„Jammern wir nicht über das, was wir nicht haben, sondern besinnen wir uns auf das, was wir haben.“ Dieses Motto führte dazu, dass sich die südostburgenländische Gemeinde Güssing Anfang der 1990er-Jahre von fossilen Energieträgern verabschiedete und sich auf den Weg hin zur Energieautarkie machte.
Heute versorgt sich die 3800-EinwohnerInnen-Gemeinde selbst durch erneuerbare Energie (Holzvergasung). Die Idee kam, verrät Güssings Vizebürgermeister Gilbert Lang im Gespräch mit GLOBAL 2000, zunächst von einem jungen Ingenieur namens Reinhard Koch und nahm Fahrt auf, als Burgenland durch den EU-Beitritt 1995 zum Ziel-1-Fördergebiet erklärt wurde. „Das hat unserem Projekt den nötigen finanziellen Schub gegeben“, so Lang zu GLOBAL 2000.

In den letzten 20 Jahren hat sich in Güssing viel getan. 1996 wurde das Europäische Zentrum für Erneuerbare Energie (EEE) gegründet, das Konzepte zur kommunalen Nutzung und Erzeugung erneuerbarer Energien erarbeitet. Güssing bildet mit neun anderen Gemeinden das ökoEnergieland. Das Biomassekraftwerk gilt als Hauptattraktion für TouristInnen. An der Wirtschaftskrise ist Güssing, so Vizebürgermeister Lang, glimpflich vorbeigeschrammt. „China hat sogar Botschafter nach Güssing geschickt, um hier Informationen über unser Projekt einzuholen.“, erzählt er stolz.

Energieautark sein, ist aber nicht alles
Es ist ein Superanfang — das ist wahr. Aber Nachhaltigkeit beinhaltet mehr: Es müssen nicht nur fossile Brennstoffe vermieden, sondern auch der Verbrauch von Produkten eingeschränkt werden, die aus fossilen Rohstoffen gewonnen werden, etwa Plastiksackerl. Strom soll zwar aus erneuerbaren Quellen kommen, doch der Stromverbrauch muss gleichzeitig gedrosselt werden. Und wenn es keine Anbindung zum Bahnnetz gibt, sind die Menschen gezwungen, weiter mit dem Auto zu fahren und fossile Treibstoffe zu konsumieren. Also steht auch klimafreundliche Mobilität ganz oben auf der Nachhaltigkeits-Checkliste.

Nachhaltigkeit — keine leere Hülse
Nachhaltigkeit ist ein ganzheitlicher Ansatz. Die kleine Salzburger Gemeinde Seeham hat es sich zum Ziel gesetzt, das erste „Biodorf“ Österreichs zu werden: „Wir verfolgen mit dem Zukunftsbild einerseits eine nachhaltige gesellschaftliche Weiterentwicklung der Gemeinde, andererseits soll es für eine wesentliche wirtschaftliche Stimulierung im Ort sorgen“,.
„Bio“ steht für das griechische Wort „bios“ — Leben. Ein neues Zukunftsbild bezieht Umwelt und Wirtschaft ebenso ein, wie Gemeinschaft der Generationen und lebenslanges Lernen. Dazu gehört auch, dass die Betriebe „ethisch“ handeln. Ein Biohotel, acht Biobauernhöfe, einen bio-fairen Laden, eine Bio-Getreidemühle, eine Bio-Käserei, eine Kräuterwelt mit Bio-Naturgarten, einen Bio-Großhandel und einen Weinhändler mit Biowein gibt es in Seeham bereits. Seeham wurde dafür am 26. April 2012 mit dem Climate Star, dem europäischen Klimaschutzpreis, ausgezeichnet. Die Zertifizierung als erstes „Biodorf“ steht kurz bevor.

Egal ob Güssing oder Seeham — in beiden Fällen hat jemand die Sache in die Hand genommen. Nach und nach sind dann immer mehr Menschen auf den Zug aufgesprungen und wollten aktiv die Zukunf nachhaltig mitgestalten. Vielleicht sind Sie der oder die Nächste, die ein neues Biodorf-Projekt in Angriff nimmt? Nachhaltigkeit braucht NachahmerInnen, und zwar möglichst viele.

TEXT VON KATHARINA LEHNER UND MANUEL MAYERHOFER, GLOBAL 2000-UMWELTREDAKTEURiNNEN