Neuigkeit, 23.03.2022

Atomkraft führt zu neuen Import-Abhängigkeiten

Über 60 Prozent des in europäischen Atomkraftwerken eingesetzten Urans kommen aus Krisenstaaten. Der Import von Uran macht genauso abhängig wie der von Erdöl und Erdgas. Um langfristig in der Energieversorgung sicher und unabhängig zu sein, gehört unser Energiesystem umgebaut.

Europa ist von Russland als Energielieferant abhängig. Um sich aus dieser Abhängigkeit endlich zu lösen, plant die EU ab 2027, kein Gas und Öl mehr zu importieren. Jetzt wittert die Atom-Lobby ein großes Geschäft und bewirbt Atomkraft als Übergangstechnologie auf dem Weg zur Klimaneutralität. Doch Atomkraft ist alles andere als „grün“ und führt uns in eine weitere Abhängigkeit.

Über 60 Prozent der atomaren Brennstoffe in Europa kommen aus Krisenregionen wie Russland (20,21 %), Kasachstan (19,17 %) oder Niger (20,29 %). Länder, die Uran für Atomkraftwerke importieren, machen sich damit also nicht nur vom Rohstoff selbst abhängig, sondern auch von geopolitischen Problemen bei der Lieferkette – und von wenigen Konzernen, die weltweit Atomkraftwerke bauen und instand halten.

Mit dem Angriff auf die beiden ukrainische Atomkraftwerke in Tschernobyl und Saporischschja ist auch die Sicherheit solcher Anlagen wieder ins Zentrum gerückt: Die Besetzung des Tschernobyl-Sperrgebiets durch das russische Militär, der Ausfall der Stromversorgung im AKW Tschernobyl und die fahrlässigen Kämpfe um das größte Atomkraftwerk Europas in Saporischschja haben deutlich gemacht, wie schnell ein Atomkraftwerk außer Kontrolle geraten kann.

Rafael Grossi, Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation IAEA, warnt davor, dass nicht nur Erdbeben und Tsunamis, sondern auch (menschengemachte) Unfälle und Kriege eine enorme Gefahr darstellen: „Wenn es dieses Mal einen Atom-Unfall gibt, wird der Grund nicht ein Tsunami sein, den Mutter Natur ausgelöst hat. Es wird stattdessen das Ergebnis von menschlichem Versagen durch Nicht-Handeln sein.“

AKW Mochovce

Darum ist Atomkraft keine sichere Energiequelle

Mehrere Atomkraftwerke in der EU, darunter das tschechische AKW in Dukovany, die slowakischen in Mochovce und Bohunice und das ungarische in Paks, sind vom russischen Reaktortyp WWER 440-213 abhängig. Der russische Konzern TVEL, der Rosatom untersteht, ist der Monopollieferant für den Uran-Brennstoff dieses Bautyps. Der Betrieb all dieser Reaktoren hängt damit sprichwörtlich an einem einzigen „seidenen“ Faden.

Die russische Agentur für Atomenergie Rosatom ist der weltweit größte Produzent von Atomkraftwerken und kontrolliert zudem 17 Prozent der globalen Produktion nuklearer Brennstoffe. Als föderale Agentur untersteht Rosatom direkt der russischen Regierung und umfasst neben zivilen Reaktorprojekten etwa in der Türkei und dem umstrittenen ungarischen Paks II-Projekt auch die gesamte militärische Atomindustrie Russlands, weswegen das EU-Parlament am 28.2.2022 eine Resolution für Sanktionen gegen die Zusammenarbeit mit Rosatom verabschiedet hat. Die Zukunft der Rosatom-Projekte in Europa steht in Frage. Finnland hat bereits das Aus für einen neuen russischen Reaktor beschlossen.  

Das von einem russischen Konzern aufgekaufte tschechische Unternehmen Škoda JS nimmt für die tschechischen und slowakischen Atomkraftwerke eine Schlüsselfunktion ein. So stellt es unter anderem die Instandhaltung beider tschechischen Atomkraftwerke Temelín und Dukovany sicher. Darüber hinaus erzeugt Škoda JS Transportcontainer für frischen Nuklearbrennstoff für die Atomkraftwerke Dukovany, Bohunice und Mochovce. Škoda JS wurde 2004 vom russischen Maschinenbaukonzern OMZ Power Machines Group gekauft, das wiederum im Teilbesitz der russischen Gazprombank und des russischen Erdgasförderunternehmens Gazprom steht. Seit der Annexion der Krim im Jahr 2014 steht die OMZ auf der Sanktionsliste der USA.

Fakt ist: Atomkraft trägt weder dazu bei am Energiesektor von Russland unabhängig zu werden, noch stellt sie eine geeignete Übergangstechnologie auf dem Weg zur Energiewende dar.

Unabhängiges Energiesystem gefordert

Energieunabhängigkeit und Klimawende sind beide nur auf der Grundlage moderner erneuerbarer Energiequellen wie Sonne und Wind zu schaffen. Zudem gilt: Die beste Energie ist die, die wir gar nicht verbrauchen.

Mit fortschrittlicher Wärmedämmung in Gebäuden kann rasch eine große Menge an fossilem Brennstoff eingespart werden. Deswegen fordert GLOBAL 2000 jetzt die österreichische Regierung dazu auf, den Erneuerbaren-Ausbau zu fördern und in Energiesparmaßnahmen wie Gebäudesanierung zu investieren. Das ist gesamtwirtschaftlich gesehen schlau und schafft neue Arbeitsplätze. Zudem sind erneuerbare Energien nicht nur nachhaltiger, sondern auch billiger als Öl, Gas und Atom. Eine rasche und vollständige Wende im Energiebereich ist möglich. Die österreichische Regierung braucht nur noch den Mut dazu, diese konsequent und zügig einzuleiten. Dabei werden wir sie tatkräftig unterstützen.