussieht. Wir haben bereits Monarchie und Feudalismus überwunden, das Patriarchat angefochten, die Rassentrennung aufgehoben und die Menschenrechte ausgerufen. Wir werden nicht aufhören, uns weiter zu entwickeln.

GLOBAL 2000: Gab es da für Dich einen konkreten Anstoß, dieses Konzept zu entwickeln?

Felber: Ich habe mich sehr über die derzeitige Wertedebatte in der Wirtschaft geärgert: das allgemeine Leistungsverständnis, der Wachstumsfetischismus, der verbreitete Erfolgsbegriff, Effizienz und die Bedeutung von Freiheit, die oft in diese wirtschaftspolitische Argumentation einbezogen. Aus diesem Ärgern wurde dann eine Tiefenanalyse, eine Dekonstruktion dieser Werte, die ich in meinem Buch „Neue Werte für die Wirtschaft“ niedergeschrieben habe. Am Ende blieben plötzlich gesunde Bedeutungskerne der Begriffe übrig, deren Zusammenschau ganz von selbst ein neues Wirtschaftsmodell ergeben hat. Auf diese Grobskizze hin haben sich viele Unternehmen gemeldet, die genau dieser Punkt schon seit Jahren beschäftigt hat. Sie haben mir vorgeschlagen, das gemeinsam zu konkretisieren und so haben wir uns als Attac-UnternehmerInnen zwei Jahre lang zusammengesetzt und die Gemeinwohlökonomie ist geschlüpft.

GLOBAL 2000: Das Ergebnis ist letztlich ein sehr konkretes Modell geworden, das sich fast wie eine Anleitung liest. Ist das global gedacht oder bezieht es sich eher auf kleine Rahmen, wie zum Beispiel ausschließlich Österreich oder die Unternehmen, die sich bereits angeschlossen haben?

Felber: Der Konkretheitsgrad ist der Wunsch vieler Menschen, die sich Alternativen nicht vorstellen können. Gleichzeitig betonen wir, dass bei keinem der einzelnen Punkte gefordert wird, ihn genau so umzusetzen, sondern dass in demokratischen Konventen ausverhandelt werden soll und man erst dann der Bevölkerung Gesetzesvorschläge zur Abstimmung vorlegen kann. Global muss das nicht unbedingt werden. Jedes souveräne demokratische Gemeinwesen soll seine eigenen Regelungen treffen. Da die Grundbedürfnisse aber universal sind und das Modell auf ihnen aufbaut, wäre es nicht verwunderlich, wenn in zahlreichen Ländern ähnliche Wirtschaftsmodelle diskutiert und umgesetzt werden würden.

GLOBAL 2000: Könnte sich das dann also auch auf die Politik auswirken?

Felber: Das ist eine meiner größten Hoffnungen. Die derzeitige Krise der Politik, sowohl die tiefe Korruption des politischen Modells, als auch die Umgangsformen und Gepflogenheiten, hängen meiner Meinung nach sehr stark mit den Werten zusammen, die derzeit im Wirtschaftssystem hochgehalten und belohnt werden. Wenn wir täglich aus der Wirtschaft lernen, dass es zu Erfolg führt, wenn man sich egoistisch verhält, die anderen austrickst, übervorteilt und ausbootet, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn das auch auf andere Lebensbereiche, insbesondere auf die Politik ausstrahlt. Ich bin überzeugt davon, dass sich das radikal ändern würde. Dieser negative Erziehungswert, den der Markt derzeit auf die Politik ausübt, würde sich durch die Gemeinwohlökonomie in einen positiven und humanen Erziehungseffekt kehren.

GLOBAL 2000: Würden Sie das Konzept also auch auf Europa-Ebene als einen Ausweg aus der derzeitigen finanziellen Krise sehen, zum Beispiel im Spezialfall Griechenland?

Felber: Im Fall von Griechenland ist die Gemeinwohlökonomie jetzt nicht die erste Priorität. Wenn das Haus schon brennt, ist das nicht mehr der richtige Zeitpunkt für die Umstellung auf Sonnenkollektoren, nachwachsende Baustoffe oder biologische Feuerschutzmaterialen. Für Griechenland haben wir ein Rettungsprogramm entworfen, das aus drei Punkten besteht. Der erste ist die Garantie aller Staatsanleihen aller Eurostaaten durch die Europäische Zentralbank, die sich somit zu einer Gegenleistung verpflichten. Das entlastete diese Staaten sofort von extrem hohen Zinslasten und vom Wetten auf ihren Staatsbankrott, also den Ausfall der Staatsanleihen. Das zweite ist die Gegenleistung, dass sich die jeweiligen Staaten auch in der Steuerpolitik absprechen und Finanztransaktionen, Vermögen, Vermögenszuwächse und Kapitalgesellschaftsgewinne koordiniert besteuern. Der dritte Schritt ist, dass sie aus den Einnahmen dieser Steuern, zu denen sie sich gemeinsam verpflichten, die Staatsschulden zurückzahlen. Das hab ich nachgerechnet, das ginge locker. Da käme jährlich ein Betrag zwischen 500 und 1000 Milliarden Euro in der EU zustande, damit kann man nicht nur Griechenland, Irland und Portugal mit links im ersten Jahr entschulden, sondern selbst die großen Brocken wie Spanien und Italien würden damit auf ein ungefährliches Schuldenniveau von rund 50 Prozent der Wirtschaftsleistung kommen. Davon könnten sogar die Reichen profitieren, weil keine einzige Staatsanleihe ausfallen würde. Wenn wir dieses Rettungsprogramm nicht umsetzen, kommt es garantiert zu Staatsbankrotts, die wiederum die Reichen zum Teil schwerer betreffen als diese sanfte Vermögensbesteuerung.

Weitere Infos:

Buch: Gemeinwohlökonomie. Ein Wirtschaftsmodell mit Zukunft

Interview Langversion:

©GLOBAL 2000 Felber Interview Langversion  2011-05-18 13:29:40
GLOBAL 2000

(von Martha Schlickenrieder)

letztes Update: 18.05.2011 13:33
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