Faktencheck: moderne Atomkraftwerke und Mini-Reaktoren (SMR)

Die Atomindustrie wird nicht müde zu verbreiten, dass gerade an „neuen“ Atomkraftwerken geforscht und gebaut wird. Sie werden als Tausendsassa für die Energieversorgung der Zukunft hingestellt. Auch modulare Klein-AKW oder „Small Modular Reactors“ (SMR) werden von der Industrie als die Zukunft der Atomkraft präsentiert. Ein kurzer Faktencheck dazu:

„Moderne“ Atomkraft – schaut ganz schön alt aus

Atomkraft-Befürworter:innen stellen in Aussicht, dass schon bald „Reaktoren der Vierten Generation“ die derzeitigen AKW der zweiten und dritten Generation ersetzen könnten. Laut „Generation IV International Forum“ sollen sie dann den Uran-Ressourcen-Einsatz verbessern und auch die Menge von problematischem Atommüll verringern.

Die Realität dieser Reaktorkonzepte schaut trist aus. Viele der Konzepte sind alles andere als „neu“ und werden seit Jahrzehnten erprobt. Weder technisch noch wirtschaftlich hat sich das bisher rentiert:

  • So werden natriumgekühlte schnelle Brutreaktoren seit über 70 Jahren erforscht. Mehr als 20 Prototypen wurden gebaut, ohne zentrale Sicherheitsprobleme wie die Gefahr von Natriumbränden zu lösen.
  • Ähnliches gilt für bleigekühlte Brutreaktoren, bei denen das Kühlmittel Blei immer wieder Korrosionen im Kühlsystem verursacht. 
  • An Hochtemperatur-Reaktoren wird seit über 60 Jahren geforscht. Ohne Erfolg.
  • Salzschmelze-Reaktor-Prototypen gibt es seit den 1940er-Jahren. Gravierende technische Probleme bleiben ungelöst. So macht die Abschirmung der radioaktiven Strahlung große Probleme. 

Natrium-Feuer im französischen Superphénix-Versuchsreaktor

Natrium-Feuer im französischen Superphénix-Versuchsreaktor. Einer von vielen Bränden in der Anlage nach 1976.

Zu spät für die Klimakrise

Die ersten „kommerziell“ verfügbaren Reaktoren werden erst nach 2045 verfügbar sein. Davon gehen selbst die optimistischsten Schätzungen des „Generation IV International Forum“ aus.  Davor müssen weitere Forschungen und eine Erprobungsphase stattfinden. Für Salzschmelze-Reaktoren liegt dieser Zeitpunkt frühestens in den 2060er-Jahren, viel zu spät für die Herausforderungen der Klimakrise

Selbst wenn diese Reaktorkonzepte dann funktionieren würden: Strom würde wahrscheinlich zu höheren Kosten produziert werden als durch erneuerbare Energien.  Das ungelöste Sicherheits- und Atommüll-Problem würde unabhängig davon weiterhin bestehen

„Mini“-Reaktoren (SMR) – ein Atomkraftwerk in jedem Hinterhof

Durch die Serienfertigung „modularer“ Klein-Reaktoren sollen zukünftig Atomkraftwerke regelrecht am Fließband gebaut und über die ganze Welt verteilt werden. Befürworter versprechen sich davon eine Kostenersparnis. Ähnlich wie bei der historischen Entwicklung und Serienfertigung von Verkehrsflugzeugen, bei der sich einige Hersteller weltweit durchgesetzt haben. Allerdings ist aus heutiger Sicht unklar, ob und wann Prototypen dieser Klein-Reaktoren verfügbar sind. Des Weiteren stellt sich die Frage, wann kommerzielle Modelle auf den Markt kommen und wie weit die Versprechen der Standardisierung und Modularisierung erfüllbar sind. Das hängt von globalen Lieferketten ab und von großen Massen-Abnehmern, die bereit sind in hunderten von Klein-AKWs zu investieren. Das gestaltet sich schwierig in einer von geopolitischen Krisen geplagten Welt. 

Die Befürworter geben selbst zu:

"Die meisten Klein-AKW-Konzepte befinden sich noch in einem relativ frühen Entwicklungsstadium, und ihre Marktaussichten sind noch mit erheblichen Unsicherheiten behaftet."

Atomkraft ist keine günstige Energiequelle

Außerdem hängt die geplante Kostenersparnis durch Massenfertigung davon ab, ob die Reaktoren nach kommerzieller Logik billiger werden. Erst damit würden SMR attraktiver für Kund:innen werden als andere Stromerzeugungsformen. Das ist aus heutiger Sicht nicht erreichbar: Die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien wird günstiger und hat schon die Kosten von Atomstrom unterschritten. Und Klein-AKWs werden nach weltweiten Erfahrungen und aufgrund von Skaleneffekten teurer sein als die bestehenden großen Reaktoren. Es müssten mindestens hunderte von ihnen tatsächlich „am Fließband“ erzeugt werden, damit sie für Nutzer:innen günstiger werden.

Akademik Lomonosov

© Elena Dider, via Wikimedia Commons

Einer der wenigen real existierenden Kleinreaktoren - die russische 70 Megawatt Atom-Barge Akademik Lomonosov wurde für umgerechnet 740 Millionen Dollar gebaut und ins Nordpolarmeer geschleppt - falls sie angegriffen wird oder sinkt, sind Radioaktivitäts-Freisetzungen unvermeidlich.

Unabhängig davon, ob man die Vision teilt, viele „Mini“-AKWs in der Nähe von Betrieben und Siedlungen haben zu wollen: Diese Reaktoren müssten alle aus Sicherheitsgründen vor Terror-Anschlägen und wegen der Gefahr der Weiterverbreitung von bombenfähigen Spaltstoffen (Proliferation) gesichert werden. Das würde die Kosten noch weiter steigern: Jedes Klein-AKW müsste permanent bewacht werden wie ein „großes“ AKW. Es wäre genau so ein Angriffsiel wie im Ukraine-Krieg 2022 das AKW Saporischschja.

AKW Mochovce

Die EU-Taxonomie-Verordnung legt fest, welche Finanzinvestitionen im Rahmen des Green Deal als klimafreundlich gelten. Durch eine Abänderung wird sie jedoch leider zu einem weiteren verwässerten Greenwashing-Programm. Denn die EU-Kommission hängt ausgerechnet der gefährlichen Atomkraft und dem klimaschädlichen Erdgas ein grünes Mäntelchen um und stuft diese als „nachhaltig“ ein. Die Erreichung der Klimaschutzziele erfordert jedoch einen vollständigen Ausstieg aus allen fossilen Energieformen.