4 Reaktoren parallel im Super-GAU - Verharmlosung durch Nuklearaufsicht und IAEO - Japanische Regierung setzt fahrlässige Grenzwerte

(Wien, 11. Mai 2011) Heute vor zwei Monaten hat das Erdbeben Japan erschüttert und am 12. März brach die atomare Katastrophe in Fukushima los. Die Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000 deckt die größten Verharmlosungen über die nukleare Katastrophe auf. "Viele der Fakten, die versteckt in der Datenflut veröffentlicht wurden, werden gezielt von der japanischen Nuklearaufsicht und der IAEO heruntergespielt und verharmlost und vertuscht: Im Reaktor 3 ist in den letzten drei Tagen die Temperatur um 50 Grad C angestiegen, wenn es hier zu einer weiteren Wasserstoffexplosion kommt, wird Kernbrennstoff und Spaltprodukte weiträumig verteilt. Reaktor 4 droht durch die Explosions- und Löschfolgen einzustürzen. Die IAEO liefert aber bereits seit 5. Mai keine Updates der Katastrophen mehr", warnt Dr. Reinhard Uhrig, Atom-Experte von GLOBAL 2000. "Anders als bei der Tschernobyl-Katastrophe vor 25 Jahren handelt es sich in Japan um vier parallele Super-GAUs - und eine noch nicht absehbare Freisetzungsdauer. Die Betreiberfirma TEPCO ist weit davon entfernt, der Kontaminierung durch gezielte Druckentlastungen und unkontrolliertes Ablassen von Dampf, Brände und Explosionen und dem Auslaufen und Versickern von kontaminiertem Wasser ein Ende zu setzen. Dagegen kann auch der in den letzten Tagen von der japanische Nuklearaufsicht und TEPCO verbreitete Optimismus - es wurden Filteranlagen in Reaktor 1 in Betrieb genommen - nichts ausrichten", so Uhrig.

4 Reaktoren im Super-GAU - Fakten versus Verharmlosungen:

Reaktor 1: Nach der Explosion vom 12. März kommt es hier zur Kernschmelze von mehr als der Hälfte der Brennelemente, die Temperatur im Reaktordruckbehälter ist 124,7 GradC (weit über der Temperatur des sicheren Herunterfahrens von unter 95 GradC), Wasser wird kontinuierlich eingepumpt - versickert oder verdampft aber zum Teil und setzt Radioaktivität frei. Das Containment soll geflutet werden - statt bisher 6000 Liter Wasser pro Stunde werden 8000 Liter pro Stunde eingepumpt. Es ist aber unklar, ob das Containment überhaupt dicht ist - die am 26. April gemessenen extremen Radioaktivitätswerte von 1120 Millisievert pro Stunde (mSv/h) deuten auf Lecks hin, selbst bei den jetzt veröffentlichten Werten von 93 mSv/h erhält ein Arbeiter in 13 Minuten die Jahresdosis eines deutschen AKW-Arbeiters.

TEPCO plant, den Reaktor in sechs bis neun Monaten unter Kontrolle zu bringen - bis dahin wird Radioaktivität freigesetzt.

Reaktor 2: Die Explosion am 15. März verursacht ein Leck im Containment, durch das unkontrolliert Wasser austritt und bis zum 6. April direkt ins Meer läuft. Das Wasser hatte eine Dosisleistung von 1000 mSv/h: in einer halben Stunde würde bei einem Menschen in der Nähe Strahlenkrankheit eintreten. Im Reaktor kommt es zur Kernschmelze von mindestens 30 Prozent der Brennelemente. Wasser wird mit einer Geschwindigkeit von 7000 Litern pro Stunde in den Reaktor gepumpt.

Auch heute ist der Reaktordruckbehälter nicht luftdicht, das Containment soll in den nächsten neun Monaten geflickt werden - bis dahin tritt hochradioaktives Wasser aus oder verdampft (weiße Dampffahne an der Seite des Gebäudes).

Reaktor 3: Eine riesige Explosion setzt am 15. März große Mengen von radioaktivem Material frei, das durch den Wind in Richtung Nordwesten verteilt wird. Es gibt Hinweise darauf, dass es durch die Wasserstoffexplosion zu einer teilweise nuklearen Explosion des Kernbrennstoffs im Abklingbecken gekommen ist, was die viel massivere Explosion im Vergleich zu Reaktor 1 erklären würde (siehe Arnold Gundersens Analyse unter http://vimeo.com/22865967). Die japanischen Behörden geben aber nur Teile der Radioaktivitätsmessungen frei.

Gefahr einer weitere Explosion: In den letzten drei Tagen stieg die Temperatur im Reaktordruckbehälter trotz fortlaufender Kühlversuche um weitere 50 Grad Celsius an - sie liegt heute bei 214,5 GradC. Da der Reaktordruckbehälter nicht luftdicht ist und nicht unter Druck steht (-0.079--0.083MPaG), muss es sich bei der Messung um die Temperatur von Luft im Druckbehälter handeln - oder von Wasserstoff, was die Gefahr einer weiteren Explosion bedeuten würde.

Reaktor 4: Feuer und Explosion am Abklingbecken mit über 1300 Brennelementen: Tausende Liter radioaktiven Wassers verdampfen und versickern jeden Tag. Zwar war Reaktor 4 für Revisionsarbeiten abgeschaltet, hier kam es aber mangels Kühlung zur Explosion im Abklingbecken mit genauso fatalen Folgen und der Freisetzung von großen Mengen Radioaktivität: Bis zu 210 000 Liter Wasser werden täglich auf das jetzt unter freiem Himmel liegende Abklingbecken gespritzt, das noch dazu durch die Explosion undicht geworden ist.

Durch die Explosion und die starke Belastung des Gebäudes durch Kühlwasser besteht akute Einsturzgefahr, was eine Freisetzung von radioaktiven Stoffen aus den beschädigten Brennelementen noch verstärken würde.

Regierung erlaubt Verstrahlung der Bevölkerung

"Die von der Regierung frei gegebenen Schulen und Kindergärten, deren radioaktive Belastung die Kinder mit bis zu 20 mSv pro Jahr verstrahlt, ist kriminell: Jede zusätzliche Belastung muss für Kinder verhindert werden, aber 20 mSv, die gerade noch zulässige Dosis eines deutschen Atomkraftwerks-Arbeiters, für Kinder anzusetzen, ist Wahnsinn", kommentiert Uhrig die von der japanischen Regierung fahrlässig festgesetzten Grenzwerte. "Am 29. April hat der Atomberater der japanischen Regierung, Tohiso Kosako, das getan, was jeder ehrenwerte Wissenschaftler tun muss - er hat das Vorgehen der Regierung scharf kritisiert und ist unter Tränen zurückgetreten", berichtet Uhrig. Die Regierung plant Orte im Umkreis der Reaktorruinen unter einer zu erwartenden Jahresbelastung von 20 mSv nicht zu evakuieren - damit ist die Bevölkerung massiver Verstrahlung ausgesetzt (1mSv ist der Grenzwert in der EU). GLOBAL 2000 fordert die Rücknahme dieser unverantwortlichen Maßnahmen, ein Aufwachen aus dem nuklearen Alptraum und eine sofortige Abschaltung aller Hochrisiko-Reaktoren: www.atomausstieg.at.

Bildmaterial als Beleg sowie eine Übersicht der wichtigsten Ereignisse im AKW Fukushima nach dem 11. März finden Sie auf: http://www.global2000.at/site/de/nachrichten/atom/zusatzinfo/article-fukushimaluegen.htm

 

Kontakt: Simonne Baur,Tel.: +43 699 1 42000 23 Reinhard Uhrig, Tel: +43 699 1 42000 18

presse@global2000.at