Neuigkeit, 25.07.2019

CRISPR - sagen Sie niemals Gentechnik dazu

Wie die Saatgut-Industrie neue Begriffe erfindet und versucht, die Gentechnik-Regulierung zu umgehen

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum selbst langjährige Gentechnik-KritikerInnen plötzlich begeistert von CRISPR sind? Warum kleine ZüchterInnen und sogar LandwirtInnen hoffnungsvoll von den "Neuen Züchtungstechniken" sprechen? Haben Sie sich auch schon mal gefragt, woher all die tollen Versprechen kommen? Jeder und jede scheint mit CRISPR und Co. die eigenen Wünsche erfüllt zu bekommen. Keiner denkt dabei an Gentechnik!

Und das, obwohl seit dem 25. Juli 2018 durch den EuGH (C-528/16 - Urteil) bestätigt und damit ganz klar geregelt ist: CRISPR, TALEN, Zink Finger Nuklease (ZFN), Oligonucleotide Directed Mutagenesis (ODM), all die so genannten "Gene Editing"-Techniken sind Gentechnik. Das bedeutet sie müssen...

... nach dem EU-Gentechnik-Gesetz (EU-Richtlinie 2001/18) reguliert werden
... auf ihre potentiellen Risiken für die Umwelt oder unsere Gesundheit geprüft werden
... bei Zulassung als Gentechnik gekennzeichnet werden

Deshalb muss im Zusammenhang mit CRISPR und Co. korrekter Weise von (Neuer) Gentechnik gesprochen werden.

Das gefällt der Gentechnik-Industrie nicht. Das EuGH-Urteil stört ihre Strategie, die neuen Techniken mit fantasievollen Begriffen zu benennen und sie damit aus der Gentechnik-Regulierung raus zu halten. Damit das gelingen kann, hat der Dachverband der Saatgut-Industrie 2017 einen Kommunikations-Leitfaden verfasst.

"Erzählen Sie von Innovation, aber sagen Sie niemals "Gentechnik" zu CRISPR"

So oder so ähnlich könnte der Untertitel jenes Kommunikationsleitfadens lauten, der GLOBAL 2000 im Februar 2017 zugespielt wurde. Verfasst wurde er von der International Seed Federation (ISF). Unter dem Dach des weltweiten Verbandes befinden sich namhafte Agrar- und Gentechnik-Konzerne wie Bayer - der im Sommer 2018 den Gentechnik-Riesen Monsanto aufgekauft hat - Syngenta, Dow Agroscience oder DuPont Pioneer. Der Leitfaden bildet die Basis für eine breit angelegte Offensive, möglichst viel Positives über CRISPR und Co. zu erzählen. Mögliche Risiken werden beiseite geschoben.

Das Konzept ist einfach:

  • Das politische Ziel lautet: CRISPR und Co. sollen nicht als Gentechnik reguliert werden.
  • Über neue Begriffe soll davon abgelenkt werden, dass es sich bei CRISPR oder anderen Gene Editing-Techniken um Gentechnik handelt. Nach dem Motto: Was nicht Gentechnik heißt, muss auch nicht als Gentechnik reguliert werden.
  • So wird der Begriff "Plant Breeding Innovation" eingeführt. Er soll suggerieren, dass es sich bei den Methoden einfach um Züchtung handelt. Schneller, präziser zwar und innovativ, aber im Grunde nichts anderes als Züchtung. Und die haben wir Menschen ja schon seit Jahrtausenden betrieben. Im Deutschen hat sich inzwischen der Begriff "Neue Pflanzenzüchtungstechniken" verbreitet.
  • Zielgruppen werden identifiziert, die eine Schlüsselrolle in der Debatte spielen sollen: Regierungsmitglieder, PflanzenzüchterInnen, Forschungseinrichtungen, Handelsunternehmen, KonsumentInnen und vor allem LandwirtInnen.
  • Jeder und jede soll die Versprechen hören, die ihn oder sie besonders überzeugen.

Trotz des klaren EuGH-Urteils geht die Offensive der Gentechnik-Industrie weiter. Jetzt hofft man, die Gene Editing-Techniken wieder aus der EU-Gentechnik-Richtlinie raus zu bekommen.

Warum wollen Gentechnik-Konzerne die Regulierung um jeden Preis vermeiden?

  • Die Erfahrungen mit der alten Gentechnik sind negativ. Bis heute lehnen die meisten Menschen in der EU Gentechnik ab. KonsumentInnen greifen immer häufiger zu Lebensmitteln, die "Ohne Gentechnik hergestellt“ sind.
  • LandwirtInnen greifen lieber zu gentechnikfreiem Saatgut. In der EU werden bis heute gerade mal 0,1 Prozent der Agrarflächen mit Gentechnik bestellt.
  • Die Klassifizierung als Gentechnik bedeutet eine Regulierung unter der EU-Gentechnik-Richtlinie 2001/18. Das bedeutet:
    • Potentielle Risiken, die für die Umwelt oder unsere Gesundheit entstehen könnten, müssen überprüft werden.
    • Ein Zulassungsverfahren muss durchlaufen werden.
    • Saatgut, Futter- und Lebensmittel müssen als Gentechnik gekennzeichnet werden.

CRISPR: ein Segen für Umwelt - Bauern - Konsumenten?

Zurück zum Leitfaden der Gentechnik-Saatgut-Industrie. Um CRISPR möglichst vielen Menschen schmackhaft zu machen, wurden drei Kernbereiche identifiziert, die von den "innovativen Methoden" besonders profitieren sollten.

KonsumentInnen:

Menschen möchten sich gesund ernähren. Frische Lebensmittel, die man sich leisten kann, sind nicht immer selbstverständlich. Da hilft "Plant Breeding Innovation". Die Gentechnik-Saatgut-Industrie verspricht:

  • Lebensmittel bleiben länger frisch.
  • Sie sind nährstoffreicher.
  • Wir werden uns alle gesunde Lebensmittel leisten können.
  • Die "Innovative Pflanzenzüchtung" trägt zu besserer Gesundheit und mehr Wohlbefinden bei. Sie hat das Potential, unsere Lebensqualität zu verbessern.
  • Glutenfreies Getreide, allergenarme Lebensmittel wären denkbar.

Bauern und Bäuerinnen:

Ihnen wird versprochen, dass sich ihr Leben mit CRISPR und Co. erheblich erleichtern wird. Mit "Plant Breeding Innovation" könnte demnach Folgendes möglich werden:

  • Besseres Saatgut bringt stabile Ernten trotz Klimawandel.
  • Pflanzen können sich gegen Krankheiten und Schädlinge selber wehren.
  • Es braucht also weniger Pestizide und weniger Betriebsmitte.
  • Qualitätssaatgut kann schneller und günstiger hergestellt werden. Und es wird den Bedürfnissen der LandwirtInnen besser gerecht.
  • Das neue Saatgut kann dem Klimawandel trotzen und Wetterextremen Stand halten.
  • Mit dem neuen Saatgut können unsere LandwirtInnen 2050 neun Milliarden Menschen ernähren.

Umwelt:

UmweltschützerInnen sollten es schwer haben, den Versprechen der "Plant Breeding Innovation" etwas entgegen zu halten:

  • Man könnte große Mengen an Pestiziden einsparen.
  • Durch bessere Ernten könnte man Platz sparen und den Boden schonen.
  • Weniger Platzbedarf bedeutet, dass man weniger Wälder roden müsste
  • und das wiederum wäre gut für die Artenvielfalt und das Klima.
  • Land, Treibstoff, Arbeitskraft, Wasser, all das könnte effizienter eingesetzt werden, weil sich die Ernten verbessern.

Wer könnte diesen Versprechen wohl widerstehen?

"Vermitteln Sie, wie aufregend Sie die Möglichkeiten der "Innovativen Pflanzenzüchtung" finden."

Diese Empfehlung gibt der Leitfaden seinen AdressatInnen mit. Und ein paar weitere interessante Aussagen werden formuliert, denen man seither so oder in leichter Abwandlung begegnet, wenn es um CRISPR und Co. geht:

  • CRISPR funktioniert wie eine „Gen-Schere“
  • CRISPR schneidet präzise
  • Die Ergebnisse sind nicht von jenen der konventionellen Züchtung unterscheidbar
  • Züchtung wird mit CRISPR und Gene-Editing effizienter
  • ZüchterInnen können damit mehr Vielfalt bereit stellen
  • Die kleinen Veränderungen (Mutationen), die mit CRISPR herbeigeführt werden, könnten genau so auch in der Natur passieren
  • WissenschafterInnen arbeiten bereits an Pflanzen wie Mais, Soja, Raps, Reis oder Weizen, die mithilfe von CRISPR trockenheits- und krankheitsresisten sein werden
  • CRISPR kann helfen, die Welt zu ernähren und dem Klimawandel beizukommen - ohne wird es schwierig

Die EU-Gentechnik-Richtlinie stört

Unter dem Vorwand, man müsse sich doch global auf ein "einheitliches Vorgehen" einigen, versucht die Gentechnik-Lobby, die neuen Gentechniken wieder aus dem EU-Gentechnik-Gesetz raus zu bekommen. Denn weltweit gibt es nicht viele Regionen, die so klar und stark im Sinne der Umwelt regulieren wie die EU. Ein lockerer Umgang mit der neuen Gentechnik käme den Gentechnik-Konzernen da gelegen. In dem Leitfaden werden verschiedene Zielgruppen vorgeschoben, die "eine klare Regelung" bräuchten. Gemeint ist damit nicht die klare Regelung, wie sie der EuGH 2018 herbei geführt hat. Gemeint ist eine Deregulierung von CRISPR und Co. - im Sinne der Gentechnik-Konzerne.

Folgende Argumente werden vorgebracht:

  • PflanzenzüchterInnen bräuchten klare rechtliche Rahmenbedingungen.
  • Der weltweiten Handel mit Saatgut müsse erleichtert werden.
  • Es sollten keine Handelsbarrieren aufgebaut werden.
  • Unterschiedliche Regelungen würden ZüchterInnen in der EU in einen Wettbewerbsnachteil bringen.
  • Wenn Produkte in verschiedenen Ländern unterschiedlichen Anforderungen unterliegen, würde dies Investitionen und Forschungskooperationen einschränken.
  • Die Sortenzulassung unterliege ohnehin bereits jetzt strengen Regeln, eine weitere Regulierung sei nicht notwendig.
  • Jede Über-Regulierung würde dazu führen, dass es länger dauert, bis neue Sorten entwickelt werden.

Eine ausführliche Auseinandersetzung, wie es tatsächlich um die Neue Gentechnik bestellt ist, bietet der Faktencheck der IG Saatgut.

Die Euphorie um CRISPR und Co. kommt also aus Richtung der Gentechnik-Konzerne

Vielen, die sich mit der Thematik in den vergangen Jahren befasst haben, sind diese oder ähnliche "Argumente", in der einen oder anderen Form, im einen oder anderen Kontext schon begegnet. Warum GLOBAL 2000 sie hier noch einmal so detailliert anführt? Wir wollen, dass Sie wissen, woher diese Versprechen kommen. Sie wurden geschrieben und herausgegeben vom Internationalen Verband der Saatgutindustrie, der alle wichtigen Gentechnik-Konzerne eint. Es ist klar, dass dieser Verband vor allem die Interessen seine Mitglieder vertritt.

Ob es nun in den kommenden Jahren wirklich zu bahnbrechenden Entwicklungen mit CRISPR oder einer der anderen Neuen Gentechniken kommen wird, können wir aus heutiger Sicht nicht beantworten. Wir werden dann aber froh sein, dass es eine starke EU-Gentechnik-Gesetzgebung gibt, die uns in der Zwischenzeit erlaubt, es sogar einfordert, dass auf mögliche Risiken für die Umwelt und unser aller Gesundheit bedacht genommen wird.

Hier finden Sie das Originaldokument der International Seed Federation: How to talk about Plant Breeding Innovation