Maggikraut als Alien-Landeplatz

Im zweiten Teil unserer „Vielfalt im Auge des Betrachters“ Reihe möchte ich Ihnen heute die tierischen Besucherinnen an einem traditionellem Küchen-Gewürzkraut vorstellen: dem Liebstöckel.

Liebstöckel, das botanisch Levisticum officinale heißt, wird auch Maggikraut oder mancherorts Selleriekraut genannt. Es gehört zur Familie der Doldenblütler und hat auch die namensgebenden charakteristischen Doldenblüten, die aus vielen kleinen Einzelblüten zusammengesetzt sind. Doldenblütler, zu denen etwa auch Wilde Möhre, Kerbel, Dill, Petersilie, Karotten, aber auch der tödliche Gefleckte Schierling gehören, sind in der Regel sehr gute Insektenpflanzen. Im Fall vom Liebstöckel habe ich die Erfahrung gemacht, dass vor allem Wespen auf die Pflanze fliegen.

Wenn Sie jetzt denken: „Ich will aber gar keine Wespen in meinem Garten haben, denn die Viecher sind lästig und stechen.“, dann bitte ich Sie trotzdem weiterzulesen, denn die Wespen, die ich meine, sind in der Regel für den Menschen nicht gefährlich. Meist bemerkt man sie gar nicht oder erkennt sie nicht als Wespen. Außerdem sei an dieser Stelle vermerkt, dass alle Wespenarten, auch die lästigen, bis hin zur Hornisse sehr wichtige Nützlinge sind und sie deshalb keinesfalls getötet werden sollten.

Vielfalt an (ungefährlichen) Wespen

Wenn Sie Liebstöckel in Ihrem Garten haben, dann lassen Sie die Pflanze auch mal auswachsen und blühen. Oder pflanzen Sie einfach zwei Exemplare an, eines für Sie und eines für die Nützlinge. Dann können Sie von einer Pflanze kontinuierlich ernten und an der anderen Zeuge werden, wie sich unterschiedlichste Kreaturen einfinden, die mehr an Alien erinnern als an klassisch gelb-schwarz gestreifte Wespen.

  • Schmalbauchwespen

Gerne an Doldenblütler sind Schmalbauchwespen (Gasteruptionidae), die sich durch einen schwarzen Vorderkörper und einen langen und schmalen Hinterleib auszeichnen. Am Hinterleib befinden sich häufig rote Binden. Die Weibchen besitzen außerdem einen mehr oder weniger langen Legestachel, Schmalbauchwespen gehören nämlich zu den Legimmen und nicht zu den Stechimmen, was bedeutet, dass sie für den Menschen nicht gefährlich sind. Sie sind allerdings Parasiten von Wildbienen wie z.B. Mauerbienen. Mit dem Legestachel legen sie ihre Eier in die Nester ihrer Wirtstiere, wo sich ihr Nachwuchs entwickelt und dabei den Wildbienennachwuchs tötet. Weltweit gibt es etwa 500 Arten von Schmalbauchwespen, in Europa 30 Arten und in Österreich sind ca. 12 Arten bekannt.

Männliche Schmalbauchwespe
Weiblichen Schmalbauchwespe mit kurzem Legbohrer (Gasteruption assectator)
Weiblichen Schmalbauchwespe mit langem Legbohrer
  • Schlupfwespen

Ebenfalls parasitisch leben Schlupfwespen (Ichneumonidae). Sie zählen zu den ausgesprochenen Nützlingen im Naturgarten, da sie Blattläuse, Schmetterlings- und Blattwespenraupen sowie auch Käferlarven parasitieren und zuverlässig töten. Im gewerblichen Gartenbau werden Schlupfwespen sogar zugekauft und im Glashaus zur natürlichen Schädlingskontrolle ausgesetzt. Es handelt sich um eine sehr artenreiche Familie mit weltweit ca. 30.000 Arten, in Österreich sind ca. 2400 bekannt. Viele Schlupfwespen sind nur wenige Millimeter klein und leben vom Menschen unerkannt, es gibt allerdings auch größere Exemplare wie die Gelbe Schlupfwespe, die 1,5 cm groß wird.

Gelbe Schlupfwespe Gelbe Schlupfwespen

  • Langstiel-Grabwespen

Wie der Name schon andeutet, haben die Langstiel-Grabwespen (Sceliphron sp.) eine sehr lange und dünne Wespentaille. Der Hinterleib ist nur über eine dünne Brücke mit dem Vorderkörper verbunden. Sie bauen kleine Nester aus Lehm, welche sie mit getöteten Spinnen ausstatten, wovonsich ihr Nachwuchs ernährt. Es gibt noch viele weitere Grabwespenarten, von denen sich einige auch in künstlichen Nisthilfen (den sogenannten „Nützlingshotels“) einfinden. Manche Grabwespen sind auf bestimmte Spinnenarten spezialisiert und tragen z.B. nur Krabbenspinnen in das Nest ein. Grabwespen sowie auch die häufig sehr ähnlich aussehenden Wegwespen sind oft ganz schwarz. Prinzipiell gilt, schwarze Wespen sind sehr nützlich!

Langstiel Grabwespe
Schwarze Wespe
Grabwespe mit Spinnenproviant
  • Falten-Erzwespen

Die Falten-Erzwespen (Leucospididae) sind wiederum Gegenspieler von Wildbienen und können deshalb in der Nähe von Nisthilfen gefunden werden. Unter anderem parasitieren sie Mauerbienennester. In Österreich sind nur 4 Arten dieser Wespen bekannt, eine davon (vermutlich Leucospis dorsigera) war ebenfalls Gast am Liebstöckel. Weitere häufige Schmarotzer von Wildbienen sind die sehr hübschen, weil schön glänzenden, Goldwespen (Chrysididae).

Falten-Erzwespe Goldwespe

  • Faltenwespen

Unter den Faltenwespen (Vespidae) – deren bekannteste Vertreterinnen die Hornissen sind – gibt es einige solitär lebende Arten. Diese Einzelgänger besiedeln teilweise offene, oberirdische Hohlräume und nutzen deshalb auch vom Menschen bereitgestellte Nisthilfen. Als Nahrung für ihre Brut sammeln sie z.B. Schmetterlingsraupen, Rüsselkäfer und Blattkäferlarven und zählen somit zu den Nützlingen im Garten.

Faltenwespe mit Nisthilfe Faltenwespe auf Liebstöckl

  • Gallische Feldwespe

Zum Schluss noch zu einer Wespenart, die der Vorstellung einer Wespe – wie sie die meisten Menschen im Kopf haben – deutlich näher kommt. Feldwespen sind typisch schwarz-gelb gestreift, haben eine wespentypische Größe von ca. 1,5 cm und können auch stechen. Sie sind allerdings nicht aggressiv und kommen auch nicht zum Tisch um sich am Kuchen oder der Wurstplatte zu bedienen. Deshalb kann man beruhigt mit den Feldwespen zusammenleben, auch wenn sie ihre Nester gerne in unmittelbarer Nähe zum Menschen errichten. Feldwespen sind daran zu erkennen, dass ihre langen Hinterbeine im Flug deutlich herunterhängen. Außerdem bauen sie relativ kleine und immer offene Nester, weshalb sich die Vorgänge am Nest und die Brutpflege sehr gut beobachten lässt.

Gallische Feldwespe
Nest der Gallischen Feldwespe
Brutkammern der Gallischen Feldwespe

Andere Blütenbesucher an Liebstöckel

Neben den vielen Wespenarten können auch andere Tiergruppen wie Schwebfliegen, Ameisen, Marienkäfer und viele mehr an Maggikraut beobachtet werden. Liebstöckel ist deshalb ein wahres Multitalent, wenn es darum geht die Vielfalt im Garten zu fördern.

Schwebfliege auf Liebstöckel
Ameisen auf Liebstöckel
Marienkäfer auf Liebstöckel

Ich hoffe mit dieser kleinen Sammlung an Beobachtungen Ihre Neugier weiter geweckt zu haben. Vielleicht legen Sie sich auch eine Liebstöckelpflanze zu. Falls Sie schon eine haben, lassen sie diese einmal blühen und erfreuen sich an der Vielfalt.