Tote Biene

Die Tierwelt in der Europäischen Union steht unter starkem Druck. Der Status von 60 Prozent der Arten und 77 Prozent der Lebensräume wird als „ungünstig“ eingestuft. Die Zahl der Feldvögel ist seit 1980 um 56 Prozent zurückgegangen, und es gibt fast 35 Prozent weniger Grünland-Schmetterlinge als 1990. Selbst einst häufige Vogelarten verschwinden, wie verschiedene Zählungen zeigen. So ist die Europäische Turteltaube unmittelbar vom Aussterben bedroht. Ihre Zahl ging in Europa zwischen 1980 und 2013 um 77 Prozent zurück.

In Deutschland ist die Biomasse der Insekten seit 1990 um über 75 Prozent gesunken. In Frankreich sind die Bestände an Feldvögeln in den vergangenen 15 Jahren um ein Drittel geschrumpft. Dabei erging es den Allerweltsarten, die unterschiedliche Lebensräume besiedeln, auf Ackerland schlechter als in städtischen Gebieten. In Mittel- und Osteuropa sank die Zahl der Feldvögel von 1982 bis 2015 um 41 Prozent. Bei Waldvögeln waren es nur sechs Prozent.

Die Europäische Umweltagentur sieht in der intensiven Landwirtschaft die größte Bedrohung für die biologische Vielfalt. Ein auf den kurzfristigen Ertrag maximierter Ackerbau bietet weniger Nahrung für die Tierwelt. Monokulturen, der Mangel an natürlicher Vegetation, Düngemittel sowie Pestizide, die Insekten und Beikräuter abtöten, reduzieren das Nahrungsangebot. In Großbritannien erholte sich die Fledermauspopulation nach der Umstellung von Betrieben auf Ökolandbau schnell, weil wieder genügend Insekten als Nahrung vorhanden waren.

Die intensive Nutzung von Agrarland lässt auch Wildvögeln weniger Raum zum Brüten. Hecken werden gerodet, kleine Feuchtgebiete trockengelegt, Wiesen zu Ackerland umgepflügt oder intensiv genutzt. In Teilen Frankreichs ging beispielsweise der Bestand an Zwergtrappen zwischen 1978 und 2008 um 96 Prozent zurück, weil Gras- in Ackerland umgewandelt wurde.

Intensive Landwirtschaft wirkt sich auch indirekt auf die Tierwelt aus und ist die größte Bedrohung für die Feuchtgebiete Europas. Sie übernutzt Wasser als wichtigen Produktionsrohstoff, pumpt ihn ab oder verschmutzt ihn mit Düngemitteln und Pestiziden. Überschüssiger Stickstoff gelangt in die Böden und reduziert die Pflanzenvielfalt auf den Feldern. Der Abfluss von Stickstoff ins Wasser kann Algenblüten auslösen, die Sauerstoff verbrauchen und so Wassertiere sterben lassen.

Die EU gibt 39 Prozent ihres Gesamtbudgets für den Haushaltstitel „Nachhaltiges Wachstum, natürliche Ressourcen“ aus. Dazu gehören die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP), der Fischerei- und Meeresfonds sowie ein Umweltfonds namens LIFE. Die GAP erhält 97 Prozent der Mittel aus diesem Topf, LIFE nur 0,8 Prozent. Laut Gesetz müsste die EU Geld für den Umwelt- und Naturschutz bereitstellen. Dennoch enthält das laufende Budget keine eigenständigen Mittel für den Erhalt der biologischen Vielfalt, und dies wird auch in der nächsten Finanzierungsperiode so bleiben. Anstatt einen eigenen Finanztopf zu schaffen, entschieden sich die Staats- und Regierungschefs, die Umweltfinanzierung in die GAP zu integrieren. Dadurch aber wird kaum etwas für den Erhalt der Artenvielfalt geleistet, weil die Subventionen stattdessen auf eine weitere Intensivierung abzielen.

Die Maßnahmen, für die am meisten Geld fließt, sind die besonders „perversen“ – ein Begriff, der in der UN-Biodiversitätskonvention (CBD) verwendet wird und Subventionen beschreibt, die der Umwelt schaden. Annähernd drei Viertel der GAP-Mittel, rund 293 Milliarden Euro im Zeitraum 2014 bis 2020, fließen in Direktzahlungen, die die intensivsten und umweltschädlichsten Formen der Landwirtschaft begünstigen: Getreideanbau und intensive Tierhaltung. Solche Zahlungen werden entsprechend der Größe der landwirtschaftlich genutzten Fläche geleistet und sind kaum an die Kriterien für Nachhaltigkeit gebunden. Bis zu 15 Prozent der GAP-Mittel sind an die Produktion gekoppelt, das heißt, sie werden pro Tier oder pro produzierte Menge gezahlt. Sie gehen vor allem an die Fleischund Milchwirtschaft und können dort zur Überproduktion beitragen. Auch einmalige Investitionsbeihilfen fördern zumeist die Intensivierung: zum Beispiel durch die Anschaffung schwerer Landmaschinen, den Bau von Lager-, Sortieroder Verarbeitungsanlagen für immer größere Mengen landwirtschaftlicher Produkte oder von Ställen für die Intensivtierhaltung. Dabei gibt es in den verschiedenen Ländern durchaus Beispiele für funktionierende Umweltprogramme und für Bauernhöfe, die die biologische Vielfalt unterstützen. Aber ihre positiven Auswirkungen werden durch viel zu wenig Förderung und vergleichsweise viel höhere „perverse“ Subventionen untergraben. Oder sie bekommen Konkurrenz durch weniger anspruchsvolle bis unsinnige Förderprogramme. So gibt es in Zypern ein mit 800 Euro pro Hektar sehr großzügiges Programm für die „umweltfreundliche“ Bewirtschaftung von Bananenplantagen, bei dem der Einsatz von Herbiziden erlaubt ist. Die Begründung: So werde eine Bebauung verhindert, was doch gut für die Tierwelt sei. Ein Umdenken ist unbedingt erforderlich. Um den Verlust der Artenvielfalt zu stoppen und umzukehren, müssen Agrarbetriebe angemessene Mittel für den Erhalt der Biodiversität erhalten. Und zwingend nötig sind auch Regeln und Anreize, zu weniger intensiven Methoden der Landwirtschaft überzugehen.