19.03.2019

Fridays For Future: Die Jugend klagt die Eltern-Generation an und fordert Klimagerechtigkeit

Die Jugend protestiert, die Welt staunt. Unter dem Namen “Fridays For Future” gehen inzwischen hunderttausende Schüler*innen freitags nicht zur Schule, sondern demonstrieren für Klimaschutz und für ihre eigene Zukunft. Was mit der 16-jährigen schwedischen Schülerin Greta Thunberg begann, entwickelt sich zu einer globalen Klimaschutz-Bewegung. 

Greta Thunberg full speech at UN Climate Change COP24 Conference
Dianne Feinstein rebuffs young climate activists' calls for Green New Deal

Am 15. März fand der vorläufige Höhepunkt der “Fridays For Future”-Bewegung statt. Weltweit gingen junge Menschen auf die Straßen und demonstrierten für Klimaschutz - und ihre eigene Zukunft. 1,5 Millionen junge Menschen, in 123 Ländern und über 2.000 Städten.

Over 1,5 million students on school strike 15/3. We proved that it does matter what you do and that no one is too small to make a difference.

Here is my response to the people who wants us to go back to school:https://t.co/ob42pYVDslexternal link, opens in a new tab#FridayForFutureexternal link, opens in a new tab #SchoolStrike4Climateexternal link, opens in a new tab pic.twitter.com/EgzvJj8KvLexternal link, opens in a new tab

— Greta Thunberg (@GretaThunberg) 17. März 2019external link, opens in a new tab

Auch in Österreich protestierten Zehntausende - 25.000 in Wien, 4.000 in Innsbruck, 3.000 in Linz, 1.000 in Graz, Klagenfurt und Bregenz. In Deutschland streikten insgesamt über 300.000 jungen Menschen. Sie tragen Schilder mit Sprüchen wie „Macht ihr eure Hausaufgaben, dann machen wir unsere“, „Verändert das System, nicht das Klima“ und „Das Klima ist aussichtsloser als meine Matura“.

Greta Thunberg initiierte mit Fridays For Future eine weltweite Klima-Bewegung

In nur 25 Wochen wurde aus Protest einer einzelnen Schülerin aus Schweden eine weltweite Bewegung. An einem Augusttag 2018 setzt sich die Schülerin Greta Thunberg erstmals vor das Parlament in Stockholm, um darauf aufmerksam zu machen, dass Schweden die Treibhausgasemissionen um 15 Prozent senken müsste, um sich an die Pariser Vorgaben zu halten. Jeden Freitag stellte sich Greta Thunberg mit ihrem Schild, auf das sie “Scholstrejk För Klimatet” (Schulstreik für’s Klima”) schrieb, vor das Parlament statt in die Schule zu gehen. Ihre Begründung ist so einleuchtend wie einfach: "Warum sollen wir für eine Zukunft lernen, die bald nicht mehr existieren wird, wenn niemand etwas tut, um sie zu retten?", sagte sie.

Bei den Internationalen Klimaverhandlungen (COP24) im polnischen Katowice kam der mediale Durchbruch für Greta Thunberg. Vor den versammelten Regierungschefs und Staatsoberhäuptern der Welt stand die schwedische Schülerin hinter dem Podium und klagte mit klaren und eindringlichen Worten die Untätigkeit der Eliten beim Klimaschutz an.

"Das einzig Vernünftige wäre, die Notbremse zu ziehen. [...] Doch ihr seid nicht einmal erwachsen genug, um die Wahrheit zu sagen", wirft die schwedische Klimaaktivistin den Politikern auf der COP24 vor. Das Video ihrer grandiosen Rede verbreitet sich rasant weltweit über die sozialen Netzwerke.

Wenige Wochen später ist die inzwischen 16-jährige Greta eine weltweit bekannte Klimaschutzaktivistin und hunderttausende jungen Menschen schließen sich ihrem Beispiel an und gehen freitags nicht zur Schule, sondern demonstrieren für Klimaschutz. Greta Thunberg ist inzwischen für den diesjährigen Friedensnobelpreis nominiert.

Fridays For Future: Ungerechtigkeit treibt die Schüler auf die Straße

Was treibt alle diese jungen Menschen an scheinbar aus dem Nichts heraus, sich politisch einzubringen und zu demonstrieren? Greta Thunberg hat mit ihrem Streik und ihrer Rede bei der COP 24 offenbar einen Nerv bei der heranwachsenden Generation getroffen. Es ist das Gefühl um die Zukunft betrogen zu werden. Und es ist Entrüstung über eine Ungerechtigkeit, die sich auf den Straßen und Plätzen Bahn bricht. Schon immer war das Gefühl von Ungerechtigkeit die stärkste Triebfeder für Proteste und neue Bewegungen.

Die Schüler*innen, Student*innen und Lehrlinge sehen sehr genau, dass ihr Leben in 30 bis 50 Jahren schlicht nicht mehr lebenswert sein wird, wenn nicht sehr schnell wirksamer Klimaschutz betrieben wird. Ihre Entrüstung richtet sich dabei gegen die Generation der eigenen Eltern, die zwar stets behaupten, für die Zukunft ihrer Kinder zu sorgen, doch gleichzeitig ihre Lebensgrundlagen irreparabel zerstören. Es ist die personifizierte Vernunft, die hier auf die Straße geht. Was die Schüler*innen auf der Straße sagen und fordern erweckt auch deshalb so viel Aufmerksamkeit, weil es viele aus der Lethargie des Alltags und des “business as usual” des politischen Geschäfts herausreißt: “Hallo!? Ihr müsst jetzt handeln! Wir haben schlicht keine Zeit mehr zu warten!” Und: “Wir wollen auch eine Zukunft, wir wollen auch ein gutes Leben - und ihr seid gerade dabei unsere Zukunft zu zerstören!” In manchen Reaktionen wird deutlich, dass scheinbar manche angeklagten Vertreter der alten Generation gar nichts mehr kapieren:

Politiker, die die Illusion verbreiten, wir könnten die Klimakatastrophe begrenzen, aber gleichzeitig so weitermachen wie bisher. Als würde man einem stark fettleibigen Menschen sagen, er könne ohne Sport abnehmen, wenn er weiterhin ordentlich Fett und Kohlenhydrate isst. pic.twitter.com/oeBgpjduN2external link, opens in a new tab

— Mario Sixtus 馬六 ???? (@sixtus) 9. März 2019external link, opens in a new tab

Wenn diese Politiker darauf verweisen, dass man das Problem schon irgendwie regeln werde, dass die Schüler*innen die "Profis" einfach mal machen lassen sollten, und dass politische Prozesse eben einfach Zeit bräuchten, wird der Graben zwischen alter Generation und jungen Protestierenden besonders deutlich. So wie z.B. in diesem Video, wo die US-amerikanische Senatorin Dianne Feinstein mit den Forderungen von Schülern konfrontiert wird - und diese abkanzelt, weil sie sie ja schließlich noch nicht wahlberechtigt seien:

(Einen sehr guten Kommentar zu dieser denkwürdigen Begegnung gibt es übrigens hier von Bill McKibbonexternal link, opens in a new tab im New Yorker.) Was die alte Generation (die aber nun einmal über die politische und wirtschaftliche Macht verfügt) offentlichtlich nicht zu verstehen scheint: Es kann ja sein, dass Politik bisher so funktioniert hat (und beim Klimaschutz bisher damit gescheitert ist) - nur jetzt haben wir einfach keine Zeit mehr. Und der Klimawandel richtet sich nicht nach dem Tempo politischer Entscheidungsfindungen in Parlamenten und Regierungen. Der weltweite Klimawandel hat eine Geschwindigkeit und Dynamik erreicht, die jedes Warten bestrafen wird. In diesen Tagen erscheinen deshalb ausgerechnet die zumeist minderjährigen Schüler*innen der Fridays For Future-Demonstrationen wie die personifizierte Stimme der Vernunft.

Unterstützung von über 23.000 Wissenschaftlern

Während viele Menschen derzeit weniger über die Klimakrise diskutieren, sondern ob das Schuleschwänzen legitim ist, erhalten die Schüler*innen Unterstützung von der Wissenschaft. Mehr als 23.000 Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz (und täglich steigt die Zahl der Unterzeichner) haben als "Scientists for Future" eine Petition unterschriebenexternal link, opens in a new tab und wollen sich mit der Fridays For Future-Bewegung solidarisch zeigen. Darin heißt es, die Anliegen der Schüler seien berechtigt und gut begründet. Die Maßnahmen zum Klima-, Arten-, Wald-, Meeres- und Bodenschutz reichten bei weitem nicht aus. Es müsse jetzt gehandelt werden. Die Wissenschaftler sagen übrigens auch, dass sie es richtig finden, für das Klima auch mal Regeln zu brechen.