Wien (13.9.2012) - Seit Frühjahr 2011 ist bekannt, dass das Korneuburger Grundwasser durch das Pestizid Thiamethoxam verunreinigt ist. Bei von GLOBAL 2000 beauftragten Pestizid-Untersuchungen durch das Umweltbundesamt stellte sich nun heraus, dass eine zusätzliche, bislang der Öffentlichkeit nicht bekannt gemachte massive Belastung durch das Herbizid Clopyralid in einem Ausmaß von 57µg/l (Mikrogramm pro Liter) vorliegt.

Beprobungen an einer Filteranlage zeigten zudem, dass das seit dem Frühjahr 2011 im Zuge von Sanierungsmaßnahmen des Pharma-und Pestizidherstellers Kwizda über Sperrbrunnen abgepumpte und in den Donaugraben eingeleitete Wasser ebenfalls große Mengen von Clopyralid (28 µg/l) sowie Thiamethoxam (1 µg/l) enthält. Helmut Burtscher, Umweltchemiker von GLOBAL 2000, betont: „Der Messwert von Clopyralid im Grundwasser entspricht dem 570-fachen des Grenz- bzw. Aktionswerts von 0,1 µg/l, ab dem ein Grundwasser als pestizidbelastet gilt und daher keine Trinkwasserqualität mehr aufweist. Das ist unseres Wissens nach die größte in Österreich bislang bekannt gewordene Pestizid-Grundwasser-Kontamination.“ In diesem Zusammenhang besonders besorgniserregend ist, dass es sich sowohl bei Clopyralid als auch bei Thiamethoxam um Pestizidwirkstoffe handelt, die in der Umwelt nur sehr langsam abgebaut werden und zahlreiche negative Effekte auf das Ökosystem haben.

Pestizide werden ohne behördlichen Bescheid in die Donau gepumpt

Thiamethoxam und Clopyralid sind laut Sicherheitsdatenblatt der Firma Kwizda als „sehr giftig“ bzw. „giftig für Wasserorganismen“ eingestuft. „Dass diese Pestizide dennoch in großer Menge in den Donaugraben und damit in die Donau eingeleitet wurden, ist ein ökologisches Drama“, sagt Burtscher. „Dass diese Einleitung schon seit Ende 2010 praktiziert wurde - ohne wasserrechtlichen Bescheid der verantwortlichen Behörde - macht die Sache keineswegs besser.“

Elisabeth Kerschbaum, Umweltstadträtin von Korneuburg, erhielt auf ihre Anfrage nach der rechtlichen Grundlage dieser Einleitung in ein Oberflächengewässer von der zuständigen Bezirkshauptmannschaft die schriftliche Auskunft, dass für diese Sanierungsmaßnahme eine bescheidmäßige Anordnung nicht erforderlich sei, da die erforderlichen Maßnahmen freiwillig durchgeführt würden. Kerschbaum betont: „Das ist eine sehr eigenwillige Auslegung des "Notfallsparagraphen" (§ 31 Wasserrechtsgesetz), der für "Gefahr in Verzug" gilt. Davon kann aber fast zwei Jahre nach dem Unfall keine Rede mehr sein. Wenn über dem Grenzwert kontaminiertes Wasser von der Firma Kwizda in ein öffentliches Gewässer eingeleitet wird, muss doch die Behörde zumindest festlegen, in welchem Ausmaß das erfolgen darf!“

Rolle der Behörde wirft Fragen auf

Neben dem offensichtlichen Fehlen einer bescheidmäßigen Anordnung besteht auch Aufklärungsbedarf darüber, wie der Wasserrechtsbehörde der Bezirkshauptmannschaft Korneuburg die Kontamination durch Clopyralid so lange verborgen bleiben hat können, wo doch in den vergangenen eineinhalb Jahren im Zuge der Thiamethoxam-Sanierung hunderte Wasseranalysen durchgeführt wurden. „Es ist mir ein Rätsel, wieso die Behörden nicht auf die Idee gekommen sind, das Wasser auch auf andere Pestizide als die ohnehin schon bekannte Kontamination mit Thiamethoxam untersuchen zu lassen“, sagt Burtscher.

Verwunderlich ist zudem, dass die BH Korneuburg immer noch über die Homepage www.korneuburg.gv.at die Brunnenbesitzer informiert, dass das Gießen mit belastetem Grundwasser keine Auswirkungen auf das Wachstum von Pflanzen habe. Richtig ist, dass die bislang bekannte Kontamination durch Thiomethoxam die Schäden an den Pflanzen nicht ausreichend erklärt – dies haben auch Gießversuche von Kwizda bewiesen. Allerdings liefert die von GLOBAL 2000 gefundene Belastung mit Clorpyralid eine schlüssige Erklärung. Burtscher erklärt: „Es ist in meinen Augen ein unverantwortliches Vorgehen, den AnrainerInnen zu 'beweisen', dass ihre Pflanzenschäden nichts mit der Pestizidbelastung zu tun haben, die bereits aufgedeckt wurde – und nicht der Frage nachzugehen, ob etwa eine weitere Kontamination für das Phänomen verantwortlich sein könnte. Im wahrsten Sinne des Wortes müssen die AnrainerInnen sich dadurch 'gepflanzt' fühlen.“

Bereits seit eineinhalb Jahren wissen sogar die höchstzuständigen Stellen im Staat bis hinauf zu Umweltminister Nikolaus Berlakovich aufgrund diverser parlamentarischer Anfragen über die Grundwasserbelastung mit Thiamethoxam in Korneuburg Bescheid. Helmut Burtscher sagt: „Es mir unverständlich, dass sich in dieser Causa beispielsweise Stephan Pernkopf, seines Zeichens Umweltlandesrat von Niederösterreich, im Zuge einer solchen Anfrage zum Thema als nicht zuständig erklärt hat.“

Kritisch sieht Umweltstadträtin Kerschbaum auch die Rolle der Staatsanwaltschaft: Diese hatte eine von Kerschbaum eingebrachte "Anzeige gegen Unbekannt" zurückgelegt. Die Begründung: Ein Zusammenhang mit dem Störfall auf dem Betriebsgelände der Firma Kwizda Agro Leobendorf am 13.08.2010 liege nicht vor und es bestehe auch kein Anfangsverdacht für einen früheren Störfall. Kerschbaum sagt: „Wenn es eine massive Grundwasserbelastung durch Thiamethoxam gibt und diese Kontamination auch noch stromabwärts einer Chemiefabrik auftritt, die dieses Pestizid vertreibt, sollte wohl ein ausreichender Anfangsverdacht vorliegen!“

GLOBAL 2000 fordert:

  • Einen sofortigen Stopp der Einleitung von kontaminiertem Grundwasser in den Donaugraben
  • Sorgfältige Abklärung, ob noch andere Chemikalien das Grundwasser belasten
  • Eine Evaluierung der bisherigen Sanierungsmaßnahmen und eine Erhöhung von deren Effizienz
  • Transparente Information der Öffentlichkeit
  • Eine Untersuchung der Hintergründe des Versagens der zuständigen Behörden und politisch Verantwortlichen
  • Eine klare Identifizierung der VerursacherInnen der Grundwasserkontamination

Die morgige ORF-Sendereihe „Am Schauplatz“ steht ganz im Zeichen der Grundwasserkontamination in Korneuburg. Es waren Recherchen für diese Sendung, die den Anstoß für die gegenständlichen Wasseruntersuchungen von GLOBAL 2000 gaben.

GLOBAL 2000

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