Nicht Stress-Tests, sondern wirtschaftliche Bedenken legen Hochrisiko-Reaktoren still

Wien (27. Februar 2012). Am Mittwoch ist endlich Schluss mit dem Hochrisiko-Atomkraftwerk im englischen Oldbury. Nach 44 Jahren stellt der Magnox-Reaktor 1 der ersten Generation seinen Betrieb ein. „Viel zu spät – bereits 2008 hätte der völlig veraltete und massiv verschlissene Reaktor seinen Betrieb einstellen sollen“, sagt Reinhard Uhrig, Atomexperte von GLOBAL 2000. „Die Schließung wurde nur aus ökonomischen Gründen verschoben – die Nuclear Decommissioning Authority, die den hochradioaktiven Schrott von militärischen und zivilen Atomanlagen im Auftrag der englischen SteuerzahlerInnen übernommen hat, braucht für den Rückbau aller Anlagen geschätzte 83 Milliarden Pfund – da ist jede verkaufte Kilowattstunde Atomstrom willkommener Reibach, auch auf das Risiko eines großen Unfalls hin.“

Die Stilllegung erfolgt jetzt auch aus ökonomischen und nicht aus sicherheitstechnischen Gründen: Durch das nicht standardisierte Reaktordesign der graphit-moderierten, gasgekühlten Magnox-Reaktoren aus den 1950er- und 1960er-Jahren müssen für die AKWs dieser Baureihe jeweils unterschiedliche Brennelemente angefertigt werden – und das rentiert sich nicht mehr. Der Rückbau der Anlage soll laut Betreiber möglichst spät erfolgen, um die hohen Radioaktivitätswerte zunächst abklingen zu lassen – und damit die Kosten für einen teuren, Roboter-gestützten Abriss zu sparen. Erst zwischen 2092 und 2101 soll die Gegend dekontaminiert sein – weitere 90 Jahre lebt die Bevölkerung neben den hochradioaktiven Gebäuden.

44 Jahre Störfälle und Zwischenfälle

Immer wieder kam es bei dem Oldbury-Reaktor und bei baugleichen Magnox-Reaktoren zu Störfällen und Unfällen: 2007 gab es in kurzer Zeit in Oldbury mehrere Zwischenfälle, bei denen zuerst durch den Brand eines Generators und dann durch Vibrationen einer Turbine die Reaktorschnellabschaltung von Reaktor 2 ausgelöst werden musste. „Eine Schnellabschaltung ist vergleichbar der Vollbremsung von einem bis zur Oberkante beladenen LKW auf der Autobahn, von 130 km/h auf 0 – immer wieder kommt es bei solchen Schnellabschaltungen zu Störfällen, bei einem 44 Jahre alten Oldtimer kann man sich die drohenden Gefahren vorstellen“, sagt Uhrig.

Durch die hohen Temperaturen im Reaktor wurde die Masse der Moderator-Blöcke aus Graphit, die die nukleare Kettenreaktion steuern, bereits um ein Drittel verringert, wie Dokumente belegen, die die englische Nuklearaufsicht unter dem „Freedom of Information Act“ veröffentlichen musste. „Wieder und wieder zeigt sich, dass hier Sicherheitsmargen bewusst bis zur Unterkante herabgesetzt wurden und selbst bei Auftreten von massiven Schwierigkeiten so lange die Vorschriften verbogen wurden, bis die Reaktoren wieder weiterlaufen durften“, erklärt Uhrig.

Krebs und Leukämie

Die Magnox-Reaktoren wurden ursprünglich im Sellafield-Calder Hall-Komplex in Nordwest-England eingesetzt – ab 1956 zur Erzeugung von Plutonium für das englische Atomwaffenprogramm. Die dabei entstehende Zerfallswärme musste abgeführt werden – der dabei entstehende Strom war quasi ein Abfallprodukt. In den Reaktoren der ersten Generation wurden Teile des Primärkreislaufs so unzureichend abgeschirmt, dass die Bevölkerung der umliegenden Orte eine Strahlungsleistung von über einem halben Millisievert pro Jahr allein durch die Neutronen- und Gammastrahlung erhielt – ganz zu schweigen von radioaktiven Stoffen, die in die Luft und ins Wasser abgegeben wurden. „Untersuchungen von Prof. Dr. Chris Busby zeigen, dass Chepstow, am Ufer des River Severn gegenüber den Oldbury-Reaktoren, ein elffach erhöhtes Leukämierisiko hat – dies stimmt überein mit Untersuchungen aus Deutschland, die für neuere AKWs ein doppelt so hohes Leukämierisiko für Kinder in der Umgebung bestätigt haben“, so Uhrig. „Brustkrebs- und Prostatakrebsfälle der Umgebung von Oldbury sind ebenfalls signifikant über dem englischen Durchschnitt – und das noch bevor ein schwerer Zwischenfall oder eine Kernschmelze eintritt, wie sie z. B. bei dem Unfall im Magnox-Reaktor Chapelcross 1967 mit der massiven Freisetzung von Radioaktivität geschehen ist.“

Stresstests legen Hochrisiko-Reaktoren nicht still

Der Endbericht der englischen Nuklearaufsicht vom Dezember 2011 empfiehlt zwar einige Nachbesserungen am Oldbury-Reaktor und anderen noch laufenden baugleichen Reaktoren. Diese können aber erst mal weiterlaufen, denn ein Vertreter der Nuklearaufsicht fand keine „fundamentale Schwächen im Design und der Widerstandsfähigkeit“ selbst der ältesten Atoimkraftwerke.

GLOBAL 2000 fordert die sofortige Stilllegung aller Hochrisiko-Reaktoren der ersten Generation sowie von Reaktoren, die über 30 Jahre in Betrieb sind und deren Verschleiß sämtliche Sicherheitsparameter der Anlagen konterkarieren. „Es ist völlig unverantwortlich, hier weiter durch ‚Risk for Cash‘ russisches Roulette mit der Bevölkerung zu spielen“, so Uhrig. „Derzeit würden selbst Magnox-Reaktoren die europaweiten ‚Stresstests‘ mit der Auflage von Nachbesserungen überleben – und weiter ungestört das Leben der Bevölkerung gefährden.“

Karte der Hochrisikoreaktoren und AKWs in Europa: http://www.global2000.at/site/de/wissen/atom/atomeuropa/article-akweuropa.htm