Publikation, 12.05.2022

Pestizid-Einsatz bei Neue Gentechnik-Pflanzen

Die Europäische Kommission will uns weismachen, dass mittels Neuer Gentechnik (NGT) hergestellte Pflanzen zu einer Verringerung des Pestizideinsatzes beitragen. Wir haben geprüft, wie viel Wahrheit hinter dieser Behauptung steht.

Die Europäische Kommission hat es sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 die Pestizide in der Landwirtschaft um 50 Prozent zu reduzieren. Pflanzen aus Neuer Gentechnik (NGT) sollen nun angeblich dabei helfen, dieses Ziel zu erreichen und die bestehenden Ernährungs- und Landwirtschaftssysteme zu verbessern. Um die Markteinführung dieser Gentech-Pflanzen zu beschleunigen, hat die EU-Kommission eine Überarbeitung des aktuell geltenden EU-Gentechnikrechts eingeleitet. Durch die angepeilte Neuregelung könnten NGT-Pflanzen jedoch schon bald ohne strenges Zulassungsverfahren und ohne Kennzeichnung auf den Markt kommen. Dabei steht viel am Spiel: Denn wird das neue gentechnisch veränderte Saatgut einmal auf den Feldern ausgebracht, kann dies kaum wieder rückgängig gemacht werden.

Gemeinsam mit Friends of the Earth Europe (FOEE) haben wir nachgeforscht, ob NGT-Pflanzen tatsächlich zur Pestizid-Reduktion beitragen und die Ergebnisse in einem Report zusammengefasst. Offenkundig war ja bereits, dass mittels Alter Gentechnik hergestellter Pflanzen der Einsatz von Pestiziden keineswegs verringert werden konnte. Nach den vorliegenden Erkenntnissen ist dies aber genauso wenig mit Pflanzen, die mittels Neuer Gentechnik entwickelt werden, möglich. Ganz im Gegenteil, diese könnten zum Teil deren Einsatz sogar noch erhöhen.

Report downloaden

Mittelfristig mehr Pestizide bei Alter Gentechnik

Bereits mit den Methoden der Alten Gentechnik werden hauptsächlich herbizidresistente ‒ gegen Unkrautvernichtungsmittel immune ‒ Gentechnik-Pflanzen produziert. So wird ermöglicht, dass diese Pflanzen trotz großflächig gespritzter Pestizide einfach weiter wachsen. Allerdings hat das Ganze einen hohen Preis. Die Natur passt sich nämlich an und es entstehen super-resistente Unkräuter. Diese werden wiederum ‒ wenig überraschend ‒ mit neuen Pestiziden bekämpft.

In Argentinien hat man 1996 herbizidtolerantes Gentechnik-Soja zugelassen. Der geschätzte Glyphosateinsatz stieg daraufhin von 2,83 Kilogramm im Jahr 2000 auf 4,45 Kilogramm pro Hektar im Jahr 2014 – also um satte 60 Prozent. Das Fatale daran ist, dass Pestizide außerdem zu einem Rückgang der biologischen Vielfalt führen und gleichzeitig die menschliche Gesundheit gefährden.

Unser Report zeigt auch auf, dass der in den USA bescheidene Rückgang von chemischen Insektiziden (Bt-Toxine) auf gentechnisch veränderten Bt-Pflanzen ‒ insektenresistenten Pflanzen ‒ nur von kurzer Dauer war. Denn die Schädlinge entwickelten ebenso wie die Unkräuter schnell eine Resistenz gegen das Gift.

Pestizide

Neue Gentechnik-Pflanzen sind kein Wundermittel gegen Pestizide

Gentechnik-Lobbyist:innen geben an, dass sich die mittels NGT-Methoden gentechnisch veränderten Pflanzen von denen der ersten Generation unterscheiden und dass sie ‒ anderes als erstere ‒ sehr wohl den Einsatz von Pestiziden verringern würden. Jedoch zeichnet auch hier die Realität ein anderes Bild. Einige derzeit in der Entwicklungspipeline befindliche NGT-Pflanzen zielen nämlich genau wie die Alte Gentechnik auf Herbizidtoleranz ab.

Eine Untersuchung des Joint Research Center (JRC) der EU ergab folgende Bilanz: 6 von 16 NGT-Pflanzen, die kurz vor der Marktreife stehen, sind auf Herbizidtoleranz ausgelegt. Das ist nicht weiter überraschend, schließlich lässt sich damit gutes Geld verdienen: Viele Saatgut- und Chemie-Konzerne wie Bayer, Corteva, Syngenta und BASF lassen sich das Gentech-Saatgut dieser herbizidtoleranten Pflanzen nämlich patentieren und verkaufen diese mit den dazugehörigen Pestiziden gleich im Doppelpack. Die Landwirt:innen geraten in den Teufelskreis der Abhängigkeit und die Konzerne machen ordentlich Profit und beherrschen mit diesem Geschäftsmodell auch gleich die globalen Pestizid-Märkte.

Zweifelhafte Konsultation zu EU-Gentechnikrecht

Die Europäische Kommission hat kürzlich eine öffentliche Konsultation zum EU-Gentechnikrecht gestartet. Bürger:innen können sich daran beteiligen, indem sie einen Online-Fragebogen ausfüllen. Dieser enthält Versprechungen der Gentech-Konzerne bezüglich der Nachhaltigkeit ihrer Produkte, freilich ohne irgendeinen Beweis anzuführen. Statt auf die unbegründete Hoffnung zu setzen, NGT-Pflanzen könnten zur Pestizid-Reduktion beitragen, sollte vielmehr in eine zukunftsweisende, agrarökologische und biologische Landwirtschaft investiert werden.