EU-Behörden übersahen Tumorgefunde in bislang geheimen Glyphosat-Studien

Der renommierte Wissenschaftler Christopher J. Portier, ehemaliger Direktor des National Institute of Environmental Health Sciences der USA, erhielt durch einen Gerichtsbeschluss Zugang zu den Rohdaten einiger Glyphosat-Studien, die bisher geheim waren, da sie von Konzernen wie Monsanto als „Geschäftsgeheimnis“ deklariert wurden. Seine Analyse birgt Sprengstoff: Portier entdeckt dabei acht bisher unberücksichtigte statistisch signifikante Tumorbefunde in Fütterungsstudien mit Mäusen und Ratten. Diese Tumorbefunde wurden im Zulassungsantrag der Glyphosate Task Force (das ist der Zusammenschluss von 25 Glyphosat-Produzenten) nicht offen gelegt, obwohl sie in den eingereichten Originalstudien klar dokumentiert sind. In der Zusammenfassung der Studien, liesen die Hersteller diese Ergebnisse schlicht „unter den Tisch fallen“. In einem offenen Brief an EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker teilt Christopher Portier jetzt diese Entdeckungen mit.

EU-Behörden übersahen acht Krebsbefunde in Hersteller-Studien

Damit steigt die Zahl der statistisch signifikanten Befunde in dem guten Dutzend Krebsstudien von Monsanto und Co. auf 21 Tumorbefunde. Diese neuen Ergebnisse legen den Verdacht nahe, dass die europäischen Kontrollbehörden, allen voran das inhaltlich federführende deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) blind den Angaben der Industrie in ihren Studien-Zusammenfassungen vertraut haben, ohne die Studien und die darin enthaltenen Rohdaten selbst genau zu prüfen.

Bereits im März 2017 veröffentlichte GLOBAL 2000 in dem Report „Glyphosat und Krebs – Gekaufte Wissenschaft“ Hinweise darauf, dass sich Kontrollbehörden wie die Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) zu sehr auf Herstellerangaben verlassen und ihre Kontrollaufgabe vernachlässigen. Die EFSA widersprach damals: Die Behörden würden „in erster Linie auf die Originalstudien und die darin enthaltenen Rohdaten, die sie selbst überprüfen, vertrauen“. Die jetzt veröffentlichten Befunde zeigen erneut, dass die Behörden die Rohdaten der Studien eben nicht selbst geprüft haben.

Kontrollbehörde musste Einschätzung schon einmal korrigieren

Bereits 2015 geriet das deutsche BfR schon einmal öffentlich unter Erklärungsdruck. Damals stufte die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) der Weltgesundheitsorganisation Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend beim Menschen“ ein – und widersprach damit der Einschätzung des BfR, das keine Krebseffekte feststellen konnte. Daraufhin musste das BfR seine Bewertung überarbeiten. Es korrigierte seine Einschätzung von ursprünglich nur vier statistisch signifikanten Krebsbefunde auf 13 Krebsbefunde. Der Grund: Die Behörde hatte “auf die statistischen Auswertungen in den Herstellerstudien vertraut", wie das BfR zugab. Spätestens ab diesem Zeitpunkt hätte dem BfR, der EFSA und der ECHA klar sein müssen, dass sie sich nicht länger nur auf die Zusammenfassungen in Monsantos Zulassungsantrag verlassen dürfen. Dieser rund 2.000 Seiten umfassende Zulassungsantrag wurde von den Glyphosat-Produzenten verfasst und von Monsanto bei der Behörde eingereicht. Er enthält Zusammenfassungen, Auswertungen und Interpretationen von Industriestudien und publizierten wissenschaftlichen Studien.

EFSA, ECHA, BfR: Nichts gelernt

Trotzdem haben BfR, EFSA und ECHA offensichtlich auch weiterhin nur auf Basis von Zusammenfassungen der Hersteller oder ihrer Vertragslabore Glyphosat für nicht krebserregend erklärt. Das gleiche gilt auch für die ExpertInnen aus den 28 Mitgliedstaaten auf deren Mitarbeit die EFSA mehrfach verwiesen hat. Hätte nur eine einzige dieser Behörden die Originalstudien überprüft und die darin dokumentierten Tumorhinweise nach den geltenden wissenschaftlichen OECD-Leitlinien ausgewertet, dann hätten die Behörden jene acht Tumorbefunde finden müssen, die nun Christopher Portier gefunden hat und in seinem Brief an Juncker beschreibt.

Schutz der EU-BürgerInnen vernachlässigt

Die Befunde stammen aus Studien, deren Fertigstellung zwischen acht und 35 Jahre zurückliegt und die eben so lange von der Industrie und den Behörden unter Verschluss gehalten wurden . Während dieser Jahre und Jahrzehnte konnten ausschließlich Behörden in die Rohdaten Einsicht nehmen und diese überprüfen. Doch von dieser Möglichkeit haben sie offenbar keinen Gebrauch gemacht.

Anders als behauptet, hat die EFSA bei den Krebsstudien mit Mäusen oder Ratten die Originalstudien offenbar nicht überprüft, obwohl insbesondere die Ergebnisse dieser Studien darüber entscheiden, ob eine Zulassung erteilt werden kann oder nicht: Denn gemäß EU-Pestizidverordnung Nr. 1107/2009 gilt seit Juni 2011, dass schon zwei als positiv erkannte Krebsbefunde bei Mäusen oder Ratten eine Zulassung verbieten.

Die neuen Befunde von Christopher Portier aus seinem Brief an EU-Kommissionspräsident Juncker zeigen, dass die europäischen Kontrollbehörden offenbar dabei versagen, ihrer Kontrollfunktion nachzukommen und die 500 Millionen BürgerInnen der EU vor gesundheitsgefährdenden Chemikalien zu schützen. Eine vollständige Neubewertung der Krebsgefahr von Glyphosat durch EFSA und ECHA wäre nun ein konsequenter Schritt, um das Vertrauen in unsere Kontrollbehörden wieder herzustellen.

Außerdem wird erneut deutlich, dass das Zulassungsverfahren für Chemikalien in der EU reformiert werden muss. Es kann nicht sein, dass Studien von der Industrie geheim gehalten werden dürfen, auf deren Basis Gesundheits- und Umweltgefahren von Chemikalien bewerten werden. Diese Studien müssen auch unabhängigen WissenschaftlerInnen und Instituten zugänglich sein. Der intransparente Zulassungsprozess von Pestiziden wie Glyphosat spielt nur der Industrie in die Hände.