Nein zu Glyphosat! Foto: iStockPhoto/fotokostic

Die europäische Nachfrage nach mit Glyphosat behandelten Futtermitteln aus Übersee ist infolge der Wiederzulassung von Glyphosat ungebrochen hoch. Rund dreißig Millionen Tonnen Gen-Soja fließen jedes Jahr in die Massentierhaltung von Rindern, Schweinen und Hühnern in der EU. Eine halbe Million davon landet allein in Österreich. Der Anbau von Glyphosat-resistenten Futtermitteln erfolgt unter massivem Einsatz von Pestiziden. Die Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit sind verheerend. Das erklärt der auf Umweltrecht spezialisierte argentinische Menschenrechtsanwalt Juan Ignacio Pereyra Queles: „Europas Hunger nach Gen-Soja, blindes Profitstreben von Konzernen, und das fehlende Rechtsbewusstsein argentinischer Behörden führen dazu, dass wir heute Pestizide in Flüssen, im Trinkwasser, in Regen, Luft und Nahrung, und im Blut der Menschen finden“.

Damián Verzeñassi, Vorstand des Umweltmedizinischen Instituts der Medizinischen Universität von Rosario, ergänzt: „Seit der Gensoja-Anbau Ende der 90er-Jahren eingeführt wurde, treten Atemwegserkrankungen, Hautkrankheiten und Störungen des Hormonhaushalts in einem zuvor nicht gekannten Ausmaß auf. Die Häufigkeit von Krebs, Fehl- und Missgeburten hat sich in den Anbauregionen innerhalb von zehn Jahren praktisch verdoppelt. Über diese dramatischen Zahlen haben wir gestern das österreichische Landwirtschafts- und Gesundheitsministerium informiert.“

Europäische und österreichische Verantwortung

Der EU-Abgeordnete Thomas Waitz, von Beruf Biolandwirt und Imker, erinnert daran, dass das EU-Parlament bereits 2017 auf Initiative der Europäischen Grünen fraktionsübergreifend auf ein EU-Verbot von Glyphosat bis spätestens 2022 gedrängt hat. Was damals am Widerstand der EU-Kommission und einzelner Mitgliedstaaten scheiterte, könnte dennoch bald Realität werden: „Die Tage von Glyphosat in Europa sind gezählt, und damit auch jene für den Import von Gensoja. Diesen Eindruck nehme ich aus den Diskussionen im Sonderausschuss zu Pestiziden des EU-Parlaments mit“, erklärt Thomas Waitz: „Österreich täte gut daran, schon heute Vorkehrungen zu treffen für eine Landwirtschaft, die ohne Glyphosat-haltige Pestizide im Pflanzenbau und ohne Glyphosat-belastete Futtermittel in der Tierzucht auskommt. Die Zulassung in der EU trotz Krebswarnung der WHO hat einen Diskussionsprozess ausgelöst. Im EU-Sonderausschuss zu Pestiziden haben wir Schwächen des gegenwärtigen Zulassungssystems erkannt und zeigen Lösungswege auf, die in einem Berichtsentwurf, der bis Jahresende abgestimmt wird, zusammengefasst sind. Wenn also in zwei Jahren das Pflanzengift Glyphosat erneut am Prüfstand steht, werden die ‚Sicherheitstudien‘ der Industrie wohl gründlicher durchleuchtet werden als das bisher der Fall war!“

Geheimhaltung von Industriestudien bald Geschichte?

Eine jener geplanten Neuerungen, die das EU-Zulassungsverfahren revolutionieren könnten, ist die verpflichtende Offenlegung aller Industriestudien. Einen entsprechenden Gesetzesvorschlag hat die EU-Kommission im April diesen Jahres als Antwort auf die von GLOBAL 2000 mitorganisierte Europäische Bürgerinitiative ‚Stop Glyphosat‘ präsentiert. Berichterstatterin für diesen Gesetzesvorschlag im Landwirtschaftsausschuss des EU-Parlaments ist die österreichische EU-Abgeordnete Karin Kadenbach (SPÖ): „Die BürgerInnen haben das Recht, genau zu wissen, was auf ihren Tellern landet. Ihr Vertrauen in die Bewertung möglicher Gesundheitsrisiken hat in den letzten Jahren massiv gelitten. Bürgerinitiativen wie ‚Stop Glyphosat‘ zeigen aber schon Erfolg. Im EU-Parlament kämpfen wir nun dafür, dass die bislang geheimen Studien der Industrie endlich von Gesetzes wegen veröffentlicht werden. Unabhängige Wissenschaftler müssen die Möglichkeit haben, die Entscheidungen der EU-Behörden zu überprüfen. Zulassungen müssen auf Basis eindeutiger und überprüfbarer wissenschaftlicher Belege erfolgen.“

Europäische Bürgerinitiative appelliert an Rat und EU-Parlament

Einer der Initiatoren von ‚Stop Glyphosat‘ ist GLOBAL 2000-Umweltchemiker Helmut Burtscher-Schaden: „Der Vorschlag für mehr Transparenz liegt nun am Tisch. Er enthält viele positive Ansätze, doch der Teufel steckt im Detail. Unklare Formulierungen im Gesetzestext könnten zu missverständlichen Interpretationen führen.“ Vor diesem Hintergrund appellieren die Organisatoren der Europäischen Bürgerinitiative ‘Stop Glyphosat‘ in einem gemeinsamen Positionspapier an das EU-Parlament und die Mitgliedsstaaten, die den Vorschlag derzeit unter österreichischer Präsidentschaft verhandeln: Der Gesetzesvorschlag muss in jenen Punkten, die zu Missinterpretationen einladen, nachgeschärft werden. Gleichzeitig muss eine Verwässerung der positiven Elemente des Vorschlags verhindert werden. Nur so kann die EU das verlorene Vertrauen in ihr Zulassungssystem zurückgewinnen.