Neuigkeit, 24.03.2020

Wie sich das Coronavirus auf unsere Umwelt auswirkt

So schlimm die Corona-Krise derzeit ist, für die Umwelt bedeutet sie eine Verschnaufpause: In China gehen die CO2-Emissionen zurück, in den Kanälen Venedigs ist das Wasser so klar wie noch nie und es werden sogar Delfine in Häfen gesichtet, wo in den letzten Jahren nur große Kreuzfahrtschiffe unterwegs waren.

Klar ist jedoch, dass es sich um eine Ausnahmesituation handelt. Selbst positive Effekte für die Umwelt, sind in vielen Fällen mit negativen gesellschaftlichen Maßnahmen verknüpft. Wir bekommen aber gerade einen Einblick, was in der Natur passiert, wenn wir ihr ein bisschen mehr Raum geben. Nach der Krise wissen wir dann, wie wir die Natur auch in Zukunft auf eine nachhaltige Art und Weise unterstützen können - durch einen Wandel hin zu einer klimafreundlichen und artenschutzverträglichen Arbeits- und Wirtschaftsweise in Österreich und weltweit.

Was bedeutet die Corona-Krise für die Umwelt in Österreich? Unsere ExpertInnen geben erste, vorsichtige Schätzungen ab:

Biodiversität

Durch die Ausgangsbeschränkungen sind generell weniger Leute unterwegs, was der Natur wieder etwas mehr Raum gibt. So werden etwa Wildtiere – zumindest abseits der Naherholungsgebiete der Städte – aktuell weniger gestört als zuvor und können sich freier in ihrem Lebensraum bewegen.

Da viele Fabriken still stehen und weniger Auto unterwegs sind, haben sich die Emissionen von Schad- und Nährstoffen verringert und es kommt zu einer geringeren Umweltbelastung, wovon die Biodiversität ebenfalls profitiert. Vor allem Stickstoff wirkt sich in sensiblen Gebieten wie Mooren oder Trockenrasen normalerweise negativ auf die Artenvielfalt aus. Eine der größten Ursachen für Stickstoffeinträge in die Natur, nämlich die intensive Düngung der Felder und Wiesen, bleibt allerdings auf hohem Niveau.

Weniger Autoverkehr kommt der Tierwelt auch direkt zu Gute, denn jährlich werden unzählige Insekten, aber auch Igel, Hasen, Vögel, Rehe und viele andere Tiere von fahrenden Autos getötet. Diese Tiere haben aktuell ruhigere Zeiten. Außerdem sind durch den eingeschränkten Handel und reduzierte Reisen weniger Schiffe auf den Meeren und Flüssen unterwegs, was eine geringere Verschmutzung der Gewässer und weniger ohrenbetäubender Lärm für die Wasserbewohner mit sich bringt.

Es wäre zu hoffen, dass auch die Lichtverschmutzung (unnötige Lichtemissionen in der Nacht, die negative Auswirkungen auf Insekten und andere Tiere haben) zurückgeht, da die geschlossenen Geschäfte und Firmen in der Nacht nicht beleuchtet werden müssen. Vor allem wäre eine nächtliche Beleuchtung jetzt doppelt sinnlos, weil durch die Ausgangsbeschränkungen auch nur sehr wenige Personen die beleuchteten Geschäfte überhaupt sehen. Ob wirklich weniger beleuchtet wird, wissen wir allerdings nicht, denn auch wir halten uns an die Ausgangsbeschränkungen.

Der eingeschränkte, globale Warenverkehr und die auf ein Minimum reduzierten Reisen, senken das Risiko einer internationalen Verbreitung von invasiven Arten. Eingeschleppte Tier- und Pflanzenarten sind eine Bedrohung für die heimische Flora und Fauna. Die Kontrolle dieser sogenannten invasiven Neobiota ist ein erklärtes Ziel der europäischen sowie auch der österreichischen Biodiversitätsstrategie.

Die Frühlingszeit ist auch Gartenzeit und viele von uns verbringen wegen des Corona-Virus vielleicht noch mehr Zeit im Garten als sonst. Das bedeutet auch, dass wir jetzt umso mehr für die Artenvielfalt in der eigenen Grünoase tun können. So wie wir Menschen auf einander Acht geben, so sollte wir auch auf die Natur Acht geben. Viele Tipps zur Förderung der Artenvielfalt gibt es in unserer Broschüre „Lebensraum Garten“ und in unserem Nationalpark Garten.

Es gibt aber auch negative Auswirkungen auf die Natur. So musste etwa die händische Aufzucht von Waldrappen gestoppt werden. Obwohl genug Nachwuchs da wäre, ist nicht möglich, die Aufzucht zu organisieren. Auch die anschließende "menschliche Migration" der Tiere, wodurch sie in ihre Winterquartiere gelangen würden, fällt dadurch aus. Außerdem besteht derzeit global gesehen große Sorge um bedrohte Menschenaffen, da sie sich mit dem Virus infizieren könnten.

Durch die Einschränkungen der Wirtschaft und der Mobilität kommt es also in einigen Bereichen zu einer Entlastung der Natur, die Hauptursachen für den Artenverlust bleiben aber bestehen. Dies sind in unseren Breiten nämlich die zu intensive Flächennutzung durch die Landwirtschaft inkl. Pestizideinsatz, sowie das Ausräumen der Landschaften und die Versiegelung von Böden. Dazu kommt, dass im Schatten der Krise auch die Rodung des Regenwaldes ungebremst weitergeht und der Klimawandel voranschreitet, der ebenfalls viele Arten bedroht.

Klima

Auf die CO2-Emissionen in Österreich wirken sich vor allem die derzeitigen Reisebeschränkungen aus. So gibt es starke Rückgänge beim Flugverkehr. Ein Flug verursacht 31mal so viele CO2-Emissionen wie eine Bahnfahrt. Reduziert sich der Flugverkehr in Österreich für ein Monat um 80% entspricht das einer CO2-Einsparung von etwa 159.000 t CO2. Das ist so viel wie 80.000 durchschnittliche PKW in einem ganzen Jahr verursachen. Außerdem gehören Home Office und Videokonferenzen heute zum Büroalltag, was auch den Verkehr und die dazugehörigen Emissionen stark reduziert. Das ganze gilt aber nur, während wir so eingeschränkt leben. Danach kommt es darauf an, welche Maßnahmen für langfristigen Klimaschutz gesetzt werden.

Gleichzeitig sehen wir eine verbesserte Luftqualität, wie die Rückgänge bei den Stickoxidmesswerten zeigen. Am Rudolfsplatz in Salzburg gingen die Werte etwa um mehr als die Hälfte zurück. In Graz und Wien zeigen Hotspots 20-35% weniger Stickoxide. Diese Verbesserung der Luftqualität ist besonders wichtig, weil pro Jahr in Österreich mehr als 6.570 Menschen vorzeitig an den Folgen der Luftverschmutzung durch Feinstaub, Stickoxide und bodennahem Ozon sterben.

Auch der soziale Zusammenhalt der Menschen kann positive Auswirkungen auf unser Klima haben. Diesen Zusammenhalt benötigen wir nämlich langfristig, damit wir neben der Corona-Krise auch die Klimakrise lösen können. Wenn wir lernen, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren, auf Freunde, Familie und weniger auf Materielles zu schauen, und die Politik den Weg für wichtige Zukunftsinvestitionen frei macht, können wir das schaffen.

Landwirtschaft

Bei Österreichs Bäuerinnen und Bauern kommt es gerade zu einer erhöhten Nachfrage in der Direktvermaktung und auf Onlineplattformen, die regionale Lebensmittel anbieten - zum Beispiel www.frischzumir.at oder www.markta.at. Da die Kundschaft aus der Gastronomie ausfällt, die Nachfrage in Supermärkten, bei Direktvermarktern und über Lieferservice aber steigt, müssen sich unsere heimischen LandwirtInnen der veränderten Situation anpassen. Dies ist eine unterstützenswerte Entwicklung, der Großteil der Nahrungsmittel geht aber weiterhin über den Einzelhandel an die KonsumentInnen.

Gentechnik-Unternehmen könnten die Corona-Krise als Chance sehen, unter dem (vielfach widerlegten) Vorwand der Ernährungssicherheit den Einsatz von GMOs in der Landwirtschaft anzupreisen. Doch gerade jetzt sollte uns der Wert gesunder Böden und sauberen Trinkwassers wieder ins Bewusstsein gerufen werden und der Zusammenhalt zwischen LandwirtInnen, KonsumentInnen und der Natur gestärkt werden. Um heimische Kleinbauern und -bäuerinnen auch politisch zu unterstützen unterschreiben Sie unsere Europäische Bürgerinitiative „Bienen und Bauern retten“.

Ein anderer Punkt ist die Erntesaison. In Österreich steht in den nächsten Wochen die Ernte von Erdbeeren, Spargel und Salat bevor. Durch die Grenzschließungen kommt es aber zu fehlenden Arbeitskräften in der Erntehilfe. Die Landwirtschaftskammern hat deshalb eine Plattform eingerichtet, um Arbeitskräfte zu vermitteln - hier braucht es die Unterstützung aus der Gesellschaft!

Plastik

Ein Rohstoff, der durch vermehrten Online-Handel besonders oft verwendet wird, ist derzeit Plastik. Auch der Großeinkauf im Einzelhandel steigert das Volumen an benötigten Plastikverpackungen. Dabei sind die besonders verschwenderischen Einwegverpackungen keine hygienischere Lösung als Mehrweg. Die ressourcenschonendste und auch sicherste Variante (zumindest wo möglich) ist daher, ein eigenes Mehrweg-Gefäß zu verwenden, das man selbst gründlich reinigen kann.

Man kann nur hoffen, dass durch die verhängten Ausgangsbeschränkungen weniger von diesen Einwegverpackungen in der Natur landen. Wobei in Kärnten derzeit bei einem verwandten Problem genau das Gegenteil berichtet wird: Da viele Leute ihre Häuser entrümpeln, wird vermehrt illegal Sperrmüll in der Natur abgelagert. Außerdem werden durch die Ausgangsbeschränkungen keine Flurreinigungen veranstaltet. Das bedeutet, dass Tonnen an Müll, der bereits in der Natur ist, von niemandem weggeräumt werden kann. Für alle, die doch einen kurzen Spaziergang alleine wagen (bitte Sicherheitshinweise beachten!) bietet sich daher unsere DreckSpotz-App an, mit der Müll aus der Natur entfernt und in der App gespeichert werden kann. So können wichtige Daten zu Art und Fundstellen des Mülls gesammelt werden.

Atom

In Atomkraftwerken ist das Coronavirus vor allem im täglichen Ablauf angekommen. In Frankreich sind in einzelnen Kraftwerken bereits bestätigte Fälle des Virus aufgetreten. Dadurch wächst bei KraftwerksarbeiterInnen die Angst vor einer Infektion. Einige ArbeiterInnen protestierten bereits gegen unzureichende Sicherheitsvorkehrungen.

Ein Beispiel zu den Zuständen aus der Slowakei: Im AKW Mochovce werden ArbeiterInnen (immerhin knapp 4.000 Menschen) mit Temperatur-Scans auf eine Infektion getestet. Die Leute warten dabei in Schlangen/Trauben vor den Eingängen, um an der Scan-Scheibe, die nicht gerade hygienisch ist und nur einmal in der Stunde gereinigt wird, ihre Temperatur messen zu lassen.