Fragen und Antworten zur Mobilitätswende

Wie gelingt die Mobilitätswende in Österreich – und welche Auswirkungen hat sie auf Gesellschaft, Umwelt und unseren Alltag? Hier beantworten wir gemeinsam mit Expert:innen die wichtigsten Fragen rund um Verkehrspolitik, Klimaziele und nachhaltige Mobilität und zeigen, warum Veränderungen im Verkehrssektor dringend notwendig sind.

Dieser Bericht basiert auf leitfadengestützten Expert:inneninterviews sowie einer ergänzenden Literaturrecherche unter Einbeziehung öffentlich zugänglicher Daten der ÖBB, des Nachhaltigkeitsberichts der ÖBB und des Umsetzungsplans 2025–2030. Ziel ist es, die Notwendigkeit, Potenziale und sozialen Herausforderungen der Mobilitätswende aus verkehrs- und gesellschaftspolitischer Perspektive darzustellen. Der Verkehrssektor verursacht hohe Treibhausgasemissionen, Lärm, Luftverschmutzung und einen großen Flächenverbrauch.

Über Jahrzehnte wurde der Autoverkehr bevorzugt, was zu einer starken Abhängigkeit vom Pkw, zu Staus und zur Versiegelung öffentlicher Räume geführt hat. Vor diesem Hintergrund hat die österreichische Bundesregierung im Mobilitätsmasterplan 2030 eine umfassende Strategie beschlossen, die auf Verkehrsvermeidung, die Verlagerung auf umweltfreundliche Verkehrsträger und eine Verbesserung der Lebensqualität abzielt. Diese Veränderungen werfen viele Fragen auf, die wir im Rahmen von Expert:inneninterviews näher beleuchtet haben.

Welche Rolle spielt der öffentliche Verkehr in der Mobilitätswende?

 Stadt mit Straßenbahn, Radwegen, Fußgängerzone

GLOBAL 2000

Ein gut ausgebauter, leistbarer und barrierefreier öffentlicher Verkehr ist das Rückgrat der Mobilitätswende. Er ermöglicht klimafreundliche Mobilität, reduziert Emissionen und schafft eine zuverlässige Alternative zum privaten Pkw.

Die ÖBB sehen genau hier ihren zentralen Beitrag zur Mobilitätswende: Durch hohe Investitionen in die Schieneninfrastruktur sowie Kapazitäts- und Qualitätssteigerungen soll der Umstieg vom Auto auf Bahn und Bus erleichtert werden. Ziel ist es, öffentliche Mobilität im Alltag zuverlässig, leistungsfähig und konkurrenzfähig zum Pkw zu machen.

Ein leistungsfähiger öffentlicher Verkehr sorgt für eine deutliche Verkehrsverlagerung vom Pkw zu Bus und Bahn. Dadurch werden CO₂-Emissionen reduziert und nachhaltige Mobilitätsformen gestärkt.

Gleichzeitig ermöglicht er leistbare Mobilität für: Menschen mit geringem Einkommen,ältere Personen und Menschen mit Behinderungen. Damit übernimmt der öffentliche Verkehr auch eine wichtige soziale Funktion.

Damit öffentlicher Verkehr im Alltag genutzt wird, sind folgende Faktoren entscheidend:

  • Dichte Taktungen für kurze Wartezeiten

  • Gute Anschlüsse zwischen Bahn, Bus und anderen Verkehrsmitteln

  • Flächendeckende Erreichbarkeit, insbesondere im ländlichen Raum

  • Barrierefreiheit für alle Nutzergruppen

Nur wenn diese Rahmenbedingungen erfüllt sind, kann der öffentliche Verkehr eine echte Alternative zum Auto darstellen und die Mobilitätswende nachhaltig vorantreiben.

“Die Mobilitätswende ist für uns quasi der Shift von einem Mobilitätssystem, wo sehr viel auf Autoverkehr gesetzt wird – auch von den aufgewendeten Ressourcen, sei es Zeit und Platz in der Stadt – hin zu einem Verkehrssystem, wo die meisten Wege mit dem Umweltverbund stattfinden, das bedeutet zu Fuß gehen, Rad fahren und Öffi-Verkehr."

Roland Romano, Radlobby Wien

Was ist aktive Mobilität und warum ist sie wichtig?

Aktive Mobilität bezeichnet die Fortbewegung mit eigener Muskelkraft – vor allem zu Fuß oder mit dem Fahrrad im Alltag. Viele Alltagswege sind kurz und könnten zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegt werden, werden jedoch noch häufig mit dem Auto gefahren. Aktive Mobilität ist klimafreundlich, gesund und benötigt wenig Raum. Sie leistet einen wichtigen Beitrag zu nachhaltiger Mobilität und lebenswerter Stadtentwicklung.

Damit mehr Menschen kurze Wege aktiv zurücklegen, sind geeignete Rahmenbedingungen erforderlich: Sichere und durchgängige Netze für Fuß- und Radverkehr, Niedrige Geschwindigkeiten im motorisierten Verkehr und Klare Trennung der Verkehrsarten an gefährlichen Stellen. Diese Maßnahmen erhöhen die Sicherheit und fördern den Umstieg auf klimafreundliche Mobilitätsformen.

Zentrale Vorteile aktiver Mobilität sind:

Viele Menschen auf Fahrrädern fahren durch Wien auf Straße und an grünen Bäumen vorbei

GLOBAL 2000 / Stephan Wyckoff,
  • Emissionsreduktion: Weniger motorisierter Verkehr senkt CO₂- und Schadstoffausstoß.
  • Gesundheitsförderung: Regelmäßige Bewegung stärkt die körperliche und mentale Gesundheit.
  • Mehr Aufenthaltsqualität: Öffentliche Räume werden ruhiger, sicherer und attraktiver.

  • Effiziente Flächennutzung: Fuß- und Radverkehr benötigen deutlich weniger Platz als Autos.

 

“Ein kostenloser öffentlicher Nahverkehr kann ein entscheidender Hebel sein, aber nur dann, wenn er flächendeckend, dicht und qualitativ hochwertig ist. Sonst führt er nicht zum Umstieg vom Auto.”

Sylvia Leodolter, Ehem. Leiterin der Abteilung Umwelt & Verkehr der Arbeiterkammer Wien, Mitglied der Schienenkontrollkommission

Welche versteckten Kosten hat der Autoverkehr?

Autos im Stau

GLOBAL 2000

Der Autoverkehr wird häufig als unverzichtbar wahrgenommen. Gleichzeitig gelten Alternativen wie öffentlicher Verkehr, Radverkehr oder Fußverkehr oft als unpraktisch oder ineffizient. Diese Wahrnehmung ist jedoch stark von historischen Entwicklungen geprägt. Über viele Jahrzehnte wurde das Auto im Verkehrssystem bevorzugt, etwa durch Infrastrukturplanung und politische Rahmenbedingungen. Gleichzeitig fehlt die Kostenwahrheit im Verkehr: die tatsächlichen Auswirkungen des Autoverkehrs sind nicht vollständig sichtbar. 

Ein verbreiteter Mythos lautet, dass Autoverkehr unverzichtbar für Mobilität und Wirtschaft sei. Diese Annahme führt häufig zu Widerständen gegen Maßnahmen zur Förderung nachhaltiger Mobilität.

In der Praxis zeigt sich jedoch ein differenzierteres Bild: Viele Wege könnten auch mit öffentlichem Verkehr, Fahrrad oder zu Fuß zurückgelegt werden – besonders im urbanen Raum.

Der Autoverkehr verursacht hohe externe Kosten, die nicht direkt von den Verursachenden getragen werden. Dazu zählen unter anderem:

  • Gesundheitskosten durch Luftverschmutzung und Lärm

  • Umweltkosten durch Emissionen und Flächenverbrauch

  • Infrastrukturkosten für Straßenbau und -erhalt

Diese Kosten werden häufig von der Allgemeinheit finanziert und sind daher im individuellen Preis der Autonutzung nur teilweise sichtbar. Alternativer Verkehrsmittel wie Öffentlicher Verkehr, Radverkehr und Fußverkehr sind in vielen Situationen flächeneffizienter, gesellschaftlich kostengünstiger und ressourcenschonender. Dadurch können sie einen wichtigen Beitrag zu einem effizienteren und nachhaltigeren Verkehrssystem leisten.

“Der Autoverkehr verursacht die höchsten Kosten, aber die Allgemeinheit trägt einen Großteil davon.”

Roland Romano, Radlobby Wien

Welche sozialen Herausforderungen gibt es bei der Mobilitätswende?

Die Mobilitätswende betrifft bestimmte Bevölkerungsgruppen besonders stark. Dazu zählen vor allem einkommensschwache Haushalte, ältere Menschen sowie Bewohner*innen ländlicher Regionen.

Damit nachhaltige Mobilität für alle funktioniert, müssen mehrere Faktoren berücksichtigt werden:

  • Leistbare Tarife im öffentlichen Verkehr

  • Gute Erreichbarkeit von Arbeit, Bildung und Gesundheitsversorgung

  • Soziale Ausgleichsmaßnahmen bei klimapolitischen Instrumenten wie der CO₂-Bepreisung

    Innerem eines Zuges

    GLOBAL 2000

Eine erfolgreiche Mobilitäts- und Klimapolitik entsteht nur dann, wenn ökologische und soziale Ziele gemeinsam verfolgt werden. Nur so kann die Mobilitätswende breite gesellschaftliche Akzeptanz erreichen. Der öffentliche Verkehr gilt als eines der wichtigsten Instrumente für soziale und nachhaltige Mobilität. Er ermöglicht vielen Menschen erst den Zugang zu zentralen Lebensbereichen wie Arbeit, Bildung und medizinischer Versorgung. In ihren Umsetzungsplänen betonen die ÖBB insbesondere zwei zentrale Voraussetzungen: Barrierefreiheit und Zugänglichkeit für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen

Diese Faktoren sind entscheidend, damit Mobilität für alle Menschen tatsächlich nutzbar wird – unabhängig von Einkommen, Alter oder Wohnort

“CO₂-Steuern treffen Menschen mit geringem Einkommen stärker, weil sie kaum Ausweichmöglichkeiten haben.”

Sylvia Leodolter, Ehem. Leiterin der Abteilung Umwelt & Verkehr der Arbeiterkammer Wien, Mitglied der Schienenkontrollkommission

Frage & Antwort

Auch wenn Wien sehr gute öffentliche Verkehrsmittel hat, fahren dennoch viele Leute in der Stadt mit dem Auto. Wie kann das geändert werden?

In Wien liegt der Anteil der Wege, die mit dem Auto zurückgelegt werden, bei 25 %. Das ist für eine nachhaltige Mobilität immer noch viel zu hoch. Nur Angebote bereitzustellen und die Infrastruktur für Öffis, zu Fuß gehen und das Radfahren auszubauen, ist aber zu wenig. Der Autoverkehr müsste massiv verlangsamt und das Parkplatzangebot drastisch reduziert werden. Nicht von heute auf Morgen aber mittelfristig. Nur so kann eine tiefgreifende Veränderung stattfinden.

Patrick Scherhaufer, Sozialwissenschaftler der BOKU und Leiter der Gruppe für Nachhaltigkeits- und Demokratieforschung

Führt der Tausch von einem Benzinauto zu einem Elektroauto nicht zu noch größeren Umweltschäden?

"Mit dem Umstieg auf einen Elektroantrieb könnte zirka die Hälfte bis zu Zwei-Drittel der Treibhausgase im Autoverkehr eingespart werden. Andere Probleme, wie der hohe Flächenverbrauch, Lärm, Mikroplastik durch den Reifenabrieb oder Feinstaub bei der Fahrzeug- und Akkuherstellung, bleiben aber weiterhin bestehen. Das Setzen auf eine neue Antriebstechnik macht noch keine Mobilitätswende."

Patrick Scherhaufer-Sozialwissenschaftler der BOKU und Leiter der Gruppe für Nachhaltigkeits- und Demokratieforschung

Könnte man die Mobilität noch gezielter lenken z. B. durch Bereiche, die für motorisierten Verkehr komplett gesperrt werden?

"Ja, auf alle Fälle. Paris, Barcelona und andere Großstädte zeigen, dass durch den gezielten Rückbau von Straßen, die Verteuerung des Parkens gerade für große Fahrzeuge, die Einführung von Tempolimits (30 km/h) und einer City-Maut bei gleichzeitiger Förderung der sogenannten 15-Minuten-Stadt – alle wichtigen Einrichtungen des täglichen Lebens sind innerhalb von 15 Minuten zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar – das Mobilitätsverhalten gezielter gelenkt werden kann."

Patrick Scherhaufer, Sozialwissenschaftler der BOKU und Leiter der Gruppe für Nachhaltigkeits- und Demokratieforschung

Welche Rolle spielen Einkommensunterschiede bei den Auswirkungen der CO₂-Bepreisung im ländlichen und städtischen Raum?

"Eine Invention der CO2-Steuer in öffentlichen Verkehr und damit verbundene Ticketpreisreduktionen wären zum Beispiel eine effiziente und sozial gerechte Maßnahme! Gerade im ländlichen Raum sind viele Menschen aufs Auto angewiesen. Hier ist die CO2 Bepreisung also manchmal weniger ein Anreiz umzusteigen, als Mehrkosten, die einfach getragen werden müssen. Hier müssen Alternativen geschaffen werden!"

Hannah Keller-Klima, Sprecherin für Global 2000 und Expertin für die Mobilitätswende

Viele Shared-Mobility-Angebote setzen digitale Zugänge wie Apps oder Online-Zahlungsmethoden voraus. Welche Barrieren entstehen dadurch und welche Maßnahmen wären geeignet, um diese Zugangsprobleme zu reduzieren?

"Gerade ältere Menschen tun sich oft schwer mit Tech-Basierten Angeboten. Eine Offline Alternative, Hotlines und die Möglichkeit des Ticketkaufs in Trafiken und ähnlichen Geschäften können eine gute Lösung darstellen. Gleichzeitig ist aber einfach auch nicht jedes Angebot für jede Zielgruppe geeignet und das ist auch in Ordnung. Frauen und weiblich gelesene Personen haben bei solchen Angeboten oft größere Sicherheitsbedenken. Außerdem sind sie, durch den größeren Teil der Care-Arbeit öfter mit Kindern oder viel Gepäck unterwegs. Möglichkeiten wie das Teilen des GPS-Standorts können dabei helfen, das Sicherheitsempfinden zu erhöhen. Ich gehe davon aus, dass sich das Angebot hier sehr stark erweitern wird."

Hannah Keller-Klima, Sprecherin für Global 2000 und Expertin für die Mobilitätswende