Faktencheck: moderne Atomkraftwerke und Mini-Reaktoren (SMR)

Die Atomindustrie ruft eine Renaissance der Atomenergie aus. Seit einigen Jahren ist die Rede von der Forschung und dem Bau der „neuen“ Atomkraftwerke. Diese modularen Klein-AKW oder „Small Modular Reactors“ (SMR) werden von der Industrie als die strahlende Zukunft der Atomkraft präsentiert. Unser Faktencheck dazu:

„Mini“-Reaktoren (SMR) – ein Atomkraftwerk für jede Stadt und jedes Industriegebiet?

Die PR-Abteilungen der großen Atomkonzerne und die neuen Start-ups in der Branche verstehen ihr Geschäft und bewerben ihre SMR als:

  • in Serie am Fließband und modular gefertigt
  • günstiger und schneller geplant, gebaut, genehmigt
  • sicheres Design, sicherer Betrieb, weniger hochaktiver Nuklearabfall

Das Grundprinzip ist die modulare Fertigung. Diese AKW werden, soweit machbar, nicht auf der Baustelle zusammengebaut, sondern es werden möglichst viele genormte Komponenten in eigens dafür errichteten Fabriken fertig angeliefert. Dadurch sollen massive Bauzeitüberschreitungen und daraus resultierende Kostenexplosionen verhindert werden. Das funktioniert aber nur mit einer Bestellung von etwa 16 SMR – von einem Typ. Davon ist die Atom-Lobby weit entfernt. Obwohl die Europäische Kommission mit Industrial Alliance for SMR die Produktion vorantreiben möchte, stagniert diese momentan. Die Nationalstaaten wollen über ihre nationalen Nuklearaufsichtsbehörden ihre eigenen Reaktorbauer fördern und verweigern daher gemeinsame SMR-Projekte.

Potrait Patricia Lorenz, ernster Blick

"Die kleinen SMR-Reaktoren sind weder klein noch neu, sondern nur ein Versuch der Atomindustrie ihre gefährlichen und teuren Reaktoren auf Kosten der Steuerzahler zu entwickeln, von Bauen ist noch lange keine Rede." 

Patricia Lorenz, Anti-Atom-Sprecherin bei GLOBAL 2000

Platzt die SMR-Blase?

Zumindest dort, wo privates Geld, anstelle von Steuergeld investiert werden soll, wie zum Beispiel an Börsen, ist die Begeisterung verschwunden. Denn es gibt noch immer kein fertiges SMR-Design, keine Lizenzierung in mehreren Ländern und keine Fabriken. Seit fast zehn Jahren wird viel über neue Designs gesprochen, aber es hat sich nicht viel verändert.

Schon 2024 wurde der „kleine und günstige“ SMR von EDF (Nuward) am Papier zu teuer und daher eingestellt. Unter anderem konnten die Stromgestehungskosten nicht unter 100 MWh garantiert werden. Die beiden Projekte Carbon Free Power Project (CFPP) von NuScale Power Corporation und den Utah Associated Municipal Power Systems (UAMPS) mussten wegen der hohen Kosten, trotz der 1,4 Mrd. Dollar an öffentlicher Geldern, vor Baubeginn 2023 eingestellt werden.

Und weiter geht die Talfahrt

Im ersten Halbjahr 2026 halbierte sich der Marktwert von NuScale. Für Oklo und Nano Nuclear Energy war es ähnlich schlecht, denn den Börsen fiel auf, dass nichts weitergeht – wo doch für die frühen 2020er mit den ersten Prototypen gerechnet wurde. Im September folgte eine der wichtigsten SMR-Entwicklungen: ein Druckwasserreaktor von Holtec. Allerdings wurde der angekündigte Börsengang in letzter Minute verschoben. Dies stellte für den gesamten US-AKW-Markt eine äußerst ungünstige Situation dar.

Im Herbst 2026 wird entscheidend sein, ob Westinghouse - ein führender Hersteller von Atomkraftwerken mit zahlreichen Projekten in Europa, den geplanten Börsengang durchführt. Auch EDF ist auf der Suche nach neuen Investitionen für seinen Nuward SMR Investitionen.

Öffentliche Gelder für SMR von der EIB

Trotz vieler politischer Hilfe existieren SMR-Projekte in Europa nur auf dem Papier. Die Europäische Kommission hat der Europäische Investitionsbank 200 Millionen Euro aus dem InvestEUTopUp Fonds mit Garantien ausgestattet, denn Steuergeld ist geduldig. Im September war es dann so weit: Die EIB gewährte dem finnischen Heizreaktor LDR-50 von Steady Energy 40 Millionen Euro. Nicht für die Errichtung von SMR, sondern für die Entwicklung von kleinen Reaktoren, die in den Städten der Fernwärmeproduktion dienen sollen.

Von innovativen und besonders sicheren Reaktoren ist keine Rede, es handelt sich um Leichtwasserreaktoren, die kleiner und mit reduzierten Sicherheitseinrichtungen günstiger errichtet werden sollen. Günstiger ist selbst laut den aktuellen Herstellerangaben bei 170 Euro/MWh angesiedelt, während die großen AKW ab 1000 MW bei etwa 140 Euro/MWh liegen sollen. Um dank Lernkurve nur auf die Kosten großer AKW zu kommen, müsste laut einer Studie der Princeton University die 700 SMR errichtet werden.

Atomkraft bleibt extrem teuer

Außerdem hängt die geplante Kostenersparnis durch Massenfertigung davon ab, ob die Reaktoren nach kommerzieller Logik billiger werden. Erst damit würden SMR attraktiver für Kund:innen werden als andere Stromerzeugungsformen. Das ist aus heutiger Sicht nicht erreichbar: Die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien wird günstiger und hat schon die Kosten von Atomstrom unterschrittenexternal link, opens in a new tab. Und Klein-AKWs werden nach weltweiten Erfahrungen und aufgrund von Skaleneffekten teurer sein als die bestehenden großen Reaktoren. Es müssten mindestens hunderte von ihnen tatsächlich „am Fließband“ erzeugt werden, damit sie für Nutzer:innen günstiger werden.

Einer der wenigen real existierenden Kleinreaktoren - die russische 70 Megawatt Atom-Barge Akademik Lomonosov wurde für umgerechnet 740 Millionen Dollar gebaut und ins Nordpolarmeer geschleppt - falls sie angegriffen wird oder sinkt, sind Radioaktivitäts-Freisetzungen unvermeidlich.

Unabhängig davon, ob man die Vision teilt, viele „Mini“-AKWs in der Nähe von Betrieben und Siedlungen haben zu wollen: Diese Reaktoren müssten alle aus Sicherheitsgründen vor Terror-Anschlägen und wegen der Gefahr der Weiterverbreitung von bombenfähigen Spaltstoffen (Proliferation) gesichert werden. Das würde die Kosten noch weiter steigern: Jedes Klein-AKW müsste permanent bewacht werden wie ein „großes“ AKW. Es wäre genau so ein Angriffsiel wie im Ukraine-Krieg 2022 das AKW Saporischschja.

Aktuell keine Fortschritte bei den SMR

Die aktuell für zwei Standorte diskutierten SMR sind Druckwasserreaktoren (Temelín/Tschechische Republik), die seit Jahrzehnten errichtet werden und über zwei Drittel der Reaktoren weltweit ausmachen. Der bei Rolls-Royce UK SMR in Entwicklung befindliche SMR ist nicht einmal klein: Mit 470 MW hat er eine Leistung wie die bestehenden Reaktoren in Dukovany, Paks oder Bohunice. Der andere SMR ist der kanadische BWRX-300, ein Siedewasserreaktor, wie etwa in Fukushima, wenn auch natürlich nicht baugleich. Obgleich er in Kanada (Darlington) schon im Bau ist, verfügt er über keine Designlizenz.

Die SMR-Versuche in EU-Ländern sind soweit gescheitert: Der französische Staatskonzern EDF hat die Entwicklung des SMR Nuward für gescheitert erklärt, weil sich bereits während der Entwicklung die Kosten als extrem hoch herausstellten. Während der Industrie und der Europäischen Kommission, die mit der SMR Industrial Alliance die SMR-Entwicklung verzweifelt anzuschieben sucht, klar ist, dass ohne Harmonisierung der Genehmigungen und eine Fokussierung auf nur ein bis zwei SMR-Designs mit keinem Erfolg zu rechnen ist, zeichnet sich kein Favorit in Europa ab.

Der angepriesene Vorteil der SMR, nämlich die modulare Bauweise, ist nicht realistisch. Die Grundidee, dass vorgefertigte Komponenten aus mehreren darauf spezialisierten Fabriken nur noch angeliefert und auf der Baustelle schneller und sicherer aufgestellt würden, funktioniert nur mit einer Bestellung von etwa 16 SMR – von einem Typ natürlich. Davon kann aktuell keine Rede sein.

Doch die ursprüngliche Idee, wonach SMR näher als die großen AKW an Städten stehen könnten, wird immer unrealistischer.

Hier treffen zwei Probleme aufeinander:

  1. Die Zulassung eines Standortes für Nuklearanlagen ist wesentlich aufwendiger als etwa für Kohlekraftwerke. Für viele Investoren wird das Warten auf die ersten SMR dadurch zu lange. Daraus resultiert, dass sie sich aus den Entwicklungsfirmen zurückziehen.

  2. SMR müssen für diese Zwecke deutlich sicherer sein als die alten AKW. Das ist teuer, deshalb setzen jetzt viele auf weniger Sicherheit, wie beim Rolls-Royce UK SMR zu sehen ist.

„Moderne“ Atomkraft – schaut ganz schön alt aus

Natrium-Feuer im französischen Superphénix-Versuchsreaktor

Research Gate/ Mycle Schneider

Natrium-Feuer im französischen Superphénix-Versuchsreaktor. Einer von vielen Bränden in der Anlage nach 1976

Atomkraft-Befürworter:innen stellen in Aussicht, dass schon bald „Reaktoren der Vierten Generation“ die derzeitigen AKW der zweiten und dritten Generation ersetzen könnten. Laut „Generation IV International Forum“ sollen sie dann den Uran-Ressourcen-Einsatz verbessern und auch die Menge von problematischem Atommüll verringern.

Die Realität dieser Reaktorkonzepte schaut trist aus. Viele der Konzepte sind alles andere als „neu“ und werden seit Jahrzehnten erprobt. Weder technisch noch wirtschaftlich hat sich das bisher rentiert:

  • So werden natriumgekühlte schnelle Brutreaktoren seit über 70 Jahren erforscht. Mehr als 20 Prototypen wurden gebaut, ohne zentrale Sicherheitsprobleme wie die Gefahr von Natriumbränden zu lösen.
  • Ähnliches gilt für bleigekühlte Brutreaktoren, bei denen das Kühlmittel Blei immer wieder Korrosionen im Kühlsystem verursacht. 
  • An Hochtemperatur-Reaktoren wird seit über 60 Jahren geforscht. Ohne Erfolg.
  • Salzschmelze-Reaktor-Prototypen gibt es seit den 1940er-Jahren. Gravierende technische Probleme bleiben ungelöst. So macht die Abschirmung der radioaktiven Strahlung große Probleme. 

Zu spät für die Klimakrise

Die ersten „kommerziell“ verfügbaren Reaktoren werden erst nach 2045 verfügbar sein. Davon gehen selbst die optimistischsten Schätzungen des „Generation IV International Forum“ aus.  Davor müssen weitere Forschungen und eine Erprobungsphase stattfinden. Für Salzschmelze-Reaktoren liegt dieser Zeitpunkt frühestens in den 2060er-Jahren, viel zu spät für die Herausforderungen der Klimakrise. 

Selbst wenn diese Reaktorkonzepte dann funktionieren würden: Strom würde wahrscheinlich zu höheren Kosten produziert werden als durch erneuerbare Energien.  Das ungelöste Sicherheits- und Atommüll-Problem würde unabhängig davon weiterhin bestehen

Unfälle in Atomkraftwerken kennen keine Grenzen

Egal, in welchem Land wir wohnen - die Gefahren, die von Atomkraftwerken ausgehen, betreffen uns alle. Gemeinsam können wir unsere wunderschöne Natur, unsere Gesundheit und die Zukunft unserer Kinder schützen, indem wir uns gegen Atomkraft erheben. Lassen Sie uns gemeinsam handeln - unterstützen Sie heute unsere Arbeit gegen Atomkraft und für eine sichere und nachhaltige Zukunft mit Ihrer Spende!

Auch wenn wir in einem Land wie Österreich leben und uns glücklich schätzen, kein AKW und keinen hochaktiven Atommüll zu haben - die Gefahren, die von Atomkraftwerken ausgehen, betreffen uns dennoch. Gemeinsam können wir unsere wunderschöne Natur, unsere Gesundheit und die Zukunft unserer Kinder schützen, indem wir uns gegen Atomkraft stellen. Lassen Sie uns gemeinsam handeln & unterstützen Sie unsere Arbeit gegen Atomkraft und für eine sichere und nachhaltige Zukunft mit Ihrer Spende!

Minimum € 5

Für den Umstieg auf sichere Energieträger