Publikation, 09.01.2022

Pestizidatlas 2022

Daten und Fakten zu Giften in der Landwirtschaft

Im Bier und im Honig, auf Obst und Gemüse, im Gras auf Spielplätzen und sogar im Urin und in der Luft – überall lassen sich mittlerweile Spuren von Pestiziden aus der Landwirtschaft nachweisen. Dabei ist die Erkenntnis, dass sich Pestizide negativ auf die menschliche Gesundheit auswirken, keineswegs neu. Auch ist seit Jahren bekannt, dass sie massiv Insekten und Pflanzen schädigen und Gewässer kontaminieren.

Doch wie ist die Situation derzeit weltweit und in Österreich? Welche Substanzen dürfen eingesetzt werden? Wie wirkten sich Pestizde auf kleinbäuerliche Betriebe aus? Welche Insekten leiden besondern unter den Umweltgiften? Und wie kommt es überhaupt zur Zulassung dieser Stoffe? All diesen Fragen gehen wir im aktuellen Pestizidatlas 2022 auf den Grund.

Cover Pestizidatlas 2022

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Pestizidreduktion? Fehlanzeige...

Bereits seit den 1960er Jahren weiß man über die schädlichen Auswirkungen der Pestizidanwendung Bescheid. Seitdem wurden viele Pestizide vom Markt genommen. Neue kamen mit dem Versprechen hinzu, sie seien ungefährlicher für Gesundheit und Umwelt. Ein Versprechen, das selten eingelöst wurde.

Trotz vieler Verschärfungen in den Zulassungsverfahren und freiwilliger und verbindlicher Vereinbarungen zum Umgang mit Pestiziden werden heute weltweit so große Mengen Pestizide ausgebracht wie nie zuvor. Laut einer aktuellen Studie ist die Zahl der jährlich von Pestizidvergiftungen betroffenen Menschen auf 385 Millionen gestiegen, und der Pestizideinsatz ist als ein Hauptverursacher des Artenrückgangs anerkannt. In besonders artenreichen Ländern wie Brasilien hat der Anbau von gentechnisch verändertem Soja dazu beigetragen, dass der Pestizideinsatz dramatisch steigt.

Pestizidatlas 2022 - Pestizidatlas, Eimermacher/Puchalla, CC BY 4.0
Pestizidatlas, Eimermacher/Puchalla, CC BY 4.0

In Österreich hat sich die eingesetzte Pestizidmenge in den letzten Jahrzehnten nur minimal verringert. Bemühungen um eine Reduktion des Pestizideinsatzes und seiner schädlichen Auswirkungen auf Mensch, Natur und Umwelt fehlte bislang offenkundig der politische Wille.

Kaum ein Land weltweit hat eine ambitionierte Pestizidreduktionsstrategie oder gar Konzepte für eine Landwirtschaft, die wirklich unabhängig vom chemischen Pflanzenschutz ist. Und das nicht ohne Grund: Der Markt für Pestizide ist sehr lukrativ. Nur wenige gut vernetzte und einflussreiche Agrarchemiekonzerne teilen ihn unter sich auf. 

Die vielversprechenden Wachstumsmärkte für ihre Produkte liegen längst nicht mehr in Europa, sondern vor allem in Lateinamerika und Asien. Aber auch in afrikanische Länder werden zunehmend Pestizide exportiert – nicht zuletzt solche, die in der EU aufgrund ihrer gesundheits- oder umweltschädigenden Wirkung nicht mehr zugelassen oder verboten sind. Eine langjährige Forderung der internationalen Zivilgesellschaft lautet deshalb: endlich Gesetze zu schaffen, die konsequenterweise auch diese giftigen Exporte verbieten. Freiwillige Beschränkungen und Zahlenspielereien sind laut einer Umfrage für die jungen Menschen keine Option. Es sollte ernsthafte und wirksame Kontrollen und gleichzeitig Unterstützung für die Bäuerinnen und Bauern geben, damit sie weniger Pestizide verwenden.

Durch die Klimakrise werden Pflanzenkrankheiten, Schädlingsbefall und Extremwetterlagen in vielen Teilen der Welt zunehmen. Um den dadurch bereits erhöhten Druck auf nützliche und unverzichtbare Insekten und Pflanzenpopulationen zu verringern, müssen sich unsere Agrarsysteme darauf einstellen, diesen Herausforderungen auch mit weniger Pestiziden zu begegnen. Dafür müssen sie vielfältiger werden und Nützlinge als Verbündete schützen und einsetzen. Den Kampf mit der Natur und nicht gegen sie zu führen ist eine enorme Aufgabe. Für ihr Gelingen müssen wir die Weichen jetzt stellen. Deshalb wollen wir mit diesem Atlas Daten und Fakten für eine lebendige Debatte liefern.

Fakten über den Pestizideinsatz in der Landwirtschaft

  • Der Einsatz von Pestiziden steigt weltweit, obwohl die gesundheitlichen und ökologischen Folgen lange bekannt sind. Die internationalen Ziele zum Schutz der Biodiversität können nur erreicht werden, wenn ihre Nutzung von Pestiziden deutlich verringert wird.
     
  • Herbizide werden gegen ungewollte Pflanzen ausgebracht und sind die meistgenutzte Wirkstoffgruppe. Insektizide wirken gegen schädliche Insekten – häufig schon in kleinsten Mengen und auch bei den Insekten, die nicht gemeint sind.

Grafik: Auswirkungen von Pestiziden auf Bienen CC BY 4.0 Pestizidatlas / Eimermacher / Puchalla
Pestizidatlas, Eimermacher/Puchalla, CC BY 4.0

  • Jährlich kommt es weltweit zu rund 385 Millionen Pestizidvergiftungen. Vor allem Menschen im globalen Süden, die auf dem Land arbeiten, sind betroffen.
     
  • Pestizide, die in Europa aus ökologischen oder gesundheitlichen Gründen nicht zugelassen sind, werden dennoch hier produziert und in andere Länder exportiert. Auch deutsche Unternehmen beteiligen sich an diesem Geschäft.
     
  • In der EU existieren strenge Kriterien für die Zulassung von Pestiziden. Die schädlichen Auswirkungen von Pestiziden auf ganze Ökosysteme werden dabei jedoch nicht berücksichtigt.
     
  • Pestizidwirkstoffe bleiben meist nicht dort, wo sie ausgebracht werden. Sie können versickern, verwehen oder durch die Luft sehr weit transportiert werden – manche bis über 1.000 Kilometer weit.
     
  • Pestizidrückstände in Lebensmitteln können gesundheitsschädlich sein. Trotz des Versuchs, sich weltweit zu einigen, weichen die erlaubten Höchstwerte von Land zu Land stark voneinander ab.
     
  • Auf langjährig ökologisch bewirtschafteten Flächen, auf denen keine chemisch-synthetischen Pestizide eingesetzt werden, wachsen 17-mal so viele unterschiedliche Pflanzen wie auf Flächen, die erst wenige Jahre zuvor auf ökologische Landwirtschaft umgestellt wurden.
     
  • Nützlinge sind die natürliche Feinde von Schädlingen. Sie zu fördern, kann dabei helfen, den Einsatz von Pestiziden zu reduzieren.
     
  • Junge Menschen fordern, dass sich die Regierung stärker dafür einsetzt, dass weniger Pestizide genutzt werden. Besonders giftige Pestizide sollten verboten werden.
     
  • Der Schutz von sauberem Wasser und der biologischen Vielfalt sind jungen Menschen besonders wichtig. Sie wollen nicht, dass diese durch Pestizide belastet oder gefährdet werden.
     
  • In einigen Regionen der Welt werden bereits weniger Pestizide eingesetzt und besonders gefährliche Pestizide verboten. Doch einen verbindlichen internationalen Vertrag zur Reduktion von Pestiziden gibt es bislang nicht.

Dieser Atlas soll all diejenigen in ihrer Arbeit und ihrem Engagement unterstützen, die sich für eine nachhaltige Reduktion von Pestiziden einsetzen. Er beleuchtet die Probleme, die aus der industriellen Landwirtschaft entstehen, und liefert neue Daten und Fakten zu Themen, die wir auch zuvor schon aufgegriffen haben. 

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