Neue Gentechnik: Forschung zu Umweltauswirkungen unzureichend

In Europa ist die Neue Gentechnik (NGT) im Bereich der Produktentwicklung und Grundlagenforschung in der Landwirtschaft ein gut finanziertes Gebiet, leider spielt jedoch die unabhängige Risiko- und Sicherheitsforschung eine untergeordnete Rolle. Dabei braucht es gerade angesichts der Eingriffstiefe der NGT besonders viel Forschung, der Schutz der Umwelt sollte dementsprechend im Mittelpunkt stehen. Entscheidend ist, die Kontrolle über den Einsatz von NGT zu behalten und sie in Hinblick auf ihre ökologischen Risiken streng zu regulieren.

Bisher haben die EU-Mitgliedstaaten lediglich 1,6 Prozent ihrer Forschungsgelder für Risikoabschätzung, Monitoring und Nachweismethoden im Bereich der Neuen Gentechnik (NGT) aufgewendet. Diese große Forschungslücke gilt es zu schließen. Denn aktuell kann kein gesicherter Einsatz in der Landwirtschaft gewährleistet werden. Das Vorsorgeprinzip schützt vor der Einführung neuer Techniken, die in Zukunft möglicherweise negative Auswirkungen auf Mensch und Umwelt haben könnten. Dieses gilt es hochzuhalten.

Bei den Risiken von NGT-Pflanzen geht es unter anderem um die unbeabsichtigten Effekte beim Einsatz der so genannten Gen-Schere CRISPR/Cas im Erbgut der Pflanzen. Die Präzision von CRISPR/Cas ist nicht perfekt. Die Gen-Schere schneidet auch an Stellen im Erbgut der Pflanze, die nicht geändert werden sollen, und es kann passieren, dass ungewollt DNA-Fragmente eingefügt und das Erbgut umstrukturiert wird. Darüber hinaus können auch die bewusst herbeigeführten neuen Eigenschaften der Pflanze ungeahnte Risiken mit sich bringen.

Schon kleinste genetische Veränderung können Stoffwechselvorgänge und Inhaltsstoffe erheblich verändern. Bei ölhaltigen Pflanzen wird in die Stoffwechselwege eingegriffen, um die Fettsäuremuster zu verändern. Beim Leindotter konnte, mithilfe der Genschere, das gewonnene Öl länger haltbar gemacht werden, indem die Ölsäure in deren Samen erhöht und die oxidierbaren Fettsäuren reduziert wurden. In den USA wurden diese Pflanzen bereits ohne einer eingehenden Risikoprüfung dereguliert – und das obwohl unbeabsichtigte Auswirkungen auf verschiedene Prozesse auftreten können. Beispielsweise kann die Bildung von Botenstoffen, mit denen Pflanzen kommunizieren, und etwa vor einem Schädlingsbefall „warnen“, gestört werden. Darüber hinaus kann sich die neue gentechnisch veränderte Pflanze mit Wildarten kreuzen und bei nachfolgenden Generationen ungewollte Effekte hervorrufen.

NGT-Pflanzen können sich in der Umwelt unkontrolliert ausbreiten und nicht mehr zurückgeholt werden. Die Risiken sind vielfältig und betreffen Ökosysteme, Landwirtschaft und Lebensmittel. Deshalb braucht es mehr Forschung und eine bessere Datenlage aus einer unabhängigen Risiko- und Sicherheitsforschung. Dabei dürfen die ökonomische Interessen von Chemie- und Saatgut-Konzernen bei einer Entscheidung zur Regulierung von NGT nicht im Mittelpunkt stehen. Nur wenn die die EU das bestehende EU-Gentechnikgesetz für Landwirtschaft und Lebensmittel beibehält, wie diese auch 2018 vom EU-Gerichtshof bestätigt wurde, besteht die Möglichkeit, dass ausreichende Kontrollen zum Schutz für Mensch und Umwelt durchgesetzt werden können.

Labor

Mehr Forschungsgelder für die gentechnikfreie Pflanzenzüchtung

Gentechnikfreie Pflanzenzüchtungsverfahren haben gegenüber der NGT-Produktforschung oftmals das Nachsehen. Die öffentliche Förderung der konventionellen Pflanzenzüchtung wurde in den letzten Jahrzehnten weltweit zurückgeschraubt. Ebenso bekommt die biologische Pflanzenzüchtung von samenfesten bzw. vermehrbaren Sorten kaum öffentliche Gelder. Das führt dazu, dass wir den Schritt hin zu einer zukunftsfähigen ökologischen Pflanzenzüchtungsforschung verpassen und uns von einem einzigen Entwicklungspfad, der noch dazu in den Händen von Chemie- und Saatgut-Konzernen liegt, abhängig machen.

Biologisch und konventionell arbeitende Pflanzenzüchter:innen setzen sich jeden Tag dafür ein, die Kulturpflanzenvielfalt für zukünftige Generationen zu bewahren, um damit die Ernährungssicherheit und -souveränität von morgen zu garantieren. Innovative Sortenentwicklung braucht keine Gentechnik.