Neuigkeit, 18.11.2022

Kamp- & Kremstal: Großflächige Zerstörung letzter Naturwälder

GLOBAL 2000 deckt großflächige Abholzungen im Naturschutzgebiet Kamp- und Kremstal auf. Nun ist das Land Niederösterreich gefordert, sich für den Erhalt der letzten Naturwälder einzusetzen.

Kamp- und Kremstal, großflächige Zerstörung letzter Naturwälder

© Matthias Schickhofer

Kamp- und Kremstal als Natura 2000-Schutzgebiet

Das mittlere Kamptal im Waldviertel ist Heimat von mehreren 100 Hektar naturnahen, teils urwaldartigen Hangwäldern. Als Lebensraum zahlreicher streng geschützter Arten ist das Kamp- und Kremstal Teil des EU-Schutzgebiet-Netzwerkes Natura 2000. Für dieses Europaschutzgebiet ist ein „ausreichendes Ausmaß“ an „naturnahen, strukturreichen Waldbeständen mit ausreichendem Alt- und Totholzanteil“ zu erhalten. Gemäß der EU-Schutzbestimmungen darf der Erhaltungszustand der Schutzgüter nicht verschlechtert werden. So weit die Voraussetzungen. 

Was passiert gerade im Kamp- und Kremstal?

Seit der Ausweisung des Schutzgebietes im Jahr 1998 kam es zu zahlreichen Schlägerungen. Es wurden auch urwaldartige Wälder flächig abgeholzt. Die meisten Kahlschläge erfolgten in den vergangenen sechs Jahren
Entsprechende Fällungen und Kahlhiebe auf den betroffenen Flächen wirken sich auf den Lebensraum der Tier- und Pflanzenwelt aus. Der Erhalt von seltenen und geschützten Tieren ist dadurch gefährdet. 

Vorher - Nachher Vergleich: Das Kamptal 

Kamptal: intakter Naturwald 2014
Kamptal: Zerstörung 2022
Kamptal intakter Naturwald 2016
Kamptal zerstörter Naturwald 2022

© Matthias Schickhofer

Warum lohnt es sich, das Kamp- und Kremstal zu schützen?

3% der verbliebenen Waldfläche in Österreich fallen unter die Definition des Ur- oder Naturwaldes. Dazu gehören auch die Wälder des Kamp- und Kremstal. Für viele, teils streng geschützte Arten geht durch die Schlägerungen ein wichtiger Rückzugsort verloren. Besonders Fällungen von alten und mächtigen Bäumen, die als Biotopbäume Herberge für viele Arten sind, haben negative Auswirkungen auf den Zustand der Naturwälder. Diese gilt es mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu schützen. 

Der Naturwald im Kamp- und Kremstal besteht aus: 

  • Laubwälder
  • Schlucht- und Hangmischwälder
  • seltene Eichen- und Buchenwälder
  • hundert Jahre alten Buchen
  • seltenen Ahorn-Lindenwälder

Darin leben unter anderem:

  • Seltene Käferarten 
    • Hirschkäfer (Lucanus cervus) 
    • Eremit (Osmoderma eremita)
    • Veilchenblaue Wurzelhalsschnellkäfer
  • Bechstein- & Mopsfledermaus
  • seltener Spechtarten
  • Seeadler
  • Eulen
  • Schwarzstörche

Dass diese geschützten Wälder und ihre Bewohner wegen unkontrollierter Schlägerungen nach und nach verschwinden, ist ein untragbarer Zustand. Schließlich profitieren wir alle von intakten Wäldern. Sie sorgen für frische Luft, sauberes Trinkwasser, Abkühlung im Klimawandel, binden CO2 und dienen uns als Erholungsraum. Naturwälder sind auch resilienter und stabiler in Zeiten der Klimakrise, denn sie speichern mehr Wasser, bleiben an Hitzetagen kühler und sind weniger anfällig für Schädlingsbefall als Fichtenforste oder andere Monokulturen. 

Naturwald Kamptal

© Matthias Schickhofer

Wer ist für die Abholzung verantwortlich?

Es sind mehrere Faktoren zu berücksichtigen, wenn es um die Suche nach den Verantwortlichen geht. In letzter Konsequenz hat sich in diesem September die EU eingeschaltet. Demnach sind in Österreich „Gebiete von gemeinschaftlichem Interesse“ nicht als solche ausgewiesen. Es fehlen aber auch entsprechende Erhaltungsziele und Maßnahmen für jene Gebiete, die bereits ausgewiesen sind. Letzteres dürfte auf das hier betroffene Kamp- und Kremstal zutreffen. 

Es wurden keine Maßnahmen oder Ziele definiert

Die EU-Naturschutzgesetzgebung verbietet Verschlechterungen für geschützte Lebensräume und Arten. Die niederösterreichische Landesregierung und die Naturschutzbehörde kommt ihren gesetzlichen Verpflichtungen nicht ausreichend nach. Das gegen Österreich eingeleitete EU-Vertragsverletzungsverfahren unterstreicht dies zusätzlich.
Die entsprechenden Flächen wurden bis dato nicht oder zumindest nicht bekannt, kartiert, dokumentiert oder gar beforscht. Die EU-Kommission verortet in diesem Zusammenhang sogar „systemische Mängel“ in Bezug auf die Umsetzung und den Schutz von Natura 2000-Gebieten. 

Wie können wir die Zerstörung verhindern?

Das ÖKOBÜRO und GLOBAL 2000 haben nach dem Niederösterreichischen Auskunftsgesetz, sowie dem Umweltinformationsgesetz (UIG) und dem Auskunftsgesetz des Bundes Anfragen an die zuständige Forstbehörde gestellt. Informationen zu den in einem bestimmten Zeitraum angezeigten, geplanten oder bereits erfolgten Fällungen sollen dadurch transparent kommuniziert werden. Die Information über die geplanten oder durchgeführten Fällungen stellt eine Umweltinformation dar. Gleichzeitig haben wir einen Feststellungsantrag auf Durchführung einer Naturversträglichkeitsprüfung (NVP) für die Schlägerung im Kamptal eingereicht. 

Warum das gerade jetzt von größter Dringlichkeit ist: Der Winter ist die Zeit der Abholzungen, weshalb jetzt reagiert werden muss. Die Behörde muss als Sofortmaßnahme jegliche forstliche Nutzung in jenen Waldparzellen untersagen, die potenziell Schutzgüter beherbergen. Und zwar so lange, bis die notwendigen Naturverträglichkeitsprüfungen durchgeführt wurden.

Für die unversehrte Bewahrung der ökologisch wertvollen Wälder braucht es jetzt:

  • flächengenaue Erfassung der Naturwälder 
  • Erstellung eines Natura 2000 - Waldmanagement-Plans 
  • klaren, messbare Ziele
  • gebietsgenaue Regelungen
  • Zusammenarbeit mit den Waldbesitzer:innen

Naturschutz wird behördlich gebremst

Umweltschutz ist in Österreich in den Bundesländern verantwortet. In Niederösterreich haben nur zwei Parteien das Recht, eine Naturverträglichkeitsprüfung respektive ein Feststellungsverfahren zu beantragen. Einerseits die Projektwerber:innen selbst, andererseits die niederösterreichische Umweltanwaltschaft. In beiden Fällen werden Umweltorganisationen erst nach positiver Bestätigung in den Prozess mit eingebunden 

Wir fordern:

  • Das Land Niederösterreich und die zuständigen Behörden dürfen nicht länger untätig zuschauen.
  • Das Land Niederösterreich muss den Waldbesitzer:innen einen Rahmen bieten, in dem eine naturnahe und nachhaltige Bewirtschaftung möglich ist. 
  • Die letzten Naturwälder müssen unberührt bleiben

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