Tote Biene

Da die Industriegruppe Pflanzenschutz (IGP) Falschaussagen über unsere Roundtable-Diskussion zur Bienenkise machte, entschlossen wir uns die Argumente der Pestizidlobby genauer zu betrachten. Jene Behauptungen und Argumente werden von Pestizidherstellern wiederholt als Beleg für die Harmlosigkeit der Pestizidprodukte angeführt. 
Wir haben für diesen Faktencheck alle, auf dem APA-Service ots.at abrufbaren, Presseaussendungen der IGP, die Bienen und/oder Pestizide zum Thema hatten, hinsichtlich der Richtigkeit der Darstellungen analysiert und kam zu folgenden Ergebnissen:

Wissenschaftliche Erkenntnisse der EFSA werden ignoriert

So schreiben die PestizidherstellerInnen beispielsweise noch im April 2014: Dabei sind die Neonicotinoide eine Erfolgsgeschichte des Pflanzenschutzes: "Durch die Aufbringung direkt auf das Saatkorn verteilt sich der Wirkstoff in der Pflanze. Daher kommen nur die Pflanzenschädlinge damit in Kontakt.“ Walter Haefeker, Präsident des Europäischen Berufsimkerverbandes, ist erstaunt, denn um solche Aussagen treffen zu können, müssen die Pestizidhersteller den wissenschaftlichen Prozess der vergangenen sechs Jahre zum Thema Neonicotinoide vollständig ignoriert haben. Denn dass systemische Insektizide wie die Neonicotinoide über den Saftstrom der Pflanze auch in den Pollen und Nektar gelangen, wo sie von Bienen aufgenommen werden, ist schon seit vielen Jahren wissenschaftlich belegt. Bei der umfassenden Neubewertung dreier solcher Neonicotinoide und des Insektizids Fipronil durch die europäische Zulassungsbehörde EFSA 2013 wurde bestätigt, dass Bienen über Staub bei der Aussaat, sowie über Rückstände in Pollen, Nektar, Honigtau und Guttationswasser mit den Wirkstoffen in Kontakt kommen. Die von der EU-Kommission verhängten Anwendungsverbote dieser Pestizide basieren genau auf diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Bienenmonitorings falsch wiedergegeben

Öffentlich verfügbare Zahlen über Bienenverluste, ob von der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit AGES, von der Karl-Franzens-Universität Graz oder dem Projekt “Zukunft Biene“ des BMLFUW werden wiederholt aus dem Zusammenhang gerissen und falsch interpretiert: So schreibt die IG Pflanzenschutz beispielsweise im Juni des Vorjahres über die von der Karl-Franzens-Universität erhobenen winterlichen Bienenverluste 2013/2014: "Zusätzlich ist festzuhalten, dass gerade aus den Gebieten mit intensiver landwirtschaftlicher Nutzung wie der Steiermark und Oberösterreich die geringsten Verluste gemeldet wurden. Der Vorwurf, dass Pflanzenschutzmittel hauptverantwortlich für das Bienensterben seien, wird damit ad absurdum geführt." Zu einem ganz anderen Ergebnis kam der Urheber der Studie, der Biologe Dr. Brodschneider von der Karl-Franzens-Universität Graz. Tatsächlich ließ sich bei den hier angesprochenen Winterverlusten, basierend auf den Meldungen der Imkereien wie auch schon in den Vorjahren, eine erhöhte Wintersterblichkeit in der Nähe von bestimmten Kulturen wie beispielsweise Raps oder Mais feststellen. Aus unseren Ergebnissen lässt sich mit Bestimmtheit kein Freispruch für Neonicotinoide konstruieren. Versuche in diese Richtung - von wem auch immer - sind daher entschieden zurückzuweisen.

Belastende Studien werden kritisiert

Studien und Untersuchungen, die Pestizidprodukten negative Auswirkungen auf Umwelt oder Gesundheit attestieren, werden als entweder veraltet, nicht ausreichend repräsentativ, unwissenschaftlich oder sogar tendenziös dargestellt. Dabei scheint es keinen Unterschied zu machen, ob hinter diesen Publikationen Top-Journale wie Nature oder Science, die Weltgesundheitsorganisation WHO oder Umweltschutzorganisationen wie GLOBAL 2000 oder Greenpeace stehen. So wurde beispielsweise das “Worldwide Integrated Assessment of the Impacts of Systemic Pesticides on Biodiversity and Eco Systems“ die bis heute umfassendste Studie über Neonicotinoide, für die ein 29-köpfiges, multidisziplinäres Wissenschaftsteam mehr als tausend Studien aus den vergangenen fünf Jahren analysierte, von der IGP in ihrer Aussendung vom 24. Juni 2014 als “eine Auslese mehrerer Worst-Case-Szenarios, die größtenteils unter Laborbedingungen zustande gekommen sind" abqualifiziert. Die IGP ging sogar so weit, den Autoren unlautere Motive zu unterstellen: „Leider scheint es so, dass das einzige Ziel dieser Publikation ein dauerhaftes Verbot von Neonicotinoiden ist - unabhängig davon, ob Feldstudien dies unterstützen oder nicht." Nicht einverstanden mit dieser Interpretation der IGP ist der Bienenforscher Randolf Menzel, denn bereits sehr niedrige Dosen, die denen entsprechen, die Bienen chronisch von gespritztem oder insektizidgebeiztem Raps aufnehmen, haben nachweislich massive subletale Effekte. Das Lernvermögen der Bienen, die Nutzung ihres Gedächtnisses, ihre Navigation und ihre Tanzkommunikation werden stark gestört. Die zugrunde liegenden Studien können nicht als "Laborversuche" abgetan werden, denn sie wurden unter Bedingungen durchgeführt, die denen entsprechen, die Bienen in der Landwirtschaft erleben. Besonders erschreckend ist die Wirkung von Thiacloprid, das immer wieder fälschlich als weniger bienengefährlich betrachtet wird. Dies ist nicht der Fall. Bereits chronisch aufgenommene Dosen im Bereich von wenigen Nanogramm pro Biene und Sammelflug zeigen die oben angegebenen Effekte.

Argumente halten Überprüfung nicht stand

Zu diesen einfachen, einleuchtenden, aber dennoch unrichtigen Beispielen zählt das von der Industrie in der OTS vom 2. April 2014 angeführte Australien-Varroa-Beispiel, Zitat: “Um die Gefährlichkeit der Varroa-Milbe zu demonstrieren, verweist der Bienenexperte auf Australien. Dort gibt es derzeit über 550.000 Wirtschaftsvölker sowie Millionen von verwilderten europäischen Honigbienenvölkern. Pflanzenschutzmittel werden dort ebenso angewendet, dennoch gibt es in Australien keine nennenswerten Bienenverluste. Der Grund: In Australien ist die Varroa-Milbe bislang noch nicht aufgetreten“. Serena Dorf vom Verband der australischen Bestäubungsimker kann über solche Aussagen nur den Kopf schütteln. Jene ImkerInnen, die in Australien ihre Bienenstände in landwirtschaftlichen Regionen platzieren, kämpfen zusehends mit Bienenverlusten, die es vor dem Einzug der systemischen Insektizide in dieser Form nicht gegeben hat. Die Situation ist möglicherweise vergleichbar mit jener in Europa vor fünf bis zehn Jahren, als ImkerInnen, UmweltschützerInnen und WissenschafterInnen bereits auf Probleme mit Neonicotinoiden aufmerksam machten, die zuständigen Behörden diesen Zusammenhang aber noch in Abrede gestellt hatten. 

Unsachgemäßen Anwendung soll Schuld sein

Immer wieder behauptet und betont die IG Pflanzenschutz in ihren Aussendungen die angebliche Sicherheit ihrer Pestizide, vor allem der verbotenen Neonicotinoide, für Bienen und Umwelt. Allerdings immer unter der Einschränkung “bei sachgemäßer Anwendung“. Josef Stich, Obmann der Biene Österreich, meint dazu, dass es in Österreich ab 2008 (bis 2013) regelmäßig Schäden durch neonicotinoide Maisbeizen gab. Diese wurden ab 2009 durch die AGES auf wissenschaftlicher Basis untersucht und dokumentiert. Den Aussagen der IGP zu Folge wären all diese Schäden unsachgemäßen Anwendungen durch Landwirte zuzuordnen. Heute wissen wir, dass Pestizide auch bei sachgemäßer Anwendung zu einer Exposition von Bienen führen können. Solange aber die PestizidherstellerInnen diese Möglichkeit ignorieren, bleiben letztendlich zwei Dumme über: der Imker, der den Schaden hat, und der Landwirt, der dem Verdacht einer unsachgemäßen, gesetzwidrigen Anwendung ausgesetzt ist.

Die hier angeführten Beispiele repräsentieren nur einen vergleichsweise kleinen Teil aus der Gesamtheit der falschen Darstellungen in den Presseaussendungen der IG Pflanzenschutz. Daher drängt sich eine Frage ganz besonders auf: Wenn sogar die öffentlich einsehbaren Angaben und Aussagen der Pestizidhersteller derart unzuverlässig und unrichtig sind, wie sieht es dann erst mit jenen, dem Betriebsgeheimnis unterliegenden Herstellerangaben und Versuchsdaten aus, die im Rahmen des Zulassungsverfahrens von der Industrie als Beleg für die Umwelt- und Gesundheitsverträglichkeit ihrer Produkte vorgelegt werden müssen?

Wir leitet aus den Ergebnissen des vorliegenden Faktenchecks die dringende Forderung ab, das europäische und die nationalen Zulassungsverfahren für Pestizidwirkstoffe und Pflanzenschutzmittel transparent zu gestalten, und die Herstellerangaben einem wissenschaftlichen Begutachtungsprozess zu unterziehen. Unterstützung in Detailfragen erhielten wir hierbei vom Neurobiologen und Bienenforscher Prof. Randolf Menzel, vom Präsidenten des Europäischen Berufsimkerverbandes Walter Haefeker, vom Co-Initiator der österreichischen Erhebungen von Winterverlusten bei Honigbienen, Dr. Robert Brodschneider von der Karl-Franzens-Universität Graz, und vom Obmann der Biene Österreich, Josef Stich.