Krankenhaus Kharkov

Ankunft in Kharkov, Sonntag, 10.12. 2016

Dieses Mal begleitet mich mein Freund Josef Kastl, ein langjähriger Unterstützer unseres Projekt Tschernobyl-Kinder. Nach unserem Abflug in Wien bei 10 Grad plus landen wir mitten im Winter bei durchgehender Schneedecke und minus 6 Grad in Kiev. Im Laufe der nächsten Tage fällt die Temperatur noch auf minus 17 Grad.

Gleich nach der Ankunft, die erste Überraschung: Mit einem großen Extragepäckstück voller medizinischer Hilfsmittel passiere ich den grünen Korridor, ohne dass mich ein Zöllner anspricht. Das ist in den 21 Jahren meiner Reisetätigkeit in die Ukraine ein einmaliger Vorgang, völlig überraschend und unerklärlich. Alle Argumente, die ich mir für die Diskussion mit dem Beamten zurechtgelegt hatte, waren überflüssig.

Reisebericht Kharkov: Vladimir fährt uns nach KharkovMein gewohnter Fahrer Vladimir erwartet uns schon als frischgebackener Vater seines dritten Kindes mit Speckbroten und eingelegten Salzgurken.

Wie immer ist er schon am Vortag nach Kiev gefahren und hat dort bei einem Freund übernachtet, damit er uns ausgeruht und sicher nach Kharkov bringen kann. Diese Vorsicht schätze ich sehr, darum nehme ich seine Dienste immer wieder gerne in Anspruch. Wegen der winterlichen Verhältnisse dauert unsere Fahrt nach Kharkov sechs Stunden.

Im Hotel treffen wir unsere Dolmetscherin Elena und unseren Techniker Andrey, der uns in der kommenden Woche auch als Fahrer begleiten wird. Den Abend verbringen wir bei Ludmilla Marenych, Ärztin auf der Leukämiestation in Kharkov und unsere wichtigste Ansprechpartnerin dort. Sie hat leckere ukrainische Spezialitäten vorbereitet hat. Später kommen weitere Kharkover FreundInnen hinzu.

Ludmilla Marenych, Ärztin auf der Leukämistation in KharkovTrotz der Wiedersehensfreude bestimmt rasch die Lage im Krisengebiet unsere Gespräche. Elena berichtet von ihrer abenteuerlichen Anreise aus dem besetzten Territorium. Die rechtlose Situation in den besetzten Gebieten ist katastrophal. Generell müssen jetzt alle Bewohner nach 16 Uhr zu Hause bleiben und dürfen sich nicht mehr auf der Straße sehen lassen.

So interessant es für uns auch ist, aus den besetzten Gebieten und über den Konflikt generell aus eigener Anschauung solch unglaubliche Berichte zu hören - irgendwann drücken diese so stark auf unsere Stimmung, dass wir beschließen, zu anderen Themen überzuwechseln.

Montag, 11.12.2016

Der nächste Tag ist ein Sonntag, an dem wir keine Institution in Kharkov besuchen können. Daher fahren wir nach dem Frühstück mit dem Wolga von Andrey gleich weiter nach Süden Richtung Severodonetsk.

Schneebedeckte Straße nach Severdonetsk

Unterwegs im "Dorf städtischen Typs" Shevchenkove (3.000 EinwohnerInnen), finden wir nach einiger Suche und mehrmaligem Nachfragen unser erstes Ziel: eine Behinderteneinrichtung der Region Kharkov, vor der uns trotz des Feiertags freundlicherweise der Direktor erwartet. Er ist glücklich darüber, dass auch sein Haus demnächst eine Trinkwasser-Reinigungsanlage aus Österreich erhalten wird.

Die Einrichtung ist ständiger Wohnort von derzeit 107 Buben und jungen Burschen mit geistiger Behinderung, die von einem Stab von 92 ProfessionistInnen betreut werden. Wir begutachten gemeinsam die technischen Voraussetzungen für die Filterinstallation und sammeln Eindrücke und Informationen für einen Bericht an die SpenderInnen in Österreich. Vitaly Lachno, der sympathische Leiter, führt uns durch sein Haus, das auf uns einen sehr guten Eindruck macht. Er hat, wie er uns zufrieden erzählt, aus seiner Zeit als Bürgermeister immer noch zahlreiche gute Kontakte aufrecht erhalten.

Porträtfoto Vitaly Lachno Vitaly Lachno vor der Behinderteneinrichtung in Shevchenkove

Ganz außergewöhnlich positiv erleben wir, dass er uns erlaubt, alles zu fotografieren was wir wollen, jedoch keinesfalls seine Schützlinge. Eine derart beschützende pädagogische Einstellung ist in der Ukraine sehr ungewöhnlich und ausgesprochen selten. Hier scheint der richtige Mann am richtigen Ort zu sein. Seine durchaus interessante Einladung zum Essen müssen wir leider abschlagen, denn unser Weg ist noch weit und der Straßenzustand wegen der Witterungsbedingungen ungewiss. Vielleicht werden wir das Essen nachholen, wenn wir die installierte Wasseranlage in Funktion besichtigen und für die österreichischen SpenderInnen dokumentieren.

Nun nähern wir uns immer mehr der Frontlinie. Andrey hat im letzten Jahr glücklicherweise eine Nebenstraße mit einigermaßen guter Fahrbahndecke gefunden, auf der wir zahlreiche Checkpoints von Armee und Miliz umfahren können und kaum durch Kontrollen aufgehalten werden. Er muss jedoch ständig sehr vorausschauend und konzentriert fahren, denn jederzeit kann aus heiterem Himmel aus der Straße eine Buckelpiste oder eine Ansammlung von Löchern werden, die Reifen und Achse ernsthaft beschädigen könnten.

Die Straße gleicht einer Buckelpiste. Straße mit Buckeln und Löchern.

Im Hotel in Rubezhnoye verbringen wir den Abend mit unseren AnsprechpartnerInnen des dortigen Internats für Sehbehinderte. Sie sind glücklich, in ihrer stressigen Lebenssituation einen entspannten Abend mit Freunden aus Österreich verbringen zu dürfen. Auch mir ist bewusst, dass der offizielle Teil unseres Besuches ab morgen eher anstrengend werden wird.

Mit großer Freude erfahren wir, dass diese Schule trotz aktuell grassierender Grippeepidemie in der ganzen Stadt die einzige mit ungestörtem Unterrichtsbetrieb ist – dank GLOBAL 2000. Unsere SpenderInnen haben allen Kindern im vergangenen Herbst eine Grippeimpfung finanziert. Alle anderen Schulen mussten nun bis auf weiteres geschlossen werden. In dieser Region, in der allen Kindern in öffentlicher Erziehung monatlich nur 34 Cent für medizinische Maßnahmen aller Art zur Verfügung stehen, haben die österreichischen SpenderInnen mehr als 300 benachteiligten Buben und Mädchen wirklich ein ganz außergewöhnliches Geschenk gemacht!

Sofiya MurenetsEs ist auch wunderbar zu hören, dass die 5-jährige Sofiya Murenets durch die finanzielle Hilfe von GLOBAL 2000 eine Durchuntersuchung in einer Spezialklinik in Kharkov bekommen hat. Sie hatte trotz extremem Untergewichts die Aufnahme fester Nahrung verweigert und musste deshalb von ihrer Mutter nachts im Schlaf heimlich über Stunden hinweg durch eine Pipette mit flüssiger Nahrung gefüttert werden, um am Leben zu bleiben. Die Untersuchungen ergaben eine multiple Nahrungsmittelunverträglichkeite und Allergien gegen zahlreiche Lebensmittelbestandteile, vor allem gegen Gluten. Durch die neue Diät, die ebenfalls von unseren SpenderInnen ermöglicht wird, hat das Kind bereits in einem Monat einen Kilogramm zugenommen.

Jetzt kann sie endlich mit anderen Kindern am Tisch sitzen und fragt erstmals auch von sich aus nach Essen. Früher war Sofiya oft aggressiv, heute ist sie ganz ruhig. Wollte der Kindergarten sie im letzten Jahr dauernd loswerden, so ist das Kind jetzt im Verband der Gleichaltrigen gut integriert. Ihre Mutter kocht in der Früh das Essen für ihre Tochter vor und bringt es in den Kindergarten – allerdings muss sie dennoch den vollen Preis für die Unterbringung bezahlen. Die Diätnahrung bezieht Sofiyas Mutter über das Internet. "Ich bin unseren österreichischen Freunden unendlich dankbar. Die Situation war dramatisch, mein Kind stand an der Kippe zwischen Leben und Tod. Nur durch ihre Hilfe kann Sofiya jetzt weiterleben."

Olesya Kanash mit schweren Gesichtsdeformationen vor der Operation. Olesya mit ihrer Mutter nach der OperationNoch eine gute Nachricht erwartet uns. Das Leben der im Vorjahr in Salzburg an einer schweren Gesichtsdeformation operierten Olesya Kanash, so erzählen uns unsere FreundInnen, und das ihrer Familie ist vollkommen auf den Kopf gestellt. Das Selbstbewusstsein des jungen Mädchens ist enorm gewachsen. Einst Außenseiterin, ist sie nun an ihrer Schule äußerst beliebt und erfreut sich zahlreicher Freundschaften. Auf Facebook und anderen sozialen Medien postet sie ihr Aussehen von früher und heute. Sogar ihr Röntgenbild hat sie dort veröffentlicht. Trotzdem sie eine Schuluniform tragen muss, fällt ihr immer irgendein Detail ein, mit der sie selbstbewusst ihre Individualität ausdrücken kann. Früher war die Beziehung zwischen Olesya und ihrer Mutter sehr angespannt und konfliktreich, heute sind die beiden beste Freundinnen.

"Durch die Hilfe aus Österreich hat sich das Schicksal dieser Familie in dramatischer Weise zum Positiven gewandelt!", sagt mir später der Priester der örtlichen Kirche, Vater Aleksandr, an den sich die Mutter in ihrer Not früher oftmals gewendet hatte. «Als sie aus Österreich zurückkam», erzählt er mir, "sprühte sie förmlich vor Begeisterung und Lebensfreude – als wäre sie ein ganz anderer Mensch! Sie war gar nicht wiederzuerkennen!"

Es ist schön, so viele positive Rückmeldungen auf die Anstrengungen von GLOBAL 2000 zu erhalten und zu erleben, wie segensreich und lebensverändernd die tatkräftige Hilfe der österreichischen SpenderInnen in diesem Internat ihre Wirkung entfaltet hat. Vater Aleksandr ist extra zum Mittagessen vorbeigekommen, um mich wiederzusehen.

Wir hatten uns vor einem Jahr kennengelernt und gut verstanden. Er schenkt mir eine Ikone des Heiligen Aleksandr Newski, an den ich ihn angeblich erinnere. Aus dem Internet erfahre ich später, dass besagter Heiliger im 13. Jahrhundert ein kämpferischer, teilweise grausamer Fürst war, der in einer berühmten Schlacht ein Kreuzritterheer auf den Peipusee gelockt hatte, wo es mit den schweren Rüstungen einbrach und ertrank. Ich frage mich nun, wo Vater Aleksandr wohl zwischen uns Ähnlichkeiten erkennt?? Bei unserer nächsten Begegnung muss ich ihn unbedingt danach fragen.

Übergabe einer Ikone von Vater Alkesandr an Christoph Otto

Dienstag, 12.12. 2016

Am nächsten Tag überschwemmt uns die Dankbarkeit der Eltern und anderen Angehörigen jener Kinder, denen GLOBAL 2000-SpenderInnen Operationen, andere medizinische Hilfe oder den Kauf von Winterkleidung ermöglicht haben. Die Hilfe aus Österreich ist für sie wie ein Wunder.

Emotionaler Empfang im InternatSie erwarten uns alle gemeinsam nach dem Frühstück im Internat und überhäufen uns mit Ansprachen, Gedichten und Geschenken, die wir leider unmöglich zu unseren SpenderInnen nach Österreich mitnehmen können. Alle die liebevollen Gaben würden unser zulässiges Fluggepäck um eine Vielfaches übersteigen lassen. Die Hilfe, die ihre Kinder aus Österreich erhalten und deren Leben und gesamte Zukunft entscheidend zum Besseren gewendet haben, hätten diese Mütter und Väter niemals aus eigener Tasche finanzieren können.

Daher sind die Emotionen nur allzu verständlich und auf jeden Fall liebevoll anzunehmen. Wie immer vermisse ich in dieser Situation aber die tatsächlichen SpenderInnen neben mir, denen diese strahlenden Augen eigentlich gebühren. Ich bemühe mich immer, Ihnen allen meine außergewöhnlichen Erfahrungen und Erlebnisse in der Ukraine zu vermitteln, aber die unendliche Dankbarkeit dieser Menschen in Worte zu fassen, übersteigt meine diesbezüglichen Möglichkeiten bei weitem.

Später werden wir eingeladen, an der Gestaltung eines gemeinsamen Kunstwerkes teilzunehmen. Wir nehmen gerne an.

Im Rahmen einer sehr interessanten Führung durch das Internat dürfen wir auch an der Montessori-Geburtstagsfeier eines kleinen Mädchens teilnehmen. Nachdem früher in ukrainischen Heimen Geburtstage immer nur einmal im Monat für alle Geburtstagskinder gemeinsam gefeiert wurden, ist diese Feier ein berührendes Erlebnis für mich, ein Riesenschritt weg von der kollektiven hin zur individuellen Wahrnehmung des Kindes.

Ein Kunstwerk wird gemeinsam gebastelt.Kinder sitzen im Kreis um Geburtstag zu feiern.Kinder sitzen im Kreis für Montessori-Geburtstagsfeier.

Es folgen Demonstrationen augentherapeutischer Methoden in der medizinischen Abteilung und schließlich Wettspiele, bei denen den Kindern in der Aufregung gar nicht bewusst ist, dass sie dabei ihre Augen trainieren.

Um uns die Sehbehinderungen der Kinder nachempfinden zu lassen und zumindest optische Chancengleichheit zu ermöglichen, tragen wir die ganze Zeit über Spezialbrillen. Wir erfahren dadurch, wie Menschen mit einer Sehbehinderung die Welt wahrnehmen.

Die Hexe Baba Yaga führt die Kinder durch das Programm der Veranstaltung.Die Hexe Baba Yaga führt mit Elan und Emotion durch das Programm und schließlich sind wir Gäste aufgefordert, die Siegerehrung durchzuführen. Nicht nur für die Kinder, sondern auch für uns Erwachsene ist es eine aufregende, spannende Veranstaltung.

Am Nachmittag fällt uns auf, dass am Schulgebäude gerade Baumaßnahmen zur Wärmedämmung vorgenommen werden. Die Gelder dafür wurden jedoch erst so spät von der Regierung freigegeben, dass sie unmöglich bis Jahresende 2016 verwendet werden können. Der nicht verwendete Rest fällt an Kiev zurück. Da jedoch jeweils der Internatsleiter für alle Bau- und technischen Kontrollen am Gebäude zuständig ist, entscheiden sich viele Einrichtungen letztendlich gegen eine solche Unterstützung. Ihre Leiter sind nämlich dann für alle Folgeschäden und Baumängel selbst verantwortlich und rechtlich haftbar.

Ebenso hat die Regierung verfügt, dass der Mindestlohn in den Internaten ab 01.01.2017 mindestens 3200 Griwna, umgerechnet etwa 110 Euro, betragen muss, obwohl weiterhin nur umgerechnet 41 Euro dafür bereitgestellt werden. Den Rest sollen die DirektorInnen einsparen. Dadurch werden sie aber quasi in die Kriminalität gezwungen, denn „Einsparungen“ sind nur durch Abzweigen anderer legal gewidmeten und gesetzeskonformen Geldern möglich. Außerdem sind die vorgeschriebenen Anhebungen teilweise extrem: BuchhalterInnen und Putzpersonal bekommen wieder wie früher im Kommunismus annähernd das gleiche Gehalt.

Baumaßnahmen zur Wärmedämmung

Ich bewundere die Verantwortlichen der pädagogischen Institutionen, die trotz aller offiziellen Hürden und Fallstricke tagtäglich konsequent und ungebrochen engagiert für die ihnen anvertrauten Kinder kämpfen. Die PädagogInnen hier in der Ost-Ukraine leisten ihre Arbeit angesichts beträchtlicher persönlicher Risiken, wobei der Krieg vor der Haustüre nur eines davon darstellt. Die Unterstützung der österreichischen SpenderInnen gibt ihnen Kraft und Mut, für das Wohl der Kinder alles zu tun, was notwendig ist, dabei ihre eigenen Ängste und Befürchtungen zu verdrängen und den politischen Gegebenheiten die Stirn zu bieten.

Mittwoch, 13.12. 2016

Auf der Fahrt nach Novoaidar passieren wir mehrere militärische Kontrollposten und der bedrohliche Schatten latenter Gefahr scheint sich nicht nur über uns, sondern über die ganze Landschaft zu legen.

Anton Zaika und seine Mutter Olga.In Novoaidar erwarten uns zu allererst Anton Zaika und seine Mutter Olga. Der mehrfach in Wien operierte halbseitig gelähmte Bub, den ich seit seinem fünften Lebensjahr kenne, studiert mittlerweile an der Universität in Severodonetsk Deutsch, Englisch und Spanisch.

Der junge Mann fährt meistens alleine mit dem Bus zu den Vorlesungen und macht mit seinem freundlichen und einnehmenden Wesen keinerlei schlechte Erfahrungen im Zusammenhang mit seinem Studium. Alle Prüfungen hat er bisher erfolgreich bestanden. Auf meine konkrete Nachfrage erfahre ich, dass er trotz seines Spasmus mit der Hand Mitschriften in nur für ihn lesbaren Kürzeln anfertigt. Ich bin begeistert, wie großartig er mit seinem Schicksal umgeht und wie souverän er seine Behinderung meistert. Meine Mitteilung, dass Anton und seine Mutter im Sommer 2017 nach Hagenbrunn eingeladen sind, ist für sie eine völlig unerwartete freudige Überraschung. Der Vater und Ehemann Aleksandr arbeitet immer noch in Moskau und schickt seiner Familie durch Bekannte Geld zum Leben. Er besucht sie – trotz der ständigen Gefahr zum Militär einberufen zu werden – ab und zu und das muss ihnen in der jetzigen Lebenssituation vorerst genügen.

Wir nehmen Abschied von Familie Zaika und fahren weiter ans andere Ende von Novoaidar zum Internat für Kinder mit Atemwegs- und Herz und Kreislauf-Erkrankungen, sowie Skoliose. Dort erledigen wir wie immer zuerst die finanziellen Dinge, die Übergabe von materiellen Hilfen und die Übernahme von schriftlichen Bestätigungen und Dokumenten, ehe wir uns einzelnen Kindern mit konkreten Problemen zuwenden.

Julia Krynychna kann wieder entspannt lachen, die Zahnlücke geschlossen.Ganz besonders freut mich das Wiedersehen mit der 15-jährigen Juliya Krynychna. Im vergangenen Sommer in Graz traute sich das Mädchen niemals offen zu lächeln und hielt sich stets die Hand vor den Mund. Juliya fehlte ein Zahn in der oberen vorderen Zahnreihe, eine Katastrophe für das heranwachsende Mädchen. Inzwischen wurde die Zahnlücke mittels Ihrer Hilfe geschlossen. Jetzt kann Julia wieder entspannt lachen.

Die Buben und Mädchen, denen unsere SpenderInnen Winterkleidung und Schuhe finanziert haben, waren – ganz untypisch für ihr Alter – auf eine verschreckte Art sehr dankbar und sagten Dinge wie: „Noch nie in meinem Leben habe ich so schöne Geschenke bekommen.“ (Sergey Apasov). „Ich bin so glücklich über all die Geschenke, die ich aus Österreich bekommen habe. Mein erster Gedanke war, dass es doch auf der Welt Menschen gibt, denen ich nicht gleichgültig bin und die an mich denken.“ (Yevgeniy Yakovlev). „Sie sind wie gute Zauberer für mich!“ (Vitaliy Slezarev). „Jetzt habe ich alles wie normale Kinder. Ich bin sehr glücklich, dass ich jetzt Kleidung wie alle anderen haben kann.“ (Vladislav Navka). „Ich fühlte mich glücklich wie im siebten Himmel. Niemand hat sich je so um mich gekümmert.“ (Sofiya Kyashchenko) « Nie zuvor habe ich mich so glücklich gefühlt!“ (Bogdan Astreinov). 

Die Kinder sind glücklich über die neue Winterkleidung und Schuhe. Kind hält die neue Winterkleidung in Händen. Die Kinder freuen sich über die neue Winterkleidung.

Eher still und in uns gekehrt fahren wir rechtzeitig vor der nächtlichen Sperre durch die Dunkelheit an den Kontrollposten vorbei zurück in unser Hotel in Rubezhnoye, wo wir uns noch zusammensetzen und einigen Gesprächsbedarf haben, um alles Erlebte verarbeiten zu können.

Am nächsten Morgen geht es nach dem Frühstück nach Severodonetsk, wo die Landesregierung des freien Teils des Lugansker Gebietes jetzt ihre Amtsräume hat.

 

Stimmungsbild winterliche Straße in Severodonetsk

 

Handschlag mit dem Landesrat Yuriy Viktorovych StetsyukDort residiert jetzt der neue Landesrat für Erziehung und Wissenschaft, Yuriy Viktorovych Stetsyuk, der um ein Treffen mit uns gebeten hat. Wir machen Bekanntschaft mit einem sympathischen, offenen und sachorientierten Mann, der gut über die jahrelange Arbeit von GLOBAL 2000 in der Region informiert ist. Bei der Lieferung von dringend benötigten Hilfsgütern in die frontnahe Zone verspricht er alle Hilfe, die ihm möglich ist. Seit Kriegsausbruch hat das Ministerium für Sozialpolitik der Ukraine keine Genehmigungen für humanitäre Transporte in die frontnahe Region erteilt. Aber eigentlich kennt niemand die genauen Fakten. Wir vereinbaren konkrete Schritte für die bilaterale Zusammenarbeit in der Zukunft und posieren für ein gemeinsames Foto. 

Die Frage, ob unsere Wiener Spedition einen Fahrer finden wird, der bereit ist, dorthin zu fahren, bleibt zunächst offen. Jetzt müssen erst einmal die nächsten fast fertigen LKWs für Kharkov abgefertigt werden. Dann werden wir weiter sehen.

 

Für mich ist es ein überraschend positives und erfolgversprechendes Gespräch mit dem Verantwortlichen aller pädagogischen Einrichtungen in dieser krisengeschüttelten Region.

Anschließend fahren wir in unser Hotel zurück, nehmen unser Gepäck und machen uns auf die Rückfahrt nach Kharkov. Unterwegs bleiben wir spontan bei der Kirche in Krasny Liman stehen und werden durch ein außergewöhnliches Bauwerk belohnt. Eine Holzkirche aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.

 

Blaue Holzkirche in Krasny Liman, Ukraine.

 

Nette Menschen sperren uns die Türen auf und erklären uns die Geschichte und die Besonderheiten des Gotteshauses. Nach all den nervenaufreibenden Erlebnissen der letzten Tage bedeuten diese Eindrücke eine echte Seelennahrung und Energieauffrischung für uns.

Auf der Fahrt durch die verschneite Landschaft beschließen wir, auch noch beim Kloster Svyiatogorsk Station zu machen. Eine sehr gute Entscheidung, nicht nur wegen des schönen Winterpanoramas.

 

Fluss in Svyatogorsk mit Kloster im Hintergrund, dahinter Gebirge.

 

Techniker und Fahrer Andrey Ostapets und rechts Josef Kastl.Als wir nach längerer Suche ein offenes Café finden, fällt dort endlich die Last der letzten Tage von uns ab und bringt unseren Humor wieder zum Vorschein. Hier sieht man links unseren Techniker und Fahrer Andrey Ostapets und rechts Josef Kastl.

Dass die Wirtin im Cafe Iryna uns letzlich Gerichte serviert, die wir trotz ihrer eindringlichen Anpreisung nicht bestellt haben, trägt ebenfalls zu unserer wiedergefundenen guten Laune bei. Iryna akzeptiert kein Nein – gegessen wird, was auf den Tisch kommt! Wir fügen uns und essen alles auf.

Am darauffolgenden Tag besuchen wir zu allererst die Hämatologische Station am Kinderkrankenhaus Nr. 16, für die wir umfangreiche medizinische Hilfsmittel aus Österreich mitgebracht haben.

Die neuen Stirnthermometer werden gleich ausprobiert.

Auf der Hämatologischen Station am Kinderkrankenhaus Nr. 16 in Kharkov werden Hilfsmittel übergeben. Die Ärztin Ludmilla Marenych im Kinderkrankenhaus probiert die soeben übergebenen Stirnthermometer an Christoph Otto aus.

 

Ganz besonders ist für mich die Begegnung mit dem kleinen leukämiekranken Denys Nerusch und seinen Eltern, für den wir Geschenke von SpenderInnen dabei haben. Der kleine Bub überrascht mich sehr. Als ich die Packerl vor ihn hinlege, stürzt er sich nicht, wie es wohl die meisten Kinder seines Alters tun würden, darauf. Stattdessen streckt er seine kleine Hand aus, um sich bei mir zu bedanken. Das verblüfft mich außerordentlich. 

 

Denys gibt Christoph Otto die Hand. Porträtfoto Denys Nerusch

 

Danach treffe ich den mittlerweile sechsjährigen Maksym Mysik und seine Eltern, die gerade zur Kontrolle im Krankenhaus sind. Unsere SpenderInnen haben der Familie die lebensnotwendigen Medikamente und sogar eine neue Kuh gekauft, nachdem diese innerhalb einer Woche alles Wertvolle zu Geld gemacht hatte, um dem leukämiekranken Kind alle erdenkliche Hilfe zukommen zu lassen. Maksym ist mittlerweile in Remission, d.h. die Symptome sind derzeit verschwunden. Er ist zu Hause und scheinbar gesund – das ist jedoch keinesfalls eine sichere und endgültige Heilung. Der kleine Bub zeigt momentan die typische Verhaltensweise eines Kindes, das lange im Krankenhaus war: Nachdem er so lange Zeit verwöhnt worden ist, kann er nur schwer ein Nein akzeptieren und drangsaliert seine armen Eltern, damit sie ihm all seine Wünsche erfüllen :).

 

Maksym und seine Eltern.

 

Der Rundgang durch die hämatologische Abteilung ist wie immer bedrückend, denn die Sorgen, Ängste und Nöte der Eltern und kranken Kinder erfüllen die Räume. Alle bemühen sich um freundliche Gesichter, aber man merkt in jeder Sekunde, dass es nur eine heroische Fassade ist.

Christoph Otto spricht mit PatientInnen im Kinderkrankenhaus Nr. 16 in Kharkov Pörträtaufnahme von einem Kind im Kinderkrankenhaus Nr. 16 in Kharkov Patient im Kinderkrankenhaus Nr. 16 in Kharkov

Zusätzlich zu den kranken Kindern, für die diese hämatologische Abteilung in Kharkov zuständig ist, sind in den vergangenen drei Jahren 134 kleine PatientInnen aus den umkämpften Regionen eingeliefert worden, vor allem aufgrund der positiven Berichterstattung im Internet. Mittlerweile muss die Station jedoch Kinder auf andere Krankenhäuser im Land verteilen, weil es einfach zu viele sind. Durch telefonische Kontakte mit diesen Krankenhäusern soll dennoch eine optimale Behandlung gewährleistet werden. Es sind auch Krankenhäuser aus den besetzten Städten Donetsk und Lugansk darunter.

Krankenschwester Oksana Fesenko präsentiert das Dialysegerät.Tatyana Kharchenko, Direktorin des Krankenhauses,  zeigt die Trinkwasser-Reinigungsanlage aus Österreich.

Durch die jahrelange Hilfe von GLOBAL 2000 hat die Kharkover Station an medizinischer Kompetenz und Qualität so stark gewonnen, dass sie in der Ukraine einige Bekanntheit erlangt hat. Auf dem Bild präsentiert Krankenschwester Oksana Fesenko, die auch in Wien ausgebildet wurde, das Dialysegerät (rechts) und den Apparat zur Herstellung von Thrombozythenkonzentrat (links), die beide durch GLOBAL 2000-SpenderInnen finanziert worden sind.

Die Direktorin des Krankenhauses, Tatyana Kharchenko (rechts im Bild mit einer Küchenhilfe) möchte auch unbedingt die Trinkwasser-Reinigungsanlage aus Österreich präsentieren, die es dem Spital erlaubt, seinen kleinen PatientInnen eine ganz neue Qualität der Grundversorgung zu bieten. Aber trotz der vielen positiven Verbesserungen der medizinisch-therapeutischen Umgebung, ist die hohe Anzahl an Leukämie-Neuerkrankungen mit besonders schweren Umständen und Begleiterscheinungen den verantwortlichen ÄrztInnen eine große Herausforderung und Belastung. Sie betonen immer wieder, dass sie ohne die Hilfe aus Österreich den hohen Standard der medizinischen Versorgung und die daraus resultierende hohe Heilungsrate nicht aufrechterhalten könnten.

Anschließend nehmen wir zwei Termine zu Gesprächen mit VertreterInnen der Stadtverwaltung im Rathaus wahr, bei denen es hauptsächlich um die Standorte der neuen 20 Trinkwasseranlagen geht, die von der Stadt Wien als Weihnachtsgeschenk für pädagogische Einrichtungen in Kharkov gespendet wurden, sowie um Fragen zu Transportlogistik und Zollformalitäten. Vom Fenster der Stadtverwaltung aus sehen wir auf den Platz der Freiheit und den Weihnachtsmarkt, den man sich von der Partnerstadt Nürnberg abgeschaut hat und heuer erstmals auch selbst veranstaltet. Wir hatten fast vergessen, dass in wenigen Tagen Weihnachten ist.

Weihnachtsmarkt in Kahrkov mit blau gelben Christbaum.

Am Abend besuchen wir den Chefarzt des Krankenhauses Nr. 18, Dr. Borys Menkus, dessen Vater in den 1940er-Jahren als Zwangsarbeiter in Wien gelebt hat. Ich habe für den Sohn Nachforschungen über seinen Vater und die Umstände der ZwangsarbeiterInnen in der Nazizeit in Wiener Archiven und Museen angestellt und berichte ihm nun über die vorläufigen Ergebnisse meiner Recherche. Dr. Menkus hat für uns einen leckeren Imbiss vorbereitet und nach der intensiven und konzentrierten Arbeit ist dieses Treffen ein sehr angenehmer Ausklang des Tages für uns alle.

Die folgenden beiden Tage der Reise stehen im Zeichen der Besichtigung verschiedener Schulen und Kinderheime, die als nächstes Trinkwasserfilteranlagen für ihre Kinder erhalten sollen. Besonders zwei Schulen, die Inklusion betreiben, also behinderte SchülerInnen in den Klassenverband integrieren, wecken mein Interesse, weil solche pädagogischen Ansätze in der Ukraine ganz neu sind. Momentan scheint es hauptsächlich Kinder mit körperlichen Behinderungen und geringen Defiziten im Bereich Sprache, sowie Seh- und Hörvermögen zu betreffen und wir sehen auch nur sehr wenige AssistenzlehrerInnen. Meinem Eindruck nach wird das Projekt von den Schulen dennoch sehr ernsthaft und mit Begeisterung betrieben. Sie pflegen intensive Partnerschaften mit Schulen im westeuropäischen Ausland und sind stolz auf ihre Homepages. Der Besuch aus Österreich freut sie sehr, und wir werden durch mehrere Klassen geführt.

Am letzten Tag lernen wir im Kulturpalast für Kinder und Jugendliche noch einen ukrainischen Meister im Bau von Modellraketen kennen und besichtigen anschließend eine Gemäldegalerie. Aber unsere Energien sind spürbar aufgebraucht und so richtig aufnehmen können wir diese als Erholung gedachten Eindrücke nicht mehr.

Nach einer kurzen Nacht chauffiert uns unser Fahrer um 3 Uhr Früh von Kharkov zum Flughafen nach Kiev. Weil es schon wieder zu schneien begonnen hat, ist die Abfahrt um eine Stunde vorverlegt worden. Um halb drei Uhr nachmittags landen wir bei milden Temperaturen wohlbehalten wieder in Wien. Ich kann kaum glauben, dass in sechs Tagen Heiliger Abend ist. Trotz der weihnachtlichen Stimmung hängen mir die Bilder und Erlebnisse unserer Reise noch lange nach.