Ausgepackt: Über den Zusammenhang von Plastikverpackungen und Lebensmittelabfällen

Die Fülle an verfügbaren Lebensmitteln und die vergleichsweise niedrigen Ausgaben der Haushalte dafür sind wohl als Erfolge des europäischen industrialisierten Nahrungsmittelsektors zu werten. Diese Vorteile gehen jedoch mit Ineffizienz und großen Mengen an Lebensmittelabfällen einher. Kunststoffverpackungsabfälle sind ein weiteres Beispiel dafür, dass unser Nahrungsmittelsystem nicht effizient funktioniert. Kunststoffverpackungen, besonders jene aus Einwegplastik, unterstützen unsere bequeme „to go“-Kultur und verlängern in manchen Fällen die mögliche Lagerdauer von Lebensmitteln. Es zeigte sich jedoch, dass das Aufkommen sowohl von Plastikverpackungsabfällen als auch von Lebensmittelabfällen steigt.

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Die meisten Lebensmittelverpackungen sind nicht kreislauffähig, das heißt der Großteil wird nur einmal verwendet. Dies wird durch die niedrigen Wiederverwendungs- und Recyclingquoten sowie die dadurch verursachte Umweltverschmutzung deutlich. Europas Plastikmüllexport sowie ein wachsender globaler Markt für verpackte Lebensmittel sorgten dafür, dass die sozioökonomischen und ökologischen Auswirkungen von Plastikverpackungsabfällen zu einem globalen Problem wurden.

Kunststoffverpackungen im Lebensmittelsystem

Die Herausforderung sowohl Lebensmittelabfälle als auch Kunststoffverpackungsabfälle zu reduzieren muss in Angriff genommen werden, angefangen bei der Rolle von Kunststoffverpackungen im Lebensmittelsystem:

  • Lebensmittelabfälle haben verschiedene Ursachen und treibende Faktoren - Manche Verpackungen schützen Nahrungsmittel und erhöhen ihre Lagerfähigkeit. Manch andere wiederum sorgen nur dafür, dass die Menge an Nahrungsmittel und Verpackungsabfällen weiterhin wächst. Es gibt viele Gründe, warum es zu Lebensmittelabfällen kommt: Einer davon ist das Überangebot und die niedrige Wertschätzung für Nahrungsmittel. Um dem entgegen zu wirken, müssen wir unser Nahrungsmittelsystem grundlegend ändern.
  • ProduzentInnen – Im europäischen industrialisierten und globalisierten Nahrungsmittelsystem (das von langen Lieferketten und vielen ZwischenhändlerInnen geprägt ist) können optische Vorgaben und Verpackungsstandards dazu führen, dass essbare Nahrungsmittel weggeworfen werden. Eine Umgestaltung der Lieferketten kann dabei helfen, den Wert von landwirtschaftlichen Erzeugnissen besser anzuerkennen; gleichzeitig können Lebensmittel- und Verpackungsmüll bekämpft werden. Kurze Nahrungsmittelversorgungsketten sorgen dafür, dass zwischen KonsumentInnen und lokalen LandwirtInnen ein Naheverhältnis entsteht, unnötige Abfälle vermieden werden und Wiederverwendungs- und Recyclingquoten steigen. Nahrungsmittelabfälle sind ein Zeichen dafür, dass unsere Wirtschaft versagt. Die Kosten für Lebensmittelabfälle in der EU wurden im Jahr 2015 auf 143 Mrd. EUR geschätzt, was dem operativen Budget der EU entspricht. In Europa werden größere Mengen an Nahrungsmitteln verschwendet als in den meisten anderen Erdteilen: Auf jede Europäerin und jeder Europäer fielen 2014 durchschnittlich 1.732 kg. Plastikverpackungen wurden als Lösung gesehen um Lebensmittelabfälle zu reduzieren. Es zeigte sich aber, dass Plastikverpackungsabfälle gemeinsam mit den Lebensmittelabfällen steigen: Europa verbraucht heute 49 Mio. Tonnen Plastik im Jahr, wovon etwa 40 Prozent für Verpackungen verwendet werden.
  • Verarbeitungs- und Verpackungsunternehmen – Schätzungen zufolge werden die EuropäerInnen bis 2020 mehr als 900 Mrd. einzeln verpackte Nahrungsmittel und Getränke im Jahr konsumieren. Verpackungen dienen verschiedenen Zwecken, die Nahrungsmittelkonservierung ist nur einer davon. Immer mehr deutet darauf hin, dass viele Einweg-Lebensmittelkontaktmaterialien ein Gesundheitsrisiko für KonsumentInnen darstellen. Gefährliche Chemikalien, wie Endokrindisruptoren, können von Plastikverpackungen und anderen Verpackungsmaterialien (wie etwa Recycling-Karton) auf Lebensmittel übertragen werden. In unser aller Interesse müssen die gesundheitlichen Auswirkungen dieser chemischen Migration dringend in vollem Umfang erforscht werden. Eine Kombination aus kurzer Haltbarkeit, großem Verpackungsaufwand für nur wenig Produkt und die Abhängigkeit von Kühlmöglichkeiten sorgt dafür, dass essfertige Nahrungsmittel besonders häufig auf dem Müll landen. Darüber hinaus wurden Lebensmittelvergiftungen mit abgepackten Convenience-Produkten in Verbindung gebracht. Eine Studie zeigte, dass in Salatpackungen ideale Bedingungen für Salmonellen herrschen. Viele Hygieneprobleme entstehen somit erst durch die Verarbeitung und Verpackung von Lebensmitteln. Kunststoffverpackungen sind für die Umwelt höchst problematisch. EuropäerInnen werfen pro Jahr durchschnittlich mehr als 30 kg an Verpackungsplastik weg. Plastikverpackungen landen hauptsächlich auf Mülldeponien und in Müllverbrennungsanlagen (31 bzw. 39 Prozent dieser Abfälle werden so entsorgt). Plastikmüll ist u. a. durch seine achtlose Entsorgung in der Natur (Littering) eine immense Umweltbelastung. Weniger als ein Drittel der europäischen Plastikabfälle werden recycelt, der Großteil davon wird exportiert oder für geringwertige Zwecke wiederverwendet. 
  • Groß- und Einzelhandel – Viele Verpackungen (z.B. Multipacks), die von Nahrungsmittelindustrie und Einzelhandel verwendet werden, dienen vorrangig der Wirtschaftlichkeit sowie Marketing- und Markenzielen anstatt der Konservierung. Solche Verpackungen können in der gesamten Wertschöpfungskette für immer größere Mengen an Nahrungsmittelabfällen sorgen. Viele Produkte müssten gar nicht verpackt werden oder könnten in wiederverwendbaren Verpackungen in den Handel kommen. Es gibt auch ein gesteigertes Bewusstsein zu dem Thema: Immer mehr EinzelhändlerInnen legen Wert auf nachhaltige Verpackungen. Der Einfluss der Einzelhandelsbranche auf Lebensmittelabfälle ist noch nicht vollständig geklärt und wird deshalb möglicherweise unterschätzt. Der Einzelhandel in Europa wird von einigen wenigen großen Unternehmen dominiert, wobei weder bei den Daten zu Lebensmittelabfällen noch zu Verpackungsabfällen Transparenz herrscht. Die Arbeitsweisen in der Einzelhandelsbranche können Abfälle in der gesamten Lieferkette verursachen.

Supermarkt

  • Haushalte – In Kunststoff verpackte Produkte helfen den KonsumentInnen nicht unbedingt dabei, ihre Lebensmittelabfälle zu reduzieren. Abfälle können besser vermieden werden, wenn die KonsumentInnen ihre Ernährung und ihr Kaufverhalten anpassen sowie mehr über Lebensmittelzubereitung und -aufbewahrung wissen. Bei den meisten Produkten sind wiederverwendbare Verpackungen und traditionelle Methoden der Haltbarmachung ebenso zielführend wie Einwegplastikverpackungen. Noch hat die Forschung nicht genügend Erkenntnisse über die Gesundheitsrisiken von Lebensmittelkontaktmaterialien geliefert, doch beständige Materialien (wie Glas und Metall) bieten hier eindeutig Vorteile.

Lebensmittel im Supermarkt

  • Gastronomie – Viele Gastronomiebetriebe gehen mit Lebensmitteln und Verpackungen verschwenderisch um, wobei besonders FastFood-Betriebe und Lieferdienste äußerst verpackungsintensiv arbeiten. Zahlreiche erfolgreiche Unternehmen setzen bereits auf lokale Lieferketten und verwenden wiederverwendbare Materialien. Damit beweisen sie, dass diese Herausforderungen gemeistert werden und sogar einen Wettbewerbsvorteil schaffen können.
  • Gemeinden – Lokale Behörden sind SchlüsselakteurInnen in der Beschaffung von Gastronomiedienstleistungen und im Lebensmittel- bzw. Verpackungsabfallmanagement. Viele Kommunen setzen sich aktiv dafür ein, dass Abfälle und ihre negativen sozioökonomischen Auswirkungen so gering wie möglich bleiben. Zu diesem Zweck richten sie etwa eine verbesserte Kompostierungsinfrastruktur ein. Innovative Städte erforschen das regionale Entwicklungspotenzial kurzer Nahrungsmittelversorgungsketten und der städtischen Landwirtschaft. Sie bieten auch Unterstützung zum Thema nachhaltige Ernährung.

Was kann die Politik tun?

Die Probleme, die mit Lebensmittel- und Plastikverpackungsabfällen einhergehen, werden im Rahmen des EU-Maßnahmenpakets zur Kreislaufwirtschaft (Circular Economy Package) sowie in vielen nationalen und lokalen Initiativen, politischen Maßnahmen und Strategien thematisiert. Um diese Diskussionen miteinander zu verknüpfen, muss jedoch mehr unternommen werden. Wichtige Maßnahmen für PolitikerInnen und InteressenvertreterInnen umfassen:

  • Die Entwicklung eines ganzheitlichen, evidenzbasierten Ansatzes zur Rolle von Plastikverpackungen im Nahrungsmittelsystem. Im Rahmen dieses Ansatzes sollten die Gründe für Lebensmittelverschwendung und ihr Zusammenhang mit Plastikverpackungen untersucht werden. Dies sollte umfassende Beurteilungen berücksichtigen - darunter Lebenszyklusanalysen, das Wissen über Plastikabfälle im Meer sowie der gesundheitlichen Auswirkungen chemischer Stoffe, die sich aus dem Plastik lösen können.
  • Die Nutzung marktbasierter Instrumente um Verhaltensänderungen anzuregen, die zur Vermeidung von Lebensmittel- und Plastikverpackungsabfällen beiträgt. Diese umfassen die umweltbewusste öffentliche Beschaffung (GPP), Programme zur erweiterten Herstellerverantwortung (EPR), Pfandsysteme und die progressive Besteuerung von fabriksneuem Plastik.
  • Die Überprüfung der Gesetzeslage, um etwaige Lücken beurteilen und schließen zu können um die doppelte Problematik zu thematisieren, vor die uns Lebensmittel- und Plastikverpackungsabfälle stellen. Es müssen Ziele zur Reduktion von Einwegplastikverpackungen definiert werden. Gleichzeitig müssen Ziele zur vermehrten Nutzung von Mehrwegverpackungen definiert werden. Außerdem müssen Ökodesign-Kriterien, optische Standards und Etikettierungsregelungen überprüft werden.
  • Die Bereitstellung größerer Investitionen und Förderungen für die Entwicklung von Abfallvermeidungssystemen. Es sollten Systeme entwickelt werden, die keine oder wiederverwendbare Verpackungen forcieren sowie kurze Lebensmittelversorgungsketten zwischen ländlichen und urbanen Gebieten umfassen. Dabei soll der Fokus auf EinzelhändlerInnen und KMUs liegen.

Mögliche Auswege:

Europa hat die Gelegenheit, unser bisheriges Herangehen zu Produktion, Lieferung und Konsum von Lebensmitteln und Lebensmittelverpackungen neuzugestalten. Auch wenn Kunststoffe dabei eine Rolle spielen, müssen breiter angelegte Reformen umgesetzt werden. Dieser Bericht zeigt innovative Beispiele, die ganz ohne Verpackungsmüll auskommen. Es liegt nun an den politischen EntscheidungsträgerInnen, erfolgreiche Initiativen in alltägliche Praxis umwandeln. Das hohe Pro-Kopf-Müllaufkommen in Europa sollte nicht als ein unvermeidbares Nebenprodukt der wirtschaftlichen Entwicklung und eines bequemen Lebensstils betrachtet werden: Die heutigen ökologischen Gegebenheiten zwingen uns dazu, Nahrungsmittel, Kunststoffe und sämtliche Ressourcen so zu verwenden, dass ein gutes Leben für alle möglich ist. Europa braucht außerdem ein Nahrungsmittelsystem, das landwirtschaftliche Erzeugnisse wertschätzt und deren ProduzentInnen unterstützt. Lieferketten sollten zur Förderung der Regionalentwicklung genutzt werden. Wir brauchen ein Lebensmittelsystem, in dem Materialien einschließlich Verpackungen reduziert, wiederverwendet und recycelt werden.