Wien, am 13. November 2015 - Die gestern veröffentlichte EFSA-Bewertung des Wirkstoffs Glyphosat als “nicht krebserregend“ folgt bis ins Detail der Argumentation des deutschen Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) und widerspricht damit erneut der im Frühjahr erfolgten Einstufung durch die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der WHO als „wahrscheinlich für den Menschen krebserregend“. Als eine zentrale Ursache für die Diskrepanz zwischen den europäischen Zulassungsbehörden und der WHO identifizierte der deutsche Toxikologe und Vorstand des Pestizid Aktions Netzwerks PAN, Peter Clausing, die unterschiedlichen Bewertung von fünf Langzeit-Krebsstudien an Mäusen, die von den PestizidherstellerInnen im Rahmen des Zulassungsverfahrens eingereicht worden waren und führt dieses Diskrepanz auf grobe Verletzungen der gesetzlich definierten Leitlinien zur Bewertung des Krebsrisikos durch die europäischen Zulassungsbehörden zurück. 1

Chemische Industrie und Zulassungsbehörden tricksten mit Statistik

Kurz zusammengefasst: Während 17 unabhängige internationale ExpertInnen der IARC einhellig eine statistisch signifikante Tumorhäufung in allen fünf Mäusestudien bei Verabreichung von Glyphosat feststellten, hatten die RisikobewerterInnen des BfR wenige Monate davor in den selben Studien angeblich „keine Hinweise auf eine krebserregende Wirkung bei Tieren“ gefunden. Konfrontiert mit der wissenschaftlichen Analyse der WHO-ExpertInnen ruderte das BfR zurück: Man habe sich bei den fünf Mäusestudien auf die von der Industrie mit den Versuchsdaten mitgelieferte statistische Interpretation der Ergebnisse „verlassen“. Mit der von den PestizidherstellerInnen angewendeten statistischen Methode hätte sich nämlich kein signifikanter Zusammenhang zwischen Glyphosatverabreichung und Tumorhäufigkeit ergeben. Gleichzeitig räumte das BfR ein, dass bei Anwendung eines anderen statistischen Tests in allen 5 Mäusestudien eine signifikante Tumorhäufung feststellbar sei. Dieser ’andere’ Test, ist jenes Verfahren, das die Krebsforscher der WHO angewendet hatten und das seit 2012 in der EU explizit empfohlen wird !2 „Doch wer nun erwartet hätte, dass das BfR im Lichte dieser neuen Erkenntnis die WHO-Einstufung von Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ endlich anerkennt, wurde eines Besseren belehrt“, erklärt Helmut Burtscher, Umweltchemiker der österreichischen Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000: „Als nun feststand, dass Mäuse, die Glyphosat erhielten, signifikant mehr Tumoren entwickelten, als Mäuse, denen kein Glyphosat verabreicht wurde, wechselten die RisikobewerterInnen die Strategie: Sie zweifelten nun in jeder einzelnen der fünf Industriestudien die Plausibilität der jeweiligen „Negativkontrolle“ an und ’korrigierten’ die fehlende oder geringe ’spontane’ Tumorhäufigkeit bei den unbehandelten Mäusen nachträglich nach oben. Möglich wurde dies durch die Hinzunahme von sogenannten „historischen Kontrolldaten“. Damit ließ sich die (spontane) Tumorhäufigkeit bei den nicht mit Glyphosat behandelten Mäusen soweit nach oben „korrigieren“bis der Unterschied zu den Glyphosat-belasteten Mäusen unter die Signifikanz-Schwelle rutschte. „Mit diesem Vorgehen hat sich die oberste Europäischen Zulassungsbehörde für Pestizide als idealer Anwärter für das Prädikat 'Junk Science' - zu deutsch 'Schrottwissenschaft' – qualifiziert, welches der Weltmarktführer Monsanto fälschlicherweise der IARC anlässlich ihrer Kanzerogentitäts-Einstufung von Glyphosat umhängen wollte“, sagt Burtscher: „Zwar ist die Hinzunahme von historischen Kontrolldaten unter bestimmten, klar definierten Voraussetzungen zulässig. Doch wie aus der Analyse von Clausing hervorgeht, verstießen die Zulassungsbehörden gleich mehrfach gegen diese Vorgaben und Voraussetzungen.

Gesetzliche Notwendigkeit versus handelspolitische Implikationen

Die turnusmäßig anstehende Zulassungsverlängerung des weltweit meist verkauften Pestizids Glyphosat ist laut EU-Verordnung 1107/2009 nur dann möglich, wenn das Pestizid kein Kanzerogen der Klasse 1a oder 1b im Sinne der EU-Verordnung CLP 1272/2008 ist. Konkret bedeutet das: Glyphosat darf in der EU nicht mehr zugelassen werden, wenn in mindestens zwei unabhängigen Tierversuchen ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Pestizid und der Häufigkeit maligner Tumoren feststellbar ist. Nun liegt aber nach Einschätzung der IARC dieser nachweisliche kausale Zusammenhang in allen fünf Mäusestudien vor. Somit wäre ein europaweites Verbot für das weltweit am häufigsten eingesetzte Pestizid unausweichlich. In weiterer Folge müssten dadurch auch die in der EU zugelassenen Höchstmengen von Glyphosat-Rückständen in Lebensmitteln, die in den letzten zehn Jahren schrittweise angehoben worden waren, wieder auf Null herabgesetzt werden. Glyphosat-belastete Lebensmittel – das betrifft fast alle gentechnisch veränderte Lebens- und Futtermittel aus Südamerika und den USA– dürften dann nicht mehr eingeführt werden. „Möglicherweise sind also die erwartbaren handelspolitischen - Stichwort TTIP - und wirtschaftlichen Implikationen eines europäischen Verbots der wahre Hintergrund der kreativen aber keineswegs wissenschaftlich fundierten Risikobewertung durch die europäischen Zulassungsbehörden“, schließt Burtscher: „Doch in Anbetracht eines von der WHO als wahrscheinlich eingestuften Krebsrisikos für den Menschen, das sowohl AnwenderInnen als auch KonsumentInnen betrifft, ist eine solche Vorgehensweise der obersten europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit, nicht nur aus wissenschaftlicher Perspektive sondern auch unter moralischen und ethischen Gesichtspunkten inakzeptabel.“ , so Burtscher abschließend.

1 http://www.pan-germany.org/download/PAN_Germany_Addendum_analysis_09112015.pdf

2 OECD (2012): Guidance Document 116, S. 123: http://www.oecd.org/officialdocuments/displaydocument/?cote=ENV/JM/MONO(2011)47&doclang uage=en