Wien, am 23. April 2015 – Die Aussage des Jagdreferenten des Landes Kärnten, Christian Ragger, er gehe davon aus, dass das Görtschitztaler Wild auch weiterhin nicht belastet sein werde, da es auch schon in bisherigen Untersuchungen keine Grenzwertüberschreitungen bei Rot- und Rehwild gegeben habe, machen in erschütternder Weise das Versagen des Landes Kärnten beim Management des HCB-Skandals im Görtschitztal deutlich.

Helmut Burtscher, Umweltchemiker von GLOBAL 2000, erklärt: „In allen bislang vom Land Kärnten organisierten Expertenrunden zu HCB wurde von NGOs und Vertretern der Medizinischen Universität Wien übereinstimmend festgestellt, dass die leider veralteten gesetzlichen Grenzwerte für HCB in Lebensmitteln für die bereits mit HCB belasteten Menschen im Görtschitztal bei weitem keinen ausreichenden Schutz bieten. Es ist erschütternd, dass rund ein halbes Jahr nach Bekanntwerden des HCB-Skandals, die meisten Betroffenen – darunter Bauern und Direktvermarkter – und sogar politische EntscheidungsträgerInnen des Landes Kärnten offenbar nicht über diesen Sachverhalt informiert worden sind.“

Professor Kundi, der mit der HCB-Causa vom Land Kärnten und dem Gesundheitsministerium beauftragte Gesundheitsexperte von der Medizinischen Universität Wien, ergänzt: „HCB hat die Eigenschaft, dass es sich im Körper des Menschen anreichert, wenn die tägliche Aufnahmemenge größer ist als die Menge, die ausgeschieden wird. Untersuchungen haben gezeigt, dass die BewohnerInnen des Görtschitztals im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung höhere HCB-Werte im Blut aufweisen. Damit diese Werte wieder auf normales Niveau absinken können, bedarf es entschiedener Maßnahmen zur Reduktion der Aufnahme dieses Umweltschadstoffes. Die gesetzlichen Grenzwerte können hier keinesfalls die Messlatte sein.“

Das Gesundheitsrisiko durch die regelmäßige Aufnahme geringer Mengen eines Pestizidwirkstoffs wird durch den sogenannten DTA -Wert (DTA=Duldbare Tägliche Aufnahme) beschrieben. Wird diese duldbare tägliche Aufnahme über einen längeren Zeitraum überschritten, lässt sich ein Gesundheitsrisiko nicht mehr mit Sicherheit ausschließen. Überschreitungen des DTA gelten aus Sicht des vorsorglichen Gesundheitsschutzes daher als nicht akzeptabel. Für jeden zugelassenen Pestizidwirkstoff existiert ein von der EU-Kommission festgelegter DTA-Wert, nicht aber für HCB, da dieser Pestizidwirkstoff keine EU-Zulassung hat, sondern weltweit verboten ist. Die österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) hat aber aufgrund des wiederkehrenden Nachweises geringer Mengen von HCB in österreichischen Kürbiskernen im Jahr 2008 eine Risikobewertung durchgeführt und eine duldbare tägliche Aufnahme von 0,01 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag festgelegt. Der gesetzliche Höchstwert in der Europäischen Union für HCB in Fleisch hingegen beträgt 200 Mikrogramm pro Kilogramm.

Wird dieser Höchstwert ausgeschöpft, darf ein Erwachsener mit einem Körpergewicht von 60 Kilogramm auf Grundlage des von der AGES festgelegten DTA täglich nicht mehr als drei Gramm(!) von diesem Fleisch konsumieren, da sonst die duldbare tägliche Aufnahme überschritten wird. Für Kinder liegt die duldbare tägliche Aufnahme entsprechend ihres Körpergewichts noch niedriger.

In Wild aus dem Görtschitztal wurden im Vorhjahr HCB-Belastungen rund um den gesetzlichen Grenzwert gemessen. Derartige Belastungen sind für die BewohnerInnen des Görtschitztals offenkundig nicht akzeptabel.

GLOBAL 2000 fordert vom Land Kärnten:

- Festlegung eines eigenen Maximalwerts für HCB in Produkten aus dem Görtschitztal, der den Schutz der Bevölkerung gewährleistet

- Kontrolle der Einhaltung dieses Maximalwerts durch die Lebensmittelüberwachung und zeitnahe Veröffentlichung der Untersuchungsergebnisse

- Engmaschige Kontrolle für Wild aus dem Görtschitztal

- Informationsoffensive für die BewohnerInnen des Görtschitztals