Raiffeisen finanziert zwei neue Atomreaktoren vor Österreichs Haustüre

GLOBAL 2000 deckt auf: Die Raiffeisenbank ist Teil jener Bankengruppe, die Gelder für zusätzliche Reaktoren bereitstellt - direkt an der österreichischen Grenze. Wir kritisieren die Beteiligung am Milliardenprojekt aufs Schärfste und fordern einen Rückzug der Kreditzusage.

Patricia Lorenz steht vor einem der Raiffeisen Tower in Wien.
GLOBAL 2000/Antonia Petri

Patricia Lorenz vor einem der Raiffeisen Tower in Wien.

Die österreichische Raiffeisenbank ist Teil eines Bankenkonsortiums, das den Bau von zwei neuen Atomreaktoren am tschechischen Standort Dukovany finanzieren soll. Das zeigt eine aktuelle Recherche von GLOBAL 2000. Die beiden geplanten Reaktorblöcke würden nur rund 30 Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt entstehen.

Besonders brisant: Die Finanzierung steht im Widerspruch zu öffentlichen Aussagen der Raiffeisen-Gruppe zur Atomkraft. Auf der Website von Raiffeisen Capital Management heißt es: „Für die Raiffeisen KAG zählt Atomkraft nicht zu Energieformen, die mit Investitionen unterstützt werden sollten. Jeder Euro, der in Atomkraft investiert wird, könnte zukunftsträchtiger und nachhaltiger in erneuerbare Energien investiert werden.“

Die Beteiligung an der Finanzierung der Reaktoren wird daher erhebliche Fragen auf.

Patricia Lorenz steht vor einem der Raiffeisen Tower in Wien.

„Die Raiffeisenbank hat akuten Erklärungsbedarf. Eine solche Finanzierung ist weder mit der eigenen Politik noch mit jener Österreichs vereinbar. Sie gefährdet aktiv die österreichische Bevölkerung. Wir fordern die Raika daher auf, ihre Kreditzusage unverzüglich zurückzuziehen.“

Patricia Lorenz, Anti-Atom-Sprecherin von GLOBAL 2000

Warum der Kredit für Dukovany entscheidend ist

Raiffeisen beteiligt sich an einem Bankensyndikat rund um die tschechische Komerční banka. Diese fungiert als Vertragspartner des Energieunternehmens ČEZ sowie der Tschechischen Republik. Gemeinsam stellen die Banken einen Überbrückungskredit bereit, der den Bau der Reaktorblöcke 5 und 6 des Atomkraftwerks Dukovany ermöglichen soll.

Der Kredit wird benötigt, weil die tschechische Regierung derzeit keine staatlichen Mittel für das Projekt freigeben darf. Voraussetzung dafür wäre eine beihilferechtliche Genehmigung der Europäischen Kommission, die bislang noch aussteht. Aufgrund geplanter Änderungen in der Eigentümerstruktur des Projekts dürfte sich die Entscheidung aus Brüssel zusätzlich verzögern.

Nach Einschätzung von GLOBAL 2000 spielt die Finanzierung daher eine zentrale Rolle für das Vorhaben: Ohne diesen Kredit wäre es aktuell nicht möglich, die beiden Reaktoren am Standort Dukovany zu errichten. Während sich die Bevölkerung und die Politik seit Jahrzehnten gegen die bestehenden vier Blöcke einsetzen, finanziert die Raiffeisenbank zwei weitere Reaktoren.

Geplante Reaktoren ohne Referenzprojekt

Errichtet werden sollen die neuen Blöcke vom südkoreanischen Atomkonzern KHNP. Vorgesehen sind Reaktoren des Typs APR-1000. Für dieses Modell existiert bislang jedoch kein in Betrieb befindliches Referenzkraftwerk.

Zudem verweist GLOBAL 2000 auf offene technische und sicherheitsrelevante Fragen. Dazu zählen unter anderem die Entwicklung eines angepassten Reaktordesigns, die Umsetzung eines sogenannten Core-Catchers für den Fall einer Kernschmelze sowie die Errichtung hybrider Kühltürme, die aufgrund begrenzter Wasserressourcen am Standort notwendig wären.

„KHNP hat bis heute nur einen Reaktor außerhalb Südkoreas gebaut – in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Dieses Design wäre in Europa nicht genehmigungsfähig. Für Dukovany müsste erst ein geeignetes Konzept entwickelt werden. Wesentliche Sicherheitsfragen sind weiterhin ungelöst. Stand heute können diese Reaktoren gar nicht ans Netz gehen“, warnt Patricia Lorenz.

Auch die Wasserversorgung sorgt für Kritik

Zusätzliche Bedenken bestehen hinsichtlich der Kühlwasserversorgung des Kraftwerks. Der Standort Dukovany stellt keine ausreichenden Wasserressourcen für die geplanten Kühlsysteme zur Verfügung. Die dafür vorgesehenen technischen Lösungen sind bislang nicht abschließend geklärt. Die geplante Erweiterung des Atomkraftwerks ist daher ein Projekt mit erheblichen Risiken.

Forderung nach Rückzug der Finanzierung

GLOBAL 2000 fordert die Raiffeisenbank auf, ihre Beteiligung am Überbrückungskredit zurückzuziehen und damit ein deutliches Signal gegen den Ausbau der Atomkraft unmittelbar an der österreichischen Grenze zu setzen. Die Finanzierung steht nicht nur im Widerspruch zu den eigenen Nachhaltigkeitsgrundsätzen der Bank, sondern auch zur langjährigen österreichischen Anti-Atom-Politik.