Publikation, 20.09.2021

Pestizide im Schlafzimmer

Wir haben den Hausstaub von 21 EU-Ländern auf Pestizide untersucht und allerhand Rückstände gefunden.

Hatten Sie als Kind auch Angst vor Monster unter Ihrem Bett? Vielleicht lagen Sie damit gar nicht so falsch. Auch wenn diese "Monster" keine Fangzähne und hässlichen Fratzen haben, so haben sie doch das Potential uns Menschen krank zu machen. Die Rede ist von Pestiziden, die sich bis in unser Schlafzimmer verirren.

Wir haben in 21 EU-Ländern Stichproben von Hausstaub aus Schlafzimmern genommen und auf Pestizide untersucht. Ein Bereich, in dem man diese Chemikalien wohl am wenigsten vermuten würde. Doch unsere Untersuchung zeigt, dass Pestizide sogar in einen Wohnbereich gelangen, in dem wir viele Stunden des Tages verbringen.

Schlafzimmer mit Füßen die aus dem Bett ragen

Doch wie kommen die Chemikalien dorthin? Beim Versprühen von Pestiziden gelangt ein Teil davon in die Luft und wird durch den Wind in die Umgebung verblasen. So landen Pestizide auch in Wohngebieten. Vor allem Menschen, die am Land in der Nähe von intensiv landwirtschaftlich genutzten Flächen wohnen, sind dadurch besonders gefährdet.

Wir haben deshalb untersucht, wie pestizidbelastet Schlafzimmer in ländlichen Regionen sind. BewohnerInnen intensiv-landwirtschaftlicher Gebiete zogen mit der Unterstützung von Partner-NGOs aus 21 EU-Mitgliedsstaaten Hausstaub-Proben in ihren Schlafzimmern. Als anerkannter Indikator für die Luftschadstoffbelastung in Innenräumen wurden die Hausstaub-Proben in einem spezialisierten Labor in Frankreich auf Rückstände von 30 in der EU verwendeten Pestiziden untersucht.

Studie downloaden

Diese Studie wurde von den Organisationen der Europäischen Bürgerinitiative "Bienen & Bauern retten" initiiert und durchgeführt.

Bis zu 23 verschiedene Pestizide 

Im Durchschnitt waren die 21 untersuchten Schlafzimmer mit acht Pestiziden je Probe belastet. Der höchste gefundene Wert lag bei 23 Wirkstoffen in der Probe aus Belgien, der niedrigste bei nur einem Pestizidwirkstoff in Malta. Pestizide, die laut EU-Behörden im Verdacht stehen, bei Menschen Krebs zu erzeugen, waren in jeder vierten Probe nachweisbar. Bekannte Cholinesterase-Hemmer fanden wir in jeder dritten Probe. Und Pestizide, die im Verdacht stehen, die menschliche Fortpflanzung zu schädigen, wurden in 17 der 21 Schlafzimmerproben (81 %) gefunden. 

Diagramm: Anzahl der nachgewiesenen Pestizidwirkstoffe je Probe

Diese Ergebnisse sind besorgniserregend, denn sie legen einen möglichen Zusammenhang zwischen der Belastung von Wohnräumen mit gefährlichen Pestiziden, schlechteren Gesundheitsindikatoren der BewohnerInnen (DNA-Schädigung, oxidativer Stress und Cholinesterase-Hemmung) und einem erhöhten Risiko für Krebs, Fortpflanzungsschäden und andere chronische Beeinträchtigungen nahe.

12 Pestizide in Österreichs Schlafzimmer-Staub

In der österreichischen Staubprobe wurden 12 verschiedene Pestizide gefunden. Insgesamt war die Probe aus dem heimischen Schlafzimmer mit 683ng/g Pestiziden belastet. 

Diagramm: Gefundene Pestizide in der österreichischen Staubprobe

Zwei der in Österreich nachgewiesenen Pestizide (Spiroxamin, Fluazinam) stehen unter Verdacht die menschliche Fortpflanzung zu schädigen und Missbildungen beim ungeborenen Kind hervorzurufen. Drei weitere (Fluazinam, Metolachlor & Pendimethalin) haben das Potenzial, unser Hormonsystem zu schädigen.

Warum Pestizide im Schlafzimmer beunruhigend sind

Wer am Land in der Nähe von intensiv landwirtschaftlich genutzten Flächen wohnt, hat ein höheres Risiko für Krebserkrankungen, Fehlgeburten und Missbildungen, kognitive Beeinträchtigung und andere Krankheiten. Das berichten zahlreiche Studien aus verschiedenen Ländern. Je näher der Wohnsitz an pestizid-behandelten Flächen lag, desto höher waren die bei den BewohnerInnen gefundenen Werte für DNA-Schädigung, oxidativen Stress und verminderte Cholinesterase-Aktivität. 

Gleichzeitig stehen einige breit eingesetzte Pestizide bei Wissenschaft und/oder europäischen Regulierungsbehörden im Verdacht, krebserregende, erbgutschädigende oder fortpflanzungsschädigende Eigenschaften zu haben. Andere Pestizide wiederum zeigen in Laborstudien DNA-schädigende Effekte oder sind bekannte Cholinesterase-Hemmer.

Aus diesem Grund fordern wir eine groß angelegte repräsentative Untersuchungen durch staatliche Behörden.