Tschernobyl Gedenktag

Wien, am 25. April 2016 – Vor genau dreißig Jahren, in der Nacht vom 26. April 1:23 Moskauer Zeit, explodierte Block 4 im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl, aufgrund eines fehlgeschlagenen Experiments zur Strom-Eigenversorgung des Reaktors. Heute warnen österreichische und ukrainische UmweltschützerInnen vor weiteren Experimenten des ukrainischen Energieministeriums mit den noch laufenden, überalterten Reaktoren.

Durch den Bürgerkrieg und die prekäre Versorgungslage mit Rohstoffen aus Russland wie Gas und Kohle sieht die ukrainische Regierung die Stromnetz-Stabilität gefährdet und warnt vor drohenden Blackouts. „Als Lösung wird ein wahnwitziges Experiment vorgeschlagen“, warnt Dr. Reinhard Uhrig, Atomsprecher der österreichischen Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000. „Energieminister Wladimir Demtschischin will bis Ende 2016 erreichen, dass die noch laufenden 15 Reaktoren in der Ukraine täglich um bis zu 25 Prozent auf- und abgeregelt werden – mit potenziell katastrophalen Auswirkungen auf die Reaktordruckbehälter.“

Das Verfahren des „load following“ (Lastverschiebung) ist weltweit unüblich, da durch die hohen Neutronenflüsse während des Herauf- und Herunterfahrens die Versprödung des Reaktorstahls beschleunigt wird, insbesondere im Herzstück des Atomreaktors, dem Druckbehälter. Auch die ukrainische Atomwirtschaft ist eindeutig gegen dieses Experiment: Der Chef von Energoatom, Juri Nedaschkowski, warnte vor kurzem in ukrainischen Medien, dass es unmöglich sei, die Reaktoren bis Ende 2016 technisch vorzubereiten. Die Gewerkschaft „Atomprofspilka“ warnte vor einer Katastrophe, die Leistungsdrosselung kann zu erhöhte Konzentration des Neutronengifts Xenon-135 und zu unberechenbarem Verhalten des Reaktors führen.

„Die klare Alternative ist Energieeffizienz und verbesserte Vernetzung mit den Nachbarländern, die durch den Boom der Erneuerbaren Energieträger und ausreichend Kapazitäten zur Netzstabilisierung weit sicherer und billiger beitragen können als gefährliche Experimente mit alten Reaktoren“, so Uhrig. „Der Ukraine steht ohnehin immer noch die ungeklärte Bergung der Atom-Leiche im Keller von Tschernobyl-4 bevor.“

Atom-Leiche im Keller von Tschernobyl-4

Nach heutigem Stand droht der notdürftig über dem explodierten Reaktor errichtete Sarkophag einzustürzen, die Hülle ist undicht, Wasser dringt ein und lässt radioaktives Material durch. Eine riesige neue Hülle wird voraussichtlich Ende 2016 über den zerstörten Kern geschoben, um diese Gefahr abzuwenden – damit ist aber erst der Anfang gemacht bei der Bergung der 70 Prozent der ursprünglich 190 Tonnen Kernbrennstoffes. Sie liegen noch in verschiedenen Bereichen des Reaktors, die lavaartige Kernschmelze hat sich mehrere Stockwerke tief in die Keller der Ruine durchgebrannt. „Erst in dreißig Jahren soll nach jetzigem Plan mit der Bergung des hochradioaktiven Materials und mit dem Abriss der Reaktoren begonnen werden – diese Arbeiten sollen 2064 abgeschlossen werden, wo viele der heutigen Arbeiter bereits nicht mehr leben werden“, erklärt Uhrig. „Die Ukraine braucht Hilfe bei der Bewältigung dieser schwersten Nuklearkatastrophe aller Zeiten – und gegen weitere Experimente mit der unberechenbaren Atomkraft.“

GLOBAL 2000 führt aus Anlass der Nuklearkatastrophe vor 30 Jahren und dem 20-jährigen Bestehen seines Tschernobyl-Kinder-Hilfsprojektes eine Solidaritäts-Kampagne „Glatze oder Spende“ durch.

Hintergrundinformationen zur Tschernobyl-Katastrophe