Agrar-Atlas 2019 Cover

Wien/Berlin, am 9. Jänner 2019 - Heute veröffentlicht die österreichische Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000 gemeinsam mit dem BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland), der Heinrich-Böll-Stiftung sowie der Zeitschrift „Le Monde Diplomatique“ den ersten Agrar-Atlas zur gemeinsamen EU-Agrarpolitik mit länderspezifischen Aspekten. 2019 muss das Budget für die Gemeinsame Agrarpolitik der EU (GAP) für die sieben Jahre der nächsten Budgetperiode 2021 bis 2027 fertig verhandelt werden. Der derzeitige Vorschlag zeigt: Es gibt noch viel zu tun, wenn die Landwirtschaft in der EU, aber auch in Österreich, den drängendsten Herausforderungen wie der globalen Klimakrise gewachsen sein soll. Der heute präsentierte Agrar-Atlas liefert zu dieser Diskussion Hintergründe, Fakten und eine gesamteuropäische Perspektive – er wird im Laufe des Jahres in weiteren EU-Ländern veröffentlicht. Alle Länder-Versionen enthalten dabei denselben Grundstock an Artikeln, in dem die Agrarfrage europäisch beleuchtet wird, und ist jeweils mit länderspezifischen Artikeln ergänzt.

Heidemarie Porstner, Landwirtschaftssprecherin von GLOBAL 2000, unterstreicht die Wichtigkeit dieser Diskussion: „Die Landwirtschaft ist eng mit gesellschaftlich relevanten Themen wie Klimakrise, Biodiversität, sauberem Wasser und gesunden Böden verbunden. Es ist absolut notwendig, dass Landwirtinnen und Landwirte in Zukunft für Beiträge zu diesen wesentlichen Bereichen honoriert werden, anstatt den Großteil des Steuergeldes weiter in die Intensivierung der Landwirtschaft zu stecken.“ Bisher fließt das meiste Geld aus den europäischen Agrarförderungen in die so genannten Direktzahlungen.

Falsche Förderpolitik verschärft Probleme
Die so genannten Direktzahlungen sind großteils rein an die Fläche gekoppelt. Die Art der Bewirtschaftung, also ob Umweltschutzmaßnahmen gesetzt werden, spielt hier nahezu keine Rolle. „Das sehen wir als eines der drängendsten Probleme der aktuellen gemeinsamen Agrarpolitik“, sagt Porstner. Und weiter: „Das müsste unbedingt bei der nächsten GAP wirklich ernsthaft angegangen werden, denn wir können es uns nicht mehr leisten, so viel Steuergeld in die Intensivierung zu buttern. Eine zukunftsfähige Landwirtschaft muss ökologischer, sozialer und auch wirtschaftlich nachhaltiger werden.“ Die Folge der Flächenförderung ist nämlich zudem, dass jene Betriebe im wirtschaftlichen Nachteil bleiben, die versuchen, nachhaltig zu produzieren. Die GAP fördert vor allem Hochleistungssysteme in der konventionellen Landwirtschaft, ohne Rücksicht auf die negativen Folgen für die Betriebe selbst oder für die Umwelt - Stichworte Bodenerosion sowie Wasserverschmutzung aufgrund von intensivem Pestizideinsatz. Welche Folgen und Probleme das europaweit mitbringt, dazu liefert der heute präsentierte Atlas prägnante Hintergrundinfos.

Ökologische Maßnahmen bis dato nur in der 2. Säule - Österreich hier Vorreiter
In der zweiten Säule der gemeinsamen Agrarpolitik werden mit entsprechender nationaler Co-Finanzierung ökologische Maßnahmen gefördert. Etwa der Verzicht von Herbiziden im Weinbau oder der Einsatz von Nützlingen statt Pestiziden. Der aktuelle Vorschlag der EU-Kommission sieht jedoch eine Kürzung genau dieser 2. Säule vor. „In Österreich wurde die zweite Säule immer schon stark und engagierter als in anderen Ländern genutzt“, erklärt Porstner, „sie darf nicht gekappt werden!“

Kurzsichtige Förderpolitik
Die Abgeltung ökologischer Schritte ist derzeit reine Aufwandsentschädigung. Eine Stütze des Einkommens bekommen alle Betriebe über die erste Säule, auch ohne große ökologische Maßnahmen. Dabei sollte genau die Einkommenskomponente an ökologische Leistungen geknüpft sein. Porstner: „Die Betriebe arbeiten jetzt schon daran, klimaresistenter zu werden. Und es zeigt sich: ökologische Landwirtschaft in einem funktionierenden Ökosystem ist oft stabiler gegenüber den Folgen des Klimawandels als anfällige Hochleistungssysteme. Eine Förderung der Ökologisierung nicht nur als Aufwandsentschädigung, sondern als echtes Einkommensmodell im Sinne der Leistungen letztlich für die  Gesellschaft, wäre eine wesentlich nachhaltigere Ausgestaltung des Finanzrahmens, für die Betriebe, für die Umwelt, und nicht zuletzt für uns alle.“

Facts & Figures zum Agrar-Atlas:
- Das Budget für die GAP 2014 bis 2020 beträgt jährlich ca. 60 Mrd. Euro, das sind knappe 40 Prozent des EU-Budgets.
- Der derzeitige Budgetvorschlag für 2021 bis 2027 sieht eine GAP von jährlich nur mehr 46 Mrd. Euro vor. Die Kürzung besteht zum einen aus dem Rückgang von 28 EU-Mitgliedsstaaten auf 27 (ohne GB), und zum anderen aus realen Kürzungen. Die GAP wird nur mehr einen Anteil von knappen 30 Prozent am EU-Budget haben.
- Österreich hat in der aktuellen Periode, 2014 bis 2020, 4,8 Mrd. Euro als Direktzahlungen bekommen, plus 3,9 Mrd. für die 2. Säule - Ökologische Maßnahmen und Ländliche Entwicklung (hier hat Österreich durch Co-Finanzierung, auf 7,7 Mrd. aufgestockt)
- 24 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Österreich werden bereits biologisch bewirtschaftet. Damit ist Österreich Europameister.
- Trotz Verlangsamung der Entwicklung haben in den vergangenen sieben Jahren 19.000 Betriebe aufgegeben. Immerhin sieben pro Tag.
- Die Direktzahlungen sollen laut EU-Kommissionsvorschlag auf 100.000 Euro pro Betrieb gedeckelt werden. Diese Deckelung wird als großer Erfolg verkauft, ist laut ExpertInnen nach derzeitigem Stand aber leicht zu umgehen (z.B. durch Teilungen des Betriebs am Papier innerhalb der Familie). Noch steht keine wasserdichte, strenge Lösung des Direktzahlungsproblems im Raum.
- In Österreich entfallen derzeit 58 Prozent der EU-Direktzahlungen auf lediglich ein Fünftel der Empfänger im Land. In der Slowakei ist der Anteil mit 94 Prozent am höchsten, und in Luxenburg mit 48 Prozent am niedrigsten.
- In Österreich liegt der Anteil an den Treibhausgasen bei 10,2 Prozent (im Jahr 2015), im EU-Schnitt liegt der Anteil der Landwirtschaft bei 9,7 Prozent (im Jahr 2016).

Mehr Daten & Fakten zur EU-Landwirtschaft 2019 finden Sie im Agrar-Atlas.
Der Atlas steht hier für Sie zum Download bereit.

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