Regenwürmer

Das weltweit meistverkaufte Unkrautvernichtungsmittel Roundup mit dem Wirkstoff Glyphosat galt vier Jahrzehnte lang als unproblematisch für Regenwürmer. Bis ein österreichisches Forschungsteam der Universität für Bodenkultur (BOKU) vor kurzem in einer Glyphosat-Studie feststellte, dass handelsübliche glyphosathältige Pflanzenschutzmittel die Aktivität und Fortpflanzung von Regenwürmern gravierend beeinträchtigen.

Aufgrund der unterschiedlichen Risikoeinschätzungen der Behörden und der Wissenschafter, haben wir uns die angewendeten Untersuchungsmethoden genauer angesehen. Das Fazit unserer Analyse ist jedoch wenig erfreulich: Mit den realitätsfernen Versuchsanordnungen der Behörden im Zulassungsverfahren lassen sich auch in hundert Jahren noch keine negativen Auswirkungen der untersuchten Produkte auf Regenwürmer nachweisen.

Glyphosat-Studie der BOKU findet dramatische Auswirkungen auf Regenwürmer

Die BOKU-Studie simuliert in verkleinertem Maßstab, was auf unseren Äckern täglich hundertfach vonstatten geht: Das Totspritzen von Beikräutern mit Unkrautvernichtungsmitteln auf Glyphosat-Basis. Dazu wurden 45-Liter-Töpfe mit Erde befüllt und mit natürlichen Beikräutern (gewöhnlicher Löwenzahn, Weißklee und Knäuelgras) bepflanzt. Dazu kamen noch die zwei häufigsten Regenwurmarten, der tiefgrabende Tauwurm und der horizontalbohrende Wiesenwurm. Die Beikräuter wurden mit handelsüblichen Roundup-Produkten gespritzt. Sie starben nach wenigen Tagen ab und dienten den Regenwürmern als reichliche Nahrungsquelle. Sechs Wochen später ließ sich bei den Regenwürmern eine 60-prozentige Abnahme der Fortpflanzung und Aktivität feststellen.

Industriestudien verschleiern schädliche Wirkung

Zur Bewertung des Risikos für Regenwürmer wurden 2002 im europäischen Erstzulassungsverfahren von Glyphosat insgesamt neun sogenannte “regulatorische Studien“ einbezogen. Auf den ersten Blick scheint diese Anzahl beachtlich. Doch acht dieser neun Studien sind simple Labortests zur Ermittlung der akuten Toxizität gemäß der Richtlinie “OECD-Guideline 207”. Dabei werden Würmer über ein Pestizid-getränktes Filterpapier oder in künstlichem Erd-Substrat unmittelbar dem Pestizid ausgesetzt. So wird die “letale Dosis” (LD50) ermittelt, bei der die Hälfte der Regenwürmer innerhalb von 14 Tagen stirbt.

Die akute Toxizität, also die unmittelbare Giftigkeit von Glyphosat, ist sehr gering, deshalb ist es verwunderlich, dass sich acht von neun Studien genau dieser Frage widmen. Mit Effekten, die nicht unmittelbar zum Tod der Regenwürmer führen (zum Beispiel die Beeinträchtigung der Fortpflanzung) beschäftigt sich hingegen nur eine einzige dieser neun Studien aus dem Zulassungsverfahren und das nur sehr mangelhaft. Denn unter realen Feldbedingungen und in der BOKU-Studie nehmen die Regenwürmer das Glyphosat als Bestandteil ihrer Hauptnahrungsquelle, nämlich in totem Pflanzenmaterial auf.

In dieser regulatorischen Studie nach “ISO/DIN 11268-2” hingegen wird Glyphosat ohne Pflanzen unmittelbar auf ein künstliches Erd-Substrat aufgebracht. Regenwürmer werden durch Kompostwürmer ersetzt. Diese reagieren nicht nur weniger empfindlich auf Pestizide. Sie kommen im Acker überhaupt nicht vor! Und an Stelle des handelsüblichen Pestizids, welches zusätzlich zum Wirkstoff Glyphosat wichtige Beistoffe enthält (die dem Wirkstoff beispielsweise den Eintritt in die pflanzliche oder tierische Zelle erleichtern), arbeiten Industriestudien überwiegend mit dem weniger wirksamen, isolierten Wirkstoff. Auf eine Feldstudie, welche die Regenwurmtoxizität unter realen Bedingungen abklären könnte, verzichtet die europäische Zulassungsbehörde. Sie begründet dies damit, dass aus den genannten einfacheren Industriestudien kein inakzeptables Risiko für Regenwürmer ersichtlich sei.

Regenwürmer sind Schlüsselspezies für Bodengesundheit

Alfred Grand, Regenwurmexperte und Betreiber Europas führender Kompostfarm veranschaulicht, dass ein Hektar gesunder Ackerboden bis zu einer Million Regenwürmer beherbergt. Diese leisten einen unverzichtbaren Beitrag für die Funktion und Fruchtbarkeit des Bodens. Mit der klimawandelbedingten Zunahme von Starkregenereignissen gewinnen Regenwürmer zusätzlich an Bedeutung, da sie die Wasseraufnahmekapazität des Bodens maßgeblich erhöhen und dadurch Überschwemmungen entgegenwirken. Doch je intensiver die landwirtschaftliche Nutzung wie Bodenbearbeitung, Dünger- und Pestizideinsatz, desto weniger Regenwürmer finden sich im Boden. Von einigen Pestiziden war schon bekannt, dass sie den Regenwurm schädigen können. Dass aber das weltweit meist verwendete und bisher als unbedenklich eingestufte Glyphosat auch zu dieser Gruppe zählt, sollte uns alarmieren.

Zulassungsverfahren muss reformiert, Glyphosat verboten werden

Die festgestellten Mängel im europäischen Zulassungsverfahren hinsichtlich des Risikos für Regenwürmer durch Herbizide weisen deutliche Parallelen zu den Mängeln bei der Risiko-Bewertung für Bienen durch systemische Insektizide auf. Diese stehen allerdings mittlerweile außer Streit. Ähnliches gilt auch für die WHO-Einstufung von Glyphosat als „wahrscheinlich für den Menschen krebserregend“. Dieser ist ja bekanntlich eine Generalentwarnung durch die deutsche Zulassungsbehörde vorausgegangen. Im Juni 2016 sollte die Entscheidung über eine neuerliche Zulassung des Pestizids für weitere 15 Jahre fallen. Nach etlichen ergebnislosen Abstimmungen beschließt die EU-Kommission eine vorläufige Zulassung für 18 Monate, während die Chemikalenagentur ECHA die krebserregende Wirkung von Glyphosat erneut überprüfen soll. Ende 2017 wird das Pestizid für weitere 5 Jahre zugelassen.