Bild: Andy Wright / flickr.com
Sie wollen auch dem unpersönlichen Ambiente der Supermärkte mit ihrer Kommerzmusikberieselung und dem Duft nach aufgebackenen Brotrohlingen, deren Zutatenliste länger als Ihre Einkaufsliste ist, entkommen? Dann heißt die Alternative Foodcoop. Wie so etwas funktioniert und was man als Mitglied tun muss, erfahren Sie anhand dieses Tagebucheintrags über einen ganz normalen Montag in einer Foodcoop namens Vielfeld (Namen der Foodcoop und der Personen von der Redaktion geändert).

02.00 Uhr nachts: Der Milchlieferant ist im Anrollen. Er bringt Käse, Milch, Sauerrahm, Joghurt. Die Produkte stammen von zwei kleinen Bio-Bauernhöfen im Waldviertel. Er sperrt auf, stellt die vier Kisten auf den großen Holztisch im Vielfeld und legt die Rechnung daneben.

11.00 Uhr vormittags: Die Gemüselieferantin parkt vor dem Haus. Sie bringt sechs Kisten voll Gemüse: Kürbisse, Pastinaken, rote Rüben, Lauch, Mangold. Alles, was das Herbst-Herz begehrt und was die Mitglieder in der Vorwoche bestellt haben. Sie sperrt auf, stellt die Kisten in die Regale, die Rechnung schickt sie Ende des Monats.

16.30 Uhr: Eva und Martin kommen heute als erste. Sie überprüfen die Lieferungen, notieren, ob etwas fehlt und schlichten die Milchprodukte in den Kühlschrank ein. Sie sind außerdem heut dran, neuen Mitgliedern bei der Abholung ihrer Lebensmittel zur Seite zu stehen.

17.00 Uhr: Die ersten Mitglieder finden sich im Vielfeld ein, um ihre Lebensmittel abzuholen. Sie zahlen einen monatlichen Beitrag. Zusätzlich übernehmen sie unterschiedlichste Aufgaben, die in einer Foodcoop so anfallen: Jakob, Sophia und Herbert bestellen regelmäßig Lebensmittel, Christine organisiert die monatlichen Plena, Gerd und Frida laden zweimal jährlich zu Speisereisen ein, bei denen die ProduzentInnen besucht werden, Emil versorgt neue Mitglieder mit allen nötigen Informationen, Max und Miriam pflegen die Kontakte zu den anderen Foodcoops, Paula macht Öffentlichkeitsarbeit, Niki betreut die Vielfeld-Mailbox, und so weiter und so fort.

17.20 Uhr: Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee liegt in der Luft. Lena und Julia machen es sich am Sofa bequem. Ein gemütliches Plauscherl gehört für die beiden zum Lebensmittel-Abholen im Vielfeld dazu.

Alte Sorten-Picknick

18.30 Uhr: Hannah holt heute ihre erste Bestellung im Vielfeld ab. Martin hilft ihr dabei. Auf der bunten Pinnwand können alle sehen, was sie bestellt haben. Abgewogen wird mit der alten Bäckerwaage. Hannah hat Marmeladegläser und Stofftaschen mitgebracht, Plastiksackerln gibt es im Vielfeld nicht.

18.40 Uhr: Hannah hat nun ihre Taschen und Gläser gefüllt. Sie trägt in ihrem Kontoblatt 50 Euro ein, die sie sich vor ein paar Tagen als Guthaben überwiesen hat. Die Summe der abgeholten Lebensmittel zieht sie davon wieder ab.

19.00 Uhr: Im Vielfeld tummeln sich die Mitglieder. Das Plenum soll gleich beginnen und einige sind noch mit dem Abwiegen ihrer Lebensmittel beschäftigt. Die Gemüselieferantin konnte diesmal nicht so viel Mangold ernten, wie bestellt wurde. Hans und Oskar machen sich untereinander aus, wer wie viel nimmt.

19.15 Uhr: Christine hat mit ein paar anderen einen Sesselkreis gebildet. Die Liste der Themen, die heute diskutiert werden sollen, ist lang: Niki hat einen neuen Produzenten gefunden, der das "Vielfeld" mit Nüssen beliefern könnte. Die Anzahl der Mitglieder ist auf über 50 geklettert, obwohl sich das Vielfeld vorgenommen hatte, nicht mehr als 50 Mitglieder aufzunehmen. Die Getreidemühle ist kaputt, eine neue muss gekauft werden. Entscheidungen werden basisdemokratisch getroffen. Jedes Mitglied ist gleichwertig und kann ein Veto einlegen.

21.30 Uhr: Das Plenum ist vorbei, drei Entschlüsse wurden einstimmig gefasst. Daniela kümmert sich um die Anschaffung einer neuen Mühle, der Nuss-Produzent liefert ab der kommenden Woche. Vorerst werden keine neuen Mitglieder mehr aufgenommen.

21.45 Uhr: Die Mitglieder verabschieden sich voneinander. Viele verabreden sich für den kommenden Montag zum gemeinsamen Lebensmittel-Abholen. Hannah geht mit ein paar anderen noch nebenan auf ein Bier.

23.00 Uhr: Hannah packt die Lebensmittel in ihren Kühlschrank. Sie hat viele Menschen kennengelernt und bereits mit Eva vereinbart, dass sie kommende Woche den Abholdienst im Vielfeld übernehmen wird. Eva wird sie beim ersten Mal dabei unterstützen.

23:30 Uhr: Vor dem Einschlafen wundert sich Hannah, warum sie nicht schon viel früher Mitglied bei einer Foodcoop geworden ist. Sie hat sich alles viel komplizierter vorgestellt. Dabei ist es ganz einfach und viel spannender als ein Einkauf im Supermarkt.

In Wien gibt es derzeit acht Foodcoops, zahlreiche weitere befinden sich in Gründung. Wenn auch Sie Lust bekommen haben, Mitglied einer Foodcoop zu werden, besuchen Sie die Seite foodcoops.at. Dort finden Sie alle österreichischen Foodcoops. Wenn es in Ihrer Umgebung noch keine Foodcoop gibt, gründen Sie doch selber eine. Die Foodcoop-Community unterstützt Neugründungen, wo sie kann. Für weitere Infos schreiben Sie an infos@foodcoops.at

Foodcoops sind Lebensmittelkooperativen, in denen sich Menschen zusammentun und selbstorganisiert biologische Produkte direkt von lokalen Bauernhöfen, Gärtnereien, Imkereien, etc. beziehen.

 

Bild: Vegetables von Andy Wright / flickr.com CC-BY