Landreport deutsch

Unser dritter Teil der Ressourcen-Reihe: „Kein Land in Sicht“ beleuchtet den enormen Landbedarf Europas und dessen katastrophale Folgen. Um Europas Bedarf an Lebensmitteln und Konsumgütern zu befriedigen, werden jährlich allein etwa 120 Millionen Hektar an landwirtschaftlich genützter Fläche außerhalb von Europa benötigt – dies entspricht der Größe Skandinaviens (inklusive Finnland) oder 14-mal der Größe Österreichs. Das hat dramatische Folgen für Menschen und Ökosysteme.

„Nicht nur für die Erzeugung von landwirtschaftlichen Produkten wird Land benötigt. In all unseren Konsumgütern ist indirekt Land enthalten, das für die Erzeugung genutzt wurde“, sagt Lisa Kernegger, Ökologin bei GLOBAL 2000 und Ko-Autorin des Berichts: „Für die Erzeugung einer Tasse Kaffee werden 4,3 Quadratmeter Land benötigt. Die Fertigung eines Laptops schlägt sich mit 10 Quadratmetern Land zu Buche.“ Diese indirekte Landnutzung – die auch als „virtuelles“ Land oder als „Land-Fußabdruck“ bezeichnet wird – ist den wenigsten bewusst. Das Dramatische dabei ist die Tatsache, dass die negativen Umweltauswirkungen dieser massiven Landnutzung in die Erzeugerländer ausgelagert werden: Böden werden überdüngt und ausgelaugt, giftige Pestizide belasten die Umwelt, unberührte Waldflächen werden in Agrarland umgewandelt.

Stephan Lutter, Experte für nachhaltige Ressourcennutzung bei SERI und leitender Autor des Berichts, erklärt: „Weltweit entspricht die Größe des von Ackerflächen bedeckten Landes dem halben asiatischen Kontinent. In den vergangenen fünfzig Jahren wuchsen diese Flächen um fast zwölf Prozent an. Gleichzeitig benötigen wir aber auch immer mehr Land für Siedlungsflächen, Infrastruktur, Industrie, etc. Jede Zunahme einer dieser Landnutzungen wird also auf Kosten der anderen oder der Umwelt gehen.“ Durch die vielfältigen Handelsverflechtungen ist Europa stark von Land in anderen Erdteilen abhängig, besonders in Form von Produkten, die auf Flächen in China und Indien produziert werden und dann nach Europa gelangen. Einige der nach Europa exportierenden Länder können jedoch nicht einmal die Produktion von Grundnahrungsmitteln und die Gewinnung von Ressourcen auf den eigenen Flächen sicherstellen. Die Nachfrage in Europa steht somit in Konkurrenz zur Selbstversorgung.

Der zunehmende Hunger nach Land zur Befriedigung des Konsums zeigt sich außerdem oft im so genannten „land grabbing“, auf Deutsch „Landraub“. Darunter versteht man, dass von der lokalen Bevölkerung bestellte Flächen (die oft aufgrund des Gewohnheitsrechts in deren Besitz sind) von außenstehenden Parteien wie nationalen Eliten, Regierungen oder nationalen und internationalen Unternehmen angeeignet werden. Diese Flächen stehen dann der lokalen Bevölkerung nicht mehr zur Verfügung.

Die Nutzung von Flächen anderer Länder birgt für die EU aber auch Risiken: Die Abhängigkeit von Land, das außerhalb Europas liegt, macht den Staatenbund anfällig für Preisfluktuationen und Preisanstiege, insbesondere wenn dieses Land in politisch oder wirtschaftlich instabilen Staaten liegt. „Folglich bergen Inanspruchnahme und Export von Land ein hohes Risiko, das zu Destabilisierung, lokalen Konflikten und Versorgungsengpässen führen kann“, erklärt Kernegger.

Um den Land-Fußabdruck Europas zu reduzieren, bedarf es sowohl der Politik und Wirtschaft als auch der BürgerInnen in den Mitgliedsstaaten. „Es ist sehr wichtig, dass wir alle unseren Gesamtkonsum drastisch senken. Dazu gehört insbesondere auch ein Umdenken in Sachen Fleischkonsum, da die Nutztierhaltung besonders große Flächen beansprucht“, betont Kernegger: “Doch man darf die Verantwortung nicht den BürgerInnen alleine überlassen. ‚You can’t manage what you can’t measure‘ – politische Strategien müssen die Bemessung des Land-Fußabdrucks beinhalten, um dann effektive Maßnahmen für eine Reduktion der Landnutzung innerhalb Europas und in anderen Erdteilen zu gestalten“, fordern Lutter und Kernegger einstimmig.