Wien, am 4.4.2014 – Honigbienen, Wildbienen und andere bestäubende Insekten spielen eine entscheidende Rolle im Ökosystem. Bis zu 90 Prozent der Wildpflanzenarten müssen bestäubt werden und ein Drittel unserer Nahrung hängt von der Bestäubung durch Bienen und andere Insekten direkt ab. Experten diskutierten deshalb bei der GLOBAL 2000 Bienenschutzkonferenz, die am 3. und 4. April in Schönbrunn stattfindet, die Ursachen des seit Jahren andauernden Bienensterbens sowie mögliche Lösungsansätze, um dieses zu stoppen.

Gefahrenquellen: Parasiten, Monokulturen, Pestizide

GLOBAL 2000 Chemiker DI Dr. Helmut Burtscher: „Honigbienen sind ein empfindlicher Bioindikator. Ihr Sterben weist auf eine grundlegende ökologische Schieflage hin, die auch andere Arten massiv bedroht. So ist aktuell jede vierte Hummelart in Europa akut vom Aussterben bedroht, signifikante Rückgänge des Bestandes sind auch bei einer Vielzahl Insekten fressender Vögel zu verzeichnen.“ Weitgehende Einigkeit herrschte unter den Experten, dass die von der EU mit Teilverboten belegten Neonicotinoide hierfür nicht alleine verantwortlich zeichnen. So führen Monokulturen zu einer Verknappung des Nahrungs-Angebots und der Nahrungs-Vielfalt der Bienen, was insbesondere Wildbienen unter Druck setzt. Unbestritten ist auch, dass Parasiten wie die in den 80er Jahren nach Österreich eingeschleppte Varoamilbe entscheidend zum Bienensterben beitragen. „Das Neonicotinoid-Verbot war ein wichtiger erster Schritt in die richtige Richtung. Wir sind zuversichtlich, dass die positiven Effekte dieser Maßnahmen in den kommenden Jahren  spürbar werden“, sagt Burtscher. Gleichzeitig erinnert er daran, dass Im Rahmen des von 2009 bis 2011 von der AGES durchgeführten MELISSA-Bienenmonitorings in den Bienenstöcken von geschädigten Bienenvölkern außer den Neonicotinoiden noch Dutzende weitere Pestizidwirkstoffe nachgewiesen wurden, darunter auch zahlreiche als bienengiftig eingestufte Pestizide.

Die EU-Abgeordnete Karin Kadenbach, die sich 2012 auch in Österreich für ein Neonicotinoid-Verbot stark gemacht hatte, kritisiert, dass derzeit mehrere Mitgliedstaaten der Europäischen Union die EU-weit geltenden Teilverbote von Neonicotinoiden und Fipronil durch sogenannte Notfalls-Zulassungen auf nationaler Ebene umgehen. „Diese nationalstaatlichen Alleingänge führen nicht nur zu ungleichen Wettbewerbsbedingungen bei den europäischen Landwirten, sie drohen auch den Erfolg der in der EU getroffenen Maßnahmen zum Schutz der Bienen zu gefährden“, warnt Kadenbach. Für die österreichische Landwirtschaftspolitik hält Kadenbach in diesem Zusammenhang allerdings Lob bereit. Schließlich widerstand man hierzulande der Versuchung, es unserem deutschen Nachbarn gleich zu tun, und das erst im Vorjahr EU-weit verbotene bienengiftige Fipronil zur Bekämpfung des Drahtwurms bei Erdäpfel wieder zuzulassen.

Für Walter Haefeker, Präsident der europäischen Berufsimker, macht gerade das Beispiel des österreichischen Fipronil-Verzichts deutlich, dass eine bienenfreundliche Landwirtschaft nur dann nachhaltig funktionieren kann, wenn die Partnerschaft von Konsumenten, Imkern und Landwirten ihre Grundlage ist: „Es muss uns allen bewusst sein, dass der Verzicht auf bienengefährliche Pestizide ebenso wie das Bereitstellen von extensiv genutzten Blühflächen eine Mehrleistung der Bauern darstellt, die wir honorieren müssen. Der Ball liegt bei der europäischen Agrarpolitik. Den mit den Geldern aus dem EU-Agrarfördertopf lassen sich die entscheidenden Anreize für die Umstellung auf eine bienen- und umweltfreundlichere Wirtschaftsweise schaffen. Der ökologische und gesellschaftliche Nutzen wird die Kosten in jedem Falle überwiegen.“

„BEE friendly“-Label soll bienenfreundliche Produkte fördern

Den selben Ansatz, allerdings auf marktwirtschaftlicher Ebene, verfolgt das im Rahmen der Bienenschutzkonferenz in Österreich präsentierte Label „certified bee friendly“.Dieses zertifizierte Siegel wurde von Imkern und Landwirten gemeinsam entwickelt, um  landwirtschaftliche Produktionsweisen, die den Bienenschutz gezielt mit einbeziehen, zu fördern und Herstellern die Möglichkeit zu geben, damit öffentlichkeitswirksam zu werben. DI Christian Boigenzahn, Geschäftsführer der „Biene Österreich“, erwartet sich von diesem Label entscheidende Impulse und Anreize, die es den österreichischen Landwirten ermöglichen, ihre Wirtschaftsweise bienenfreundlicher zu gestalten.

Abschließend geht Burtscher noch auf das wichtigste österreichische Lenkungsinstrument zur Förderung einer bienen- und umweltfreunlichen Landwirtschaft ein: das österreichische Programm für umweltgerechte Landwirtschaft ÖPUL. An dem derzeit vorliegenden Entwurf zum ÖPUL, der die österreichische Agrarpolitik bis 2020 prägen wird, lobt Burtscher das dort vorgesehene Bereitstellen bienenfreundlicher und biodiversitätsfördernder Flächen und Blühstreifen in einem Umfang von fünf Prozent der Agrarfläche. Diese Maßnahme stelle eine substantielle Verbesserung des Umweltprogramms und einen wichtigen Beitrag zum Bienenschutz dar. Gleichzeitig vermisst der GLOBAL 2000-Umweltchemiker aber im vorliegenden Entwurf Anreize und Maßnahmen, die den von Landwirtschaftsminister Rupprechter angekündigten Ausstieg aus der Mais-Monokultur begleiten könnten.  Ebenso fehlen bislang klare Einschränkungen bei der Verwendung bienengefährlicher Pestizide. „Der Verzicht auf  Neonicotinoide in einem Programm, das den Schutz von Umwelt und Biene zum Ziel hat, ist aber unbedingt erforderlich. Wir hoffen, dass diese Schwachstellen im vorliegenden Entwurf noch behoben werden und ÖPUL zu einem Instrument wird, das den  Bedürfnissen der Landwirte und der KonsumentInnen ebenso gerecht wird wie den Erfordernissen zum Schutz von Umwelt und Biodiversität“, so Burtscher abschließend.