Wien, am  23. Februar 2015 – AktivistInnen aus Österreich und Tschechien ließen anlässlich des dreißigjährigen Betriebs von Reaktor 1 im tschechischen Dukovany Luftballons vor dem Atomkraftwerk steigen – mittels GPS-Tracker konnte ihre Spur bis nach Österreich verfolgt werden, wo sie bereits nach knapp einer Stunde geortet wurden. „Diese technisch aufwändige Aktion, die erstmals von einer Umweltschutzorganisation durchgeführt wurde, zeigt direkt nachverfolgbar, dass im Ernstfall radioaktive Emissionen schneller über alle Grenzen verbreitet werden, als die Warn-Kette von AKW-Betreiber, Nuklearaufsicht und Warnsystem in vielen Fällen überhaupt reagieren könnte“, sagt Reinhard Uhrig, Atomsprecher der österreichischen Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000. „Wie der schwere Zwischenfall in Dukovany vom November 2014 gezeigt hat, berichteten die AKW-Betreiber vom Bruch der Kühlwasserleitung der Reaktoren 3 und 4 erst mit mehreren Tagen Verspätung. Im Ernstfall wäre das viel zu spät für den Schutz der Bevölkerung.“

Die Luftballons stiegen direkt vor den Reaktoren 1 und 2 in Dukovany auf und flogen mit der Dampf-Schwade der Kühltürme Richtung Süden. Der GPS-Tracker zeigte trotz einer windarmen Wetterlage Spitzengeschwindigkeiten der Ballons von bis zu 68 Stundenkilometern, nach einer Stunde und elf Minuten wurde die Position des ersten Ballons über der Grenze gemessen. Zwischen Horn und Gars am Kamp wurde schließlich der Ballon mit GPS-Tracker lokalisiert und geborgen.

Bevorratung mit Kaliumjodid-Tabletten ausreichend – Schwachpunkt ist Meldegeschwindigkeit durch AKW-Betreiber
Wie sich weltweit bei Übungen, aber auch bei schweren Reaktorunfällen wie in Tschernobyl und Fukushima zeigt, ist der effektive Schutz der Bevölkerung nur durch rasche Einnahme von Kaliumjodid-Tabletten zu gewährleisten. In Deutschland werden diese jedoch nur in einem 25 Kilometer-Radius um die AKW-Standorte prophylaktisch an die Bevölkerung verteilt, in der Schweiz wurde 2013 der Radius auf 100 Kilometer ausgedehnt. „Der Luftballon-Test von GLOBAL 2000 hat gezeigt, wie schnell die Ausbreitung von radioaktiven Stoffen im Ernstfall erfolgt, und wie wenig Reaktionszeit zum Schutz der Bevölkerung bleibt“, so Uhrig weiter. „Das österreichische Bevorratungskonzept zur Versorgung der besonders gefährdeten Gruppe von Kindern und Jugendlichen mit Kaliumjodid-Tabletten ist unserer Meinung nach ausreichend gewährleistet, jedoch bringt diese Maßnahme nur dann etwas, wenn auch der AKW-Betreiber im Falle eines Störfalles sofort Meldung macht, was oftmals nicht geschieht.“

GLOBAL 2000 fordert eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) für den dreißigjährigen Reaktor 1 in Dukovany, dessen Laufzeit um weitere 20 Jahre verlängert werden soll. Eine grenzüberschreitende UVP für Reaktor-Laufzeitverlängerungen ist nach der ESPOO-Konvention der Vereinten Nationen vorgeschriebenes internationales Recht. GLOBAL 2000 hat zusammen mit Partnerorganisationen in Österreich, Tschechien und Deutschland über 60.000 Unterschriften für eine UVP gesammelt und den österreichischen Teil am Freitag an den österreichischen Umweltminister Andrä Rupprechter übergeben. „Gemeinsam mit den tschechischen AktivistInnen machen wir auf die grenzüberschreitenden Auswirkungen von alternden Atomanlagen in Tschechien und in ganz Europa aufmerksam. Radioaktivität kennt keine Grenzen und ist schneller als so mancher Atom-Techniker“, warnt Uhrig abschließend.

Video
Start der Ballons: 11:34, 7 Sekunden
Überquerung der Grenze: 12:45, 10 Sekunden
Karte Ballon-Flug