Wien, am 11. November 2015 – Sieben renommierte BienenwissenschaftlerInnen aus Europa und Australien haben eine der zentralen Studien, mit denen die Pestizidhersteller Syngenta, BASF und Bayer ihre Klage gegen die EU-Neonicotinoid-Verbote zu untermauern versuchen, einer eingehenden Analyse unterzogen und dabei gravierende Mängel festgestellt. Die Studie zeigt „substanzielle wissenschaftliche Defizite in Bezug auf Studiendesign, Protokoll und Interpretation der Daten“ und lässt deshalb „keine Schlussfolgerungen über das Risiko des Neonicotinoids Thiamethoxam für Bienen unter realen Feldbedingungen" zu, heißt es in der vergangene Woche erschienenen Publikation.

Isolierter Pestizidwirkstoff, zu geringe Aufwandmenge, fehlende Statistik

Der Hauptkritikpunkt der WissenschafterInnen ist, dass die von Syngenta beauftragte Studie (Pilling et al. 2013) mit Dosierungen arbeitet, die bis zu 70 Prozent unter den zugelassenen Höchstaufwandmengen für Thiamethoxam liegen. Statt einem handelsüblichen Pestizidpräparat verwendet die Industriestudie den isolierten Wirkstoff, der in der Regel geringere biologische Aktivität und Toxizität aufweist. Zudem seien in der Industriestudie wesentliche Expositionspfade unberücksichtigt geblieben und das Zeitfenster der Exposition deutlich zu klein. Nicht zuletzt kritisieren die WisseschafterInnen das Fehlen einer statistischen Auswertung, wie es für wissenschaftliche Arbeiten Standard ist.

Europäisches Pestizid-Zulassungsverfahren in der Kritik

„Industriestudien mit mangelhafter Aussagekraft und falschen Schlussfolgerungen hatten schon in den vergangenen Wochen wiederholt für Schlagzeilen gesorgt“, sagt GLOBAL 2000-Chemiker Helmut Burtscher: „Die Weltgesundheitsorganisation WHO erkannte in Industriestudien mit Mäusen eine eindeutige krebserregende Wirkung des Unkrautvernichters Glyphosat. Die Pestizidhersteller selbst hatten ebenso wie die europäischen Zulassungsbehörden die Häufung von Tumoren angeblich jahrzehntelang 'übersehen', da die statistische Auswertung der Versuche mangelhaft war.“

Erst vor zwei Wochen hat GLOBAL 2000 mit Blick auf die Schädlichkeit von Glyphosat für Regenwürmer aufgezeigt, dass die von den Herstellern durchgeführten Tests nicht in der Lage sind, ein mögliches Risiko für Regenwürmer unter Feldbedingungen zu erkennen.

Das europäische Zulassungsverfahren für Pestizide, insbesondere die Transparenz und Qualität der von der Industrie beauftragten und eingereichten Studien, müssen dringend verbessert werden, fordert GLOBAL 2000. Ende Dezember läuft das von der EU-Kommission verhängte Moratorium für die drei Neonicotinoide Imidacloprid, Clothianidin und Thiamethoxam aus. Zur Zukunft dieser hoch-bienengiftigen und umweltschädlichen Pestizide hat sich die EU bis heute noch nicht geäußert. GLOBAL 2000 hofft, dass die Entscheidung der Kommission auf solider wissenschaftlicher Grundlage erfolgt, und weder durch unzulängliche Industriestudien noch durch die gerichtliche Klage der Pestizidindustrie beeinflusst wird.

Link zur Publikation der BienenforscherInnen: http://www.enveurope.com/content/27/1/28/
Link zur kommentierten Syngenta-Studie: http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0077193